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SPORTFREUNDE STILLER - (Mehr als) Ein Statement!

10 Jahre, nachdem sie mit „You have to win Zweikampf“ den friedvoll-spaßigen Soundtrack der Herzen des „Sommermärchens 2006“ geliefert haben, überraschen die bekennenden Fußball-Fans zum 20jährigen Bandjubiläum mit ihrem siebten Studioalbum „Sturm & Stille“. Und dafür gibt es, um es mit der erfolgreichsten, 2013er Sporti-Single auszudrücken, ungetrübt „Applaus, Applaus“!

Am 07.10. ist es soweit, dann ist die Ruhe vor dem Sturm vorbei, und „Sturm & Stille“ wird (nicht nur) unsere Republik beschallen. Nach „La Bum“ bzw. „New York, Rio, Rosenheim“ spiegeln sich auch auf dem neuen Werk ausschließlich aktuelle Themen abseits des Fußballs. Rüdiger „Rüde“ Linhof (Bass, Keyboard; 1860 München-Fan):

„Wir haben eineinhalb Jahre an der Platte gearbeitet. Da ist natürlich alles eingeflossen, was in diesem Zeitraum passiert ist. Jedes Album ist ein Ausdruck des aktuellen Lebens. Während man die Lieder schreibt, hofft man, dass jede Scheibe ein Stück weiter Zugang zu dem bekommt, was gegenwärtig so in einem stattfindet. Bei `Sturm & Stille´ habe ich das Gefühl, das wir in vielen Liedern all das klar aufgreifen konnten. Es ist ein schöner Gedanke, mich für eine positive Sichtweise zu entscheiden, wenn ich die freie Wahl habe zwischen Optimismus und Pessimismus. Ob ich einem Anderen seinen Glauben zugestehe, obwohl ich selbst nicht daran glaube; ob ich auch von meiner inneren Haltung mich davon überzeugen lasse, dass das Gute gewinnt bzw. das Gewalt zu nichts führt. Denn du kommst nur weiter, wenn du alles friedlich und kreativ zu einer Lösung bringst! Die Freiheit des Geistes hat ein jeder von uns. Mein Geist kann mir schon sagen, `ich will lieber an das Gute glauben´. Ich glaube daran, auch weil Pessimismus nur Angst gebiert. Angst schränkt den Horizont ein. Und wo der Horizont kleiner wird, sterben die Ideen, stirbt jede Handlungsoption. Alles Totalitäre / Reaktionäre fußt auf Angst. Schau auf die AfD, auf Le Pen in Frankreich. Alles, was an negativen Dingen stattfindet; sich vom Leben, vom Toleranten, vom Miteinander, von allen kreativen Lösungen weg wendet. Ich glaube ans Positive! Bei allem, was wir reflektieren, kommen wir immer zu einem Punkt, dass wir einen anderen Ausgang suchen.“

Damit ist der Anspruch klar definiert. Dennoch ist „Sturm & Stille“ gleichfalls eine Spaßplatte, die sich gut beim Autofahren anhören lässt. Peter Brugger (Gesang, Gitarre; FC Bayern-Fan):

„Und..? Hast Du aufs Gas getreten, oder bist Du langsamer geworden beim hören?“(Entspannt Tempo gehalten; Anm. d. Verf.) Nachdenklich ist das Album auf jeden Fall. Es ist ja auch viel passiert in letzter Zeit.“

Der Song „Rotweinflaschengrün“, in dem neben Oasis der Astronaut Buzz Aldrin Erwähnung findet, bietet zwei, drei primär entspannende Themen zum Diskutieren. Brugger:

„Den Text hat sich der `Flo´ (Florian Weber – Schlagzeug, Keyboard; 1860-Fan) ausgedacht. Er hat einfach eine Situation in totaler Entspanntheit beschrieben / aufgebaut. Er hat sich relaxt eine neue Welt erschaffen. Dabei kam das Bild von Buzz Aldrin daher. Insgesamt schreiben wir alle drei Texte.“

Nun gibt es im Ergebnis daraus (inkl. Bonus-Tracks) 15 neue Tracks. Aber wer singt denn den „Lumpi (L.U.M.P.I.)“? Brugger und Linhof lachen:

„Den singt der `Flo´ (der aufgrund eines parallel laufenden Interviews nach dem Gespräch zum Foto dazu kam).“

Subjektiv interessant war obendrein die Tatsache, dass sich direkt vor diesem Interview in einem Kreuzberger Lokal Linhof und Ton Steine Scherben-Bassist Kai Sichtermann zufällig kennen lernten, weil sie am selben Tisch warteten. Denn Linhof hörte in seiner Jugend oft die Musik der Ton Steine Scherben. Er erinnert sogleich den „Rauch-Haus-Song“ vom zweiten Album der Scherben (1972):

„ `Der Mariannenplatz war blau...´ - Ewig lange her, mit 16/17 habe ich das Zeug zwei Jahre lang rauf und runtergehört. Ich war viel am trampen, Mitläufer in einer `Halbpunkszene´. Wir haben so `Besetzte-Häuser-Trips´ gemacht nach Groningen, Bremen, `wo weiß ich noch´ übernachtet. Wir haben diesen Lifestyle gelebt - wobei das jetzt blöd beschrieben war. Pubertät halt. Wir haben weggeworfenes Essen aus der Mülltonne geholt, es noch mal aufgekocht. Wir fanden uns super cool. Es war eine prägende Zeit. Soziales und politisches Bewusstsein wurde geschärft. Ich werde diese pubertäre Entdeckungsreise nie vergessen! Sie war sehr intensiv. Freundschaften, politische Auseinandersetzungen, Diskussionen. Wie sich das angefühlt hat, zumindest Tageweise auf dieser anderen Seite zu sein, in irgendwelchen verbarrikadierten Häusern. Im Nachhinein erscheint alles so militaristisch in dieser Punkszene, wo ich mich dann auch nicht mehr wiedergefunden habe. Ich fragte mich, `wieso bin ich hier´, dachte, `jetzt bloß nichts falsches sagen´, mochte nicht hinterfragen, warum einer Pflastersteine sammelt, um sie irgendwem an den Kopf zuwerfen. Es tut mir leid, es ist alles schon so lange her...“

Nichtsdestotrotz kann man auch heute noch daraus lernen! Eben, dass, was auch „Sturm & Stille“ (siehe oben) heute ausmacht: Der unbedingte Glaube, durch ein friedliches Miteinander positive, kreative Lösungen zu finden. Für alles! www.sportfreunde-stiller.de

Aktuelles Album: hSturm & Stille (Universal)
© 01. Oktober 2016  WESTZEIT ||| Text: Ralf G. Poppe ||| Foto: Nina Stiller
Oktober 2016

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