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BLUMENTOPF - Antihelden des Rap

Wer seit 1992 auf der Szene ist, wie die fünf Münchner Rapper von Blumentopf, der muss keine dicke Lippe riskieren, auch nicht auf dicke Hose machen und der darf sich auch schon mal auf eine Blaskapelle einlassen. Oder –wie zuletzt wieder bei der Fußball-Europameisterschaft 2012- mit RAPortagen den Sport kommentieren. Die ersten RAPortagen gab es übrigens während der Fußball-WM 2006. Damit beweisen Blumentopf, dass es nicht zwangsläufig eine Beleidigung für die Ohren sein muss, wenn Fußball und Musik zusammengehen. Darüber hinaus ist das aktuelle Album ´Nieder mit der GbR´ ein Statement dafür, dass sie auch in Zukunft weiterhin überraschen und nicht vorhersehbar sein wollen.

In Liedzusammenzuhängen denken

Ein Album ist erschienen, die Tourneen dazu neigen sich dem Ende und die entsprechenden Festivals sind auch gespielt.

„Live Spielen macht Spaß“, erzählt Rapper Florian Schuster aka Schu, „doch immer das gleiche Programm spielen hat irgendetwas von Routine und dann wissen wir, wir brauchen etwas Neues.“

Rapper Cajus Heinzmann, der sich gern auf Cajus verkürzen lässt nimmt den Faden auf: „Dann kribbelt es spürbar, einer probiert neue Töne aus, sammelt zwei, drei Sachen und spielt sie den anderen vor. Und begeistert damit den Rest von Blumentopf. Oder auch nicht.“

Die Begeisterung hat sich offensichtlich schnell potenziert; denn es reichte schnell für ein neues Album, ´Nieder mit der GbR.´ Und das pünktlich zum 20 jährigen Bestehen von Blumentopf. Klassische Lieder, wie die Single ´Ich bin dann mal weg´ treffen auf wieder purer gewordene Rap Nummern, wie ´Neulich in der City´.

„Mit dem Album ‚Musikmaschine’ aus dem Jahr 2006 haben wir angefangen, mehr und mehr in Liedzusammenzuhängen zu denken. Es ist unüberhörbar, dass wir seitdem mehr das Gesamtbild im Kopf haben, als den einzelnen Reim oder die jeweilige Strophe“, weiß Schu, „das macht sich auf der neuen Platte besonders bei Stücken bemerkbar, bei denen wir Popsänger oder Singer/Songwriter featuren.“

Diese Gastbeiträge sind durch ihre Auswahl höchst spannen, haben Blumentopf mit Pohlmann, Günther Sigl und den Jungs von Sportfreunde Stiller eher Künstler mit an Bord geholt, die man nicht sofort mit einem Rap-Album in Verbindung bringen würde.



Grandiose Geschichtenerzähler

Voller Vielschichtigkeit und Tiefe werden Geschichten erzählt, die zwischen Alltagsgefühlen und gesellschaftskritischen Tönen changieren. Dabei gehen in den Texten von Blumentopf gehen Dinge zusammen, an denen viele Rapper und auch gestandene Bands grandios scheitern: Blumentopf-Reime sind nicht nur verdammt ehrlich und beinhart kritisch, sondern auch überaus locker und witzig. Doch genauso wenig, wie der Hammer der brachialen Botschaft ausgepackt wird, wird mit der Humorkeule zugeschlagen. Alles ist entspannt. So es gibt das wunderbar und gekonnt weiter erzählte Leben der berühmten Rosi aus ´Skandal im Sperrbezirk´.

Liebevoll greift Schu Originalzeilen des Liedes auf, transportiert Erzählung jedoch in die Jetztzeit und die Geschichte gipfelt in der Frage an Rosi: ´Was hat die Zeit aus Dir gemacht?´ das dabei der bereits angesprochene Spider Murphy Gang-Frontmann Günther Sigl den Refrain übernimmt, das passt einfach. Bei der ersten Single ´Ich bin dann mal weg´ ist Sanges-kollege Pohlmann mit im Boot. Hier wird in nicht minder famoser Weise der Entschleunigung das Wort geredet. Ganz locker werden einfach, aber wirksame kleine Weisheiten des Alltags rausgekramt und zu bedenken gegeben. Einige Ideen dazu gefällig?

„Die abgefahrenste wäre, Mal wieder ein paar Freunde zu sehen. Oder das Handy einfach klingeln lassen (...) und mal innehalten.“

Auch die Euro-Krise wird Gegenstand eines Blumentopf-Stückes, das folgerichtig „Eurovision“ heißt. Dabei werden die Rapper von Sportfreunde Stiller massiv unterstützt. Gemeinsam bringen sie die abertausend Fragen zum Euro auf den wunden Punkt. „Wie macht man einen Euro aus nur 50 Cent? Was muss man tun? Mein Euro hat ‚ne Eurovision, er hat nur 20 Freunde, aber er träumt von Millionen.“



Die Spannung, die vier Texter erzeugen

Was die CDs von Blumentopf auch über die Jahre so spannend gemacht hat, ist die Tatsache, dass sie nie in Routine verfallen sind.

„Bei uns gibt es bei der arbeit an den Stücken einfach nichts, was in Stein gemeißelt ist und von dem wir sagen würden, dass machen wir in 100 Jahren immer noch so“, verrät Cajus.

„Doch, da gibt es etwas“, grätscht Schu dazwischen, „wir reden über alles und zwar gemeinsam in der Band. Wir unterhalten uns nach jedem fertigen Lied noch einmal eingehend darüber. Das finde ich cool!“

´Nieder mit der GbR´ atmet mit jeder Note eine unvergleichliche Leichtigkeit und Freiheit aus. Aber auch eine nie nachlassende Spannung. All’ das hat seinen Grund auch darin, dass eben vier Leute, mit ihren durchaus unterschiedlichen Sichtweisen, texten. Über die Jahre ist aber noch ein weiterer Grund hinzu gekommen.

„Mit der siebten Blumentopf-Platte muss man jetzt keinem mehr beweisen, was für ein krass anderer Typ man ist, als alle immer gedacht haben“, beschreibt Roger Manglus das Gefühl beim Schreiben der neuen Stücke.

Doch eins rufen Blumentopf auch mit ´Nieder mit der GbR´ den Hörern wieder ins Gedächtnis, dass sie mit ihrem ausgeprägten Sinn für Wortwitz und treibende Rhythmen als Antihelden des Rap nicht vom Thron zu stoßen sind.

Aktuelles Album: Nieder mit der GbR (Virgin Music / EMI Music)
© 02. Oktober 2012  WESTZEIT ||| Text: Franz X.A. Zipperer ||| Foto: Christoph Neumann
Oktober 2012

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