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LIGHTS - Roh, düster und doch so viel Melodie

Manchmal ist es ein Riesenschritt vom künstlerischen Solodasein zum echten kreativen Pluralismus. Zu oft steht das eigene Ego im Weg. Monsterhaft groß. Das ist bei Valerie Anne Poxleitner - die unter dem Logo Lights firmiert - und ihrer Stimme sowie ihrem Synthesizer ganz anders. Für sie ist der Pluralismus ein notwendiger Schritt.

Großer Schritt

Doch ein notwendiger Schritt braucht den Stein des Anstoßes, der geradezu dazu zwingt, die eigene, gemütliche Wohlfühlzone zu verlassen.

„Es war nicht nur ein Schritt, es war ein riesiger Sprung“, blickt Valerie Anne Poxleitner zurück, „nach der Fertigstellung des ersten Albums bin ich in ein Loch gefallen. Ich war orientierungslos, habe aber an Stücken gearbeitet, wie eine Verrückte. Nichts von dem stellte mich zufrieden. Doch nach einer Tour im letzen Jahr stieß ich auf Dubstep und war sofort infiziert.“

Aber Valerie Anne Poxleitner wäre nicht Valerie Anne Poxleitner, hätte sie einfach ihren bisherigen perfekt gestimmten und vom Timing her stets richtig eingenordeten Synthie-Pop durch Dubstep ersetzt. Sie will mehr. Und genau an dem Punkt kommt der schöpferische Pluralismus ins Spiel. Sie sucht kreative Gegenpole, ideenreiche Herausforderungen.

„Genau zu diesem Zeitpunkt treffe ich auf Holy Fuck und den Rapper Shad“, fährt sie fort, „ein Zufall war das nicht, eher eine schicksalhafte Fügung.“

Holy Fuck entstammen einem häufig elektronisch frickelndem Künstlerkollektiv aus dem kanadischen Toronto. Die Band benutzt bei ihren Konzerten neben herkömmlichen Musikinstrumenten auch ungewöhnliche Gegenstände zur Tonerzeugung, wie ein Kinderkeyboard oder einen alten Filmsynchronisator. Shad, eigentlich Shadrach Kabango, ist ein kollaborationserprobter kanadischer Rapper und Mixmeister. Seine Verbindung von genialen Reimen, wild angeschlagenen Gitarren und noch wilder geschlagen Trommeln sind nicht nur unvergleichlich, sondern krallen sich in jedem Ohr fest.



Bestandsaufnahme

Jetzt gilt es herauszufinden, ob es lediglich der Reiz des neuen und unbekannten Terrains ist oder ob es Valerie Anne Poxleitner gelingt ihren gegenwärtigen Klangkosmos substanziell in die Zukunft zu transportieren.

„Ich konnte nicht anders, ich wollte unbedingt herausfinden, was wohl passieren würde, wenn man meine Pop-Affinität mit den experimentellen Tendenzen von Holy Fuck und Shad mischt“, erklärt sie.

Und? Was ist passiert? Es wird gemeinsam gejammt. Es wird aufgenommen. Das geschieht weit weg von der strukturierten, geplanten Herangehensweise von Lights´ letztem Album. Dem Liveaspekt beim Arbeiten an der Platte wird größte Bedeutung beigemessen.

„Plötzlich spürte ich, dadurch entwickelt sich etwas komplett Gegensätzliches, verglichen mit dem, was ich vorher gemacht hatte“, reflektiert Valerie Anne Poxleitner, „und das war es, da wollte ich hin. Exakt dahin.“ Der Weg endet in einer strahlenden Vielfalt von Ideen, Stilen und Instrumenten, ohne auch nur im Ansatz beliebig zu klingen. Im Dreiecksverhältnis der Arbeit steht an der einen Spitze das Experimentieren mit Holy Fuck, an der anderen der typische Wortwitz, die knackige, verschmutzte aber harte Rhythmusbasis von Shad und schließlich das süße, oft romantische Melodiegerüst von Valerie Anne Poxleitner. Die Platte „Sibiria“ belegt ohrenfällig, dass diese Verquickung wunderbar und überzeugend gelungen ist. Schlichtweg, weil Lights keinerlei Grenzen akzeptiert haben. Wenn ein Stück danach schreit, wie etwa ´Day One´, auf die Stimme zugunsten der Instrumente zu verzichten, dann geschieht das. Und das Lied dann noch will, dass es neun Minuten dauert, dann wird diese Zeit eben zur Verfügung gestellt. So gibt es daneben den zum Hüftschwung auffordernden Titel ´Toes´ genau so, wie die Mitsinghymne ´Banner´ oder die Singer/Songwriter-Ballade ´Cactus In The Valley´.



Glückliches Umfeld

Soweit zur Musik. Und textlich, gibt es auch dort solch sprunghafte Weiterentwicklungen?

„Unbedingt“, lässt Valerie Anne Poxleitner verlauten, „denn im Gegensatz zum Erstlingsalbum vorher, bei dem alles neu und faszinierend war und bei dem ich aus all’ dem bisher Erlebten schöpfen konnte, bin ich mittlerweile weitaus tiefer in die Person eingedrungen, die ich jetzt bin. Und hinzukommt, dass diese Scheibe definitiv in einem glücklichen Umfeld entstand.“

Daher rühren auch die weich gezeichneten Melodiebögen mit den anschmiegsamen Textzeilen. Doch da es natürlich einen direkten Bezug zum wirklichen Leben gibt und das nicht nur soft ist, gibt es auch die Brüche, die Kanten und die schroff gehaltenen Texte. So ist ´Sibiria´ eine Platte geworden, auf der Reime und Rhythmen dahinjagen, Schlag auf Schlag und Knall auf Fall. Doch zündet Valerie Anne Poxleitner ebenfalls ein sanftes, elektronisches Retrofeuerwerk aus traumhaften Melodien. Größer könnten die so geschaffenen Gegensätze nicht sein. Doch ist es letztendlich genau diese Gegensätzlichkeit, bei die kreativen Blitze zwischen Minus- und Pluspol hin und her springen. Das macht ´Sibiria´ so charmant perfekt unperfekt. Jetzt braucht das Ganze nur noch einen Genrenamen; denn alle bekannten Schubladen sind untauglich, diese Tonfarben aufzunehmen.

„Nennen wir es einfach mal Anti-Elektro, träumerischen Dupstep oder auch dreckigen Pop oder was weiß ich ...“, versucht Valerie Anne Poxleitner zum Schluss selbst noch eine Einordnung vorzunehmen.

Aktuelles Album: Siberia (Last Gang Records/PIAS)
© 02. September 2012  WESTZEIT ||| Text: Franz X.A. Zipperer
September 2012

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