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JAGWAR MA - Alles ist möglich

Früher waren die beiden Australier Jono Ma und Gabriel Winterfield auf Indierock-Terrain unterwegs, doch dann entdeckten sie ihre Liebe für DJ-Culture und elektronische Produktionen. Auf ihrem feinen zweiten Album, ´Every Now And Then´, vereinen sie trippig brodelnde Dancemusic und verhangene Neo-Psychedelia mit einem ordentlichen Schuss Eklektizismus und schlagen so die Brücke vom Madchester-Rave-Sound der späten 80er und frühen 90er in die Gegenwart.

Neu ist die Idee eigentlich nicht. Schon vor 25 Jahren hatten Primal Scream mit ihrem Meisterwerk ´Screamadelica´ gezeigt, wie spannend es sich anhört, wenn ein DJ und Dancefloor-Produzent wie Andrew Weatherall den Live-Sound einer recht gewöhnlichen Rock-Band in seine Bestandteile zerlegt und dann neu zusammensetzt. Jono Ma, Multiinstrumentalist und Produzent von Jagwar Ma, diente diese Herangehensweise als leuchtendes Beispiel, allerdings war weder der Start seiner Band noch ihr Sound in irgendeiner Weise kalkuliert. Als Jagwar Ma vor fünf Jahren ihren ersten Song veröffentlichten, gab es keine Plattenfirma mit einem Masterplan im Hintergrund, kein Management, das in irgendwelchen Excel-Tabellen eine Marktlücke entdeckt hatte.

„Als ´Come Save Me´ veröffentlicht wurde, gab es die Band eigentlich noch gar nicht“, erinnert sich Jono im Westzeit-Interview. „Ich habe einfach einen Filmclip für die Nummer gemacht und ihn online hochgeladen – und innerhalb von 48 Stunden waren mir dann eine ganze Reihe Plattenfirmen aus Großbritannien auf den Fersen! Ich war vorher in einer Band gewesen, die sich zwei, drei Jahre abgemüht hatte, ohne dass wir jemals viel Aufmerksamkeit bekommen hatten. Dass ein einziger Song innerhalb von 48 Stunden solch ein Feedback auslöste, war unglaublich!“

Niemand war von der plötzlichen Sympathiewelle mehr überrascht als die beiden Musiker selbst. Dennoch war Jono das Geheimnis des Über-Nacht-Erfolges schnell klar.

„Zuvor hatte ich immer sehr viel in meine Bands investiert, und das hat die Latte sehr hoch gelegt und eine Art innerer Unruhe ausgelöst“, verrät er. „Die ersten Songs von Jagwar Ma dagegen entstanden praktisch nebenbei, ohne dass ich mir groß Gedanken dazu gemacht habe, und deshalb bin ich ganz ruhig geblieben.“

Auch ihr allenthalben in den höchsten Tönen gelobtes Debütalbum ´Howlin´´ aus dem Jahr 2013 war von der gleichen Arglosigkeit gekennzeichnet, doch seitdem ist viel passiert. Monatelang tourten Jagwar Ma mit ihrem Live-Bassisten Jack Freemann durch die Welt – zuletzt im Vorprogramm der Überflieger Tame Impala –, und gleichzeitig wuchs der Druck, ein gebührendes Nachfolgealbum aufzunehmen. Doch Jagwar Ma fanden einen Weg, damit umzugehen.

„Wir haben uns dazu entschieden, die Platte an Orten zu machen, die kulturelles Niemandsland sind, ohne große Ablenkungen“, erklärt Jono. „Sowohl mein Studio daheim in Sydney als auch das in Frankreich, wo wir aufgenommen haben, liegen weitab vom Schuss, und es gibt kein Internet und kaum Handyempfang. Die Isolation hat uns geholfen, uns von den Ängsten zu distanzieren, die uns bei der Arbeit hätten lähmen können.“

Die neue LP beweist nun, dass der Plan des Duos aus Sydney aufgegangen ist, auch wenn es Jono anfangs etwas schwergefallen ist, sich von seinen Gewohnheiten zu trennen.

„Die ersten Tage hatte ich natürlich schon ein paar Entzugserscheinungen“, gesteht er lachend, „aber nach einer Weile ändert sich dein innerer Rhythmus, und plötzlich ist es völlig normal, lange Radtouren zu machen oder wieder Bücher zu lesen, um Inspiration zu finden.“

Mit ´Every Now And Then´ spannen Jagwar Ma nun noch einen weiteren Bogen als beim Erstling. Zum Teil ist diese neue Freigeistigkeit der Tatsache geschuldet, dass Jagwar Ma auf ihren langen Tourneen der letzten Jahre Dutzende unterschiedlichster Fragmente angehäuft hatten, die nun die als Basis für die neuen Songs dienten, doch das war noch nicht alles.

„Beim ersten Album war es so, dass ich als Produzent sehr genau darauf geachtet habe, dass die Songs nicht zu unterschiedlich, zu eklektisch geraten, damit die Leute besser identifizieren konnten, worum es uns als Band geht“, erklärt Jono. „Jetzt hatte ich das Gefühl, dass wir unsere Duftmarke gesetzt hatten und uns mehr austoben konnten.“

Obwohl ihr Sound auch auf dem neuen Album betont elektronisch gefärbt ist, sind Jagwar Ma auch für ihre packenden Konzerte berühmt, die anders als bei vielen ähnlich gestrickten Künstlern viel handgemachter sind, als man es auf den ersten Blick vielleicht vermuten würde.

„Uns ist es sehr wichtig, dass es in unseren Live-Shows immer noch ein Gefühl von Gefahr gibt“, unterstreicht Jono. „Es ist vor allem den vielen Festivalauftritten mit kurzen Umbauzeiten geschuldet, dass viele Bands heute mit idiotensicheren Shows unterwegs sind. Vielen Bands, die wir in den letzten Jahren auf Festivals gesehen haben, fehlten einfach die Spontaneität und der Mut zum Improvisieren.“

Jagwar Ma dagegen wollen zu der Energie zurück, die Jono erlebte, als er als Jugendlicher Bands wie Fugazi und Sonic Youth in kleinen Läden sah. „Bei denen war kein Auftritt wie der andere“, erinnert er sich. „Das ist etwas, das wir uns unbedingt erhalten wollen. Natürlich wäre es viel weniger fehleranfällig, wenn ich auf der Bühne einfach Backingtracks auf einem Laptop ansteuern würde, aber ich nehme mir die Freiheit, Sounds spontan zu manipulieren, Sachen zu loopen oder bestimmte Bereiche nach Belieben zu verlängern. Das bedeutet, dass eine Menge schiefgehen kann, aber das finde ich viel spannender!“

Aktuelles Album: Every Now And Then (Marathon / Kobalt)
Weitere Infos: www.facebook.com/JagwarMa
© 02. Oktober 2016  WESTZEIT ||| Text: Carsten Wohlfeld ||| Foto: Maclay Heriot
Oktober 2016

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