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THE DARKNESS - Zwei Kilo Koks oder wie ich mich fast zerstörte

Spaß ohne Ende, Party bis zum Morgen, keine Rücksicht auf Verluste. Vordergründig wirkten The Darkness immer, als könne ihnen niemand die Laune vermiesen – hinter den Kulissen kochte es jedoch gewaltig. Fast derart hoch, dass die Differenzen zur endgültigen Trennung geführt hätten und die Story hinter dem neuen Album ´Hot Cakes´ ist die Geschichte einer Band voller Irrungen und Wirrungen – und ein Paradebeispiel dafür, wie man auf die Spur zurückfindet, wenn alles verloren scheint: „Wir hatten Glück“, meint Sänger Justin Hawkins und weiß genau, wie knapp das war.

An eine der besten Rock-Formationen namens Queen versuchten sich schon Generationen von Bands: Pompöser Breitwand-Sound, aufgesetzte Bühnenshows und ein Image, das dem Sex, Drugs & Rock’n’Roll-Gedanken nur zu gut Rechnung trägt. Eine von ihnen heißt The Darkness und was sie von der Konkurrenz seit jeher unterscheidet: Sie hatten Erfolg damit.



Flächendeckend, wenn man es genau wissen will. „Ich kenne mehrere Newcomer, die sich jahrelang durch die kleinsten Clubs ihr Publikum erspielen mussten – bei uns ging das ruckzuck, ein wenig zu schnell, denke ich manchmal“, erinnert sich Gitarrist und Justins Bruderherz Dan Hawkins.

Beide sitzen relativ relaxed auf der luxuriösen Hotelcouch nicht unweit vom Berliner Alexanderplatz entfernt und wirken insgesamt sehr aufgeräumt. Als The Darkness 2003 durch die Decke gingen, war das anders:

Da gab es die Formation gerade zwei Jahre und gleich ihre erste Single ´I Believe In A Thing Called Love´ schoss an die Spitze der britischen Charts, hielt sich wochenlang dort fest und nicht wenige sahen Freddy Mercury am Himmel auferstehen.

„Totaler Blödsinn“, beschwert sich Frontmann Hawkins heute, „wir hatten einen Song draußen und schon kochten die Meinungen über – das bringt Druck über eine junge Band, die daheim gerade noch vor 20 Leuten spielte und keine Ahnung von diesem ganzen Zirkus hatte.“

Heimat heißt im Falle von The Dark-ness Lowestoft. Ein Küstenerholungsort am östlichen Zipfel Englands, 65.000 Einwohner, sommerliche Höchsttemperaturen um die 20 Grad – kein Ort, um brandheiß durchzustarten und doch erinnern sich The Darkness gerne an die Zeit als Teenager zurück:

„In solchen Regionen hast du unheimlich viel Raum zum Üben, sämtlichen Hobbys nachzugehen und irgendwann reicht dein Talent aus, um wenigstens zwei passable Songs hinzubekommen – unser großes Plus: Justin war sich als Sänger fürs nichts zu schade und probierte alles aus, um die Bühnenshows interessant zu gestalten.“

Der alles entscheidende Auftritt ihrer Anfangsphase fand schließlich 2002 während des Sommersemesters im Londoner Astoria statt – ein Leopardenanzug mit felligem Schwanz hing im Backstageraum herum und sollte bei der morgigen Theater-Aufführung zum Einsatz kommen. Ein Typ dachte sich jedoch: Mein Gig, meine Kostüme, jetzt oder nie!

Als Justin Hawkins mit dem Teil am Leib die Bühne betrat, staunten die Anwesenden nicht schlecht: „Die dachten natürlich, wir seien eine ganz normale Gitarrenband, die nur auf die eigenen Schuhe schaut – falsch gedacht: Wir boten ihnen Abendunterhaltung wie zur Prime-Time!“

Es war nicht nur die Geburt der Band, sondern auch das Erwachen eines Entertainers, der von jetzt an nur ein Ziel kannte: Ganz oben.

Wie tief man von dort fallen kann, erfuhren die Newcomer 2005, als das zweite Album ´One Way Ticket To Hell...´ auf hohem Niveau floppte und hinter den Zahlen des Debüts ´Permission To Land´ blieb. Alles lief plötzlich gegen sie, das eigene Image wurde zum Fluch.

„Egal wo wir hinkamen, die Leute sahen nur eine Partyband in uns. Typen, die feiern und keine Grenzen kennen.“

2006 nahmen die Exzesse derart Überhand, dass sich der gefeierte Sänger in die Rehab begab und gegenüber der britischen BBC verlautbarte, in den vergangen drei Jahren 150.000 Pfund für Koks rausgehauen zu haben.

Ob dies der Wahrheit entspricht, kann hier nicht geklärt werden, denn The Darkness sprechen nicht gern über die verrückte Zeit, die beinahe zur endgültigen Trennung führte – aber so viel sei verraten:

„Es gab Momente, in denen mir Zweifel kamen, ob mein Bruder das mit der Reha packt – niemals habe ich jedoch an uns gezweifelt, auch wenn öffentlich andere Statements kursierten: Sie stimmen nach wie vor nicht, The Darkness sind das Beste, was mir je passiert ist.“

Wie gut es ihnen inzwischen wieder geht, zeigt der neue Longplayer ´Hot Cakes´ mit allerhand Schmiss: Es beginnt schon beim Cover – auf dem sich drei Frauen in einem Meer aus Honig räkeln und als Bildnis gut zum wieder gefunden Spirit der Band passen.

Musikalisch hingegen überzeugt die Platte mit flinken Rocksongs, die bereits beim zweiten Hören zu Singalongs heranwachsen und stets eine gute Zeit haben wollen. Schmutzige Wäsche, Querelen oder sonstige Verweise auf das, was zwischen 2005 und dem Hier & Jetzt geschah, gibt es keine.

„Die Band ist für uns alle eine Art Therapie“, meint Dan Hawkins während er seinen Bruder lümmelnd auf der Couch beobachtet, „aber jeder weiß, wann genug ist: Die Leute wollen mit The Darkness Spaß haben und den vermittelt ihnen ‚Hot Cakes‘ mit jedem neuen Song.“

Sieben Jahre Albumpause haben den beiden Brüder und ihren Mitstreitern nichts anhaben können – selbst wenn es zwischenzeitlich so aussah, als ob die Band sich nach einem neuen Frontmann umschauen würde, berichtigen The Darkness diesen Eindruck gern: „Wie hätte das denn aussehen sollen? Nein, diese Geschichten sind frei erfunden.“

Auf der nordamerikanischen Reuinon-Tour im Februar diesen Jahres spielten sich The Darkness schließlich für die Aufnahmen zur Platte warm und selbst der eher konservative Rolling Stone berichtete aus Übersee von einem ´Return to from´, hielt sich mit Lob nicht zurück und genau das macht alle Beteiligten unheimlich stolz.



Justin Hawkins: „Die Magazine konzentrieren sich endlich auf die Musik und haben nicht nur ein Image vor Augen - dass The Darkness einst vollständig ausmachte. Bei unseren Fans war das schon immer anders, aber Journalisten wollen Schlagzeilen und die haben wir ihnen abseits der Bühne viel zu oft geliefert.“

Doch genau ihre Fans sind es, die sich nun fragen, wie lange die Rückkehr gut geht und wie stabil der genese Frontmann wirklich ist – unangenehme Themen, aber zum Schluss seien sie erlaubt:

„Gut, ich bin ehrlich. Einen Persilschein hat niemand von uns und doch weiß jeder innerhalb der Band, was er an The Dark-ness schätzt. Dies aufs Spiel zu setzen, war dämlich und mit Sicherheit überstehen wir das kein zweites Mal“, holt er tief Luft, „das ist unsere letzte Chance, wenn du so willst und die werden wir nutzen.“

Eine Kampfansage und der perfekte Weckruf zur rechten Zeit, denn wie ernst es ihnen ist, merkt man im persönlichen Gespräch sofort – ´Hot Cakes´ berichtet nur hinter vorgehaltener Hand davon, denn in erster Linie will es leicht konsumierbarer Rock sein, der vom harten Alltag des Lebens ablenkt.

Vielleicht eine Frage des Alters, diese Herangehensweise ans Songwriting nach all den Jahren?

„Sicher, wenn du die so genannte ‚mittlere Lebensphase‘ erreichst, siehst du gewisse Dinge in einem anderen Licht: Die Uhr tickt ein wenig schneller und wenn du Erfolg haben willst, musst du flink sein, es darf nichts schief gehen.“

Richtig gemacht haben The Darkness mit „Hot Cakes“ ziemlich viel und vielleicht erkennen das auch die Kritiker, die dem letzten Werk keine guten Noten attestierten – denn genau solches Lob würde alle Beteiligten glücklich machen: „Ob Journalist oder Fan, den Leuten soll unsere Platten gefallen und positive Reviews oder Kommentare auf Konzerten sind tolles Feedback.“

Am Ende bleiben sie die bescheidenen Typen aus Lowestoft und gerade weil die Musik in ihrem Leben immer an erster Stelle kommt, können sie es nicht lassen, das Ganze wie eine ruhelose Droge zu betrachten.

Weiter, immer weiter, lautet der Plan auf der Bandagenda, die natürlich trotz aller Tiefschläge nur ein Ziel kennt: Ganz oben.

Aktuelles Album: Hot Cakes (Canary Dwarf / PIAS / Rough Trade)
© 03. September 2012  WESTZEIT ||| Text: Marcus Willfroth ||| Foto: Scarlet Page
September 2012

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