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UNION YOUTH - Die beißen nicht, die wollen nur spielen!

Es riecht nach Schweiß, Lichtstrahlen kämpfen sich durch dichte Qualmbänke und lassen menschliche Silhouetten wie Dali's Hirngespinste erscheinen. Ich sehe junge Männer, die ihre mitunter bemitleidenswerten Instrumente malträtieren und ihnen jeden nur eben möglichen Ton entlocken. Burschen in ihren besten Jahren, die der Faszination des Feedback und der rauschartigen Existenz von Sauerstoffarmut mehr Gewicht zuschreiben, als der Angst ihrer Mütter, dass sie wenigstens etwas Ordentliches anzuziehen haben. „Wie du kommst gegangen, so wirst du empfangen.“, pflegt meine Mutter immer auszudrücken, was im Hier und Jetzt und unter diesen Umständen ausnahmlos vernachlässigbar wirkt. Es geht um Rock. Und der ist laut, emotional, lebendig und schmutzig. Willkommen in der Welt von Union Youth.

Wir sprechen über Mitglieder einer Generation, die zwischen zwei ernsthaft unterschiedlichen Weltbildern festsitzt: Generation „14+“, die Tonträger als Freiwild ansieht, Rücksicht nur aus diesem alten, heiligen Schinken kennt und Sex als bessere Fremdsprache versteht und Generation „um die 30“, die tränenüberströmt über Datensicherung auf Tape, die Einstiegsdrogen Treets und Raider und Tennisspieler ganz in weiß philosophieren. Genau in der Mitte findet man die Mitglieder der Band Union Youth. Mitglieder einer Generation, die sich noch erinnern kann, dass Zigaretten im Automaten 4 Mark kosteten und Schnaps eigentlich erst ab 18 erhältlich war. Sie beherrschen noch die Kunst des Ausdrucks und kennen vor allem eine Tugend, die nicht zu verachten ist: Ehrlichkeit. Der Schlüssel zu und das Geheimnis von guter Rockmusik. No fakes, please. Tatort Bad Bentheim. Eine Gegend Deutschlands, in der der gemeine Stadtmensch nicht tot überm Zaun hängen möchte. Also genug Ruhe, um sich auf das zu konzentrieren, was am meisten die Seele stärkt. Für Maze, Nosse, Bowy und Jon ist dies ihre Musik. Erstes Zeugnis ihres Schaffens ist der im letzten Herbst erschienene Longplayer „The Royal Gene“. Dass ihnen dieses Gen in die Wiege gelegt wurde, ist unschwer zu erkennen. Mehr Leidenschaft und Hingabe war auf keinem Release einer deutschen Band im letzten Halbjahr zu bewundern. Und dann die Sache mit dem Rad. Ja, es gibt das Rad schon recht lange, aber es kommt immer noch darauf an, wie man es einsetzt. Nach der VÖ des Debüt-Longplayers folgen unzählige Gigs, die dem Quartett nur allzu gut getan haben. So war es doch mehr als ein Wunsch, das vorhandene Material dem geneigten Publikum zu präsentieren.
Nächster Schritt: Eine Single mit dazugehörigem Video. Sell-Out? Keineswegs. Die Mühlen des Systems mahlen weiter, der Trainer will ein gutes Spiel sehen, ich strenge mich an. Bestandsaufnahme vor wenigen Wochen im Rahmen eines Gigs im niederländischen Groningen. Gut gelaunt und mit einer Literbuddel Whisky und 4 Dosen Cola (pfandfrei, yeah!) bewaffnet plaudert die gesamte Truppe über das letztliche Spektakel Clip-Shooting zu „Fruits For The Nation“. Es gab kein Storyboard... „Wir wollten einfach das Chaos, was uns auch sonst umgibt, mit in das Video einbeziehen, also brauchten wir keine Geschichte. Es fand draußen statt, es war kalt, es war Nacht und es war eine Tankstelle irgendwo in Berlin. Da kamen die Leute her, die das mit uns gemacht haben, und die kannten da halt so eine coole Tanke.“ Das Umfeld stimmte und die Jungs sind sich sicher, dass es nicht direkt ausgemustert wird. Keine offensichtlichen Kontroversen, einfach pure Essenz. „Wir haben doch mittlerweile alle genug HipHop-Videos mit nackten Weibern gesehen. Dieses ewige Auftrumpfen geht uns voll auf die Nerven. Ein Clip kann den Song unterstützen, viele sehen aber nur den Vermarktungs-Aspekt, der aber anscheinend nur noch mit dicken Titten und teuren Schlitten funktioniert. Bei uns war alles echt, Eis auf den Amps und alles komplett eingefroren.“ Die gleiche Authentizität, die auch mehr und mehr zum Markenzeichen der Shows von Union Youth wird. Der mitunter einfachste Weg, Leute zu erreichen. „Wir haben nicht oft das Gefühl gehabt, dass die Leute uns kennen. Eine Handvoll „Fans“ triffst du hier und da immer wieder, und das ist genau das, was wir uns gedacht und erhofft haben.“ Eine Definition von Erfolg, an der sich so mancher ein Beispiel nehmen kann. „Wir haben keine Ahnung, was wir bisher verkauft haben. Das interessiert uns aber auch nicht wirklich. Wir gehen davon aus, dass es wenig ist. Momentan ist das echt nebensächlich. Alles läuft so viel besser als wir jemals gedacht haben, dass es laufen kann.“ Und wo läuft es am besten? „Im Osten! Die Leute da gehen noch gerne auf Konzerte und haben nicht so schnell die Nase voll davon, dass eigentlich jeden abend irgendwelche Bands spielen wie in Hamburg oder Berlin. Da sind die Konzertgänger viel abgeklärter, was sich auch in der Stimmung widerspiegelt. Dort ist selbst ein gut gefüllter Club eher zurückhaltend.“ Nach wie vor heißt die Devise: Touren bis der Arzt kommt! Dies noch bis Mitte April und dann Kräfte sammeln für ein neues Album. Vorerst noch alleine, ab Mitte März dann zusammen mit Such A Surge im Rahmen des Jägermeister Band Support. „Ob das dann musikalisch so gut zusammen passt, ist uns eigentlich egal. Wir wollen nur spielen.“ Verstanden. Was ist also der Zweck eines Single-Release? „Man kann diese Single nicht als Versuch ansehen, kommerziell erfolgreich zu werden. Für ein „Home-Video“ ist der Clip wohl gar nicht so schlecht geworden, aber wir rechnen damit, dass er einmal gezeigt wird und dann nie wieder. Die breite Kommerzmasse will einen solchen Song wahrscheinlich gar nicht hören, wir lassen uns gerne überraschen. Zumindest ist auf unserer ersten Single kein Karaoke-Mix drauf, sondern 4 verschiedene Songs, von denen 2 auf CD unveröffentlicht sind.“
Auch beim Artwork legten die Tiefstapler selbst Hand an. Kartoffeldruck und Scherenschnitt? „Das Cover zeigt 4 Vaginen, die man aber nicht als solche erkennt, wenn man kein Auge für Vaginen hat. Das Fotzen-Cover, fein gezeichnet. Die Früchte für diese Nation.“ Oha! Oder: Schaunmermal. Was dem Kaiser wohl noch fehlt, ist die Erfahrung einer Live-Show der Herren. Ein Aspekt der Band, der noch weitaus besser als jede Platte ausdrückt, was denn das Universum von Union Youth beherrscht. Lärm, Gefühl, Flüssigkeitsverlust, pure Energie. Und ein weiterer Ausspruch von Sänger Maze erringt Wahrheit. „Warum unsere Texte nicht abgedruckt werden? Weil jeder, der uns hört und sieht weiß, worum es geht.“ Recht hat er. Der Beschreibung genug, nun müssen Taten folgen. Meine Sinne streiken, ich war irgendwie dabei. Der Rausch ist da. Dankeschön.

Aktuelles Album: The Royal Gene (eastwest)
Aktuelle Single: Fruits For The Nation (eastwest)
Weitere Infos: www.union-youth.com
© 01. Februar 2003  WESTZEIT ||| Text: Axel Nothen
Februar 2003

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