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HAUDEGEN - "Ein Mann, ein Wort - wir wissen, was das bedeutet."

Im Dunstkreis des deutschen Hip Hop aufgewachsen, haben sich Haudegen unlängst gegen das Genre entschieden und mit ihrem letztjährigen Debüt ´Schlicht & Ergreifend´ massive Erfolge eingefahren – bei Markus Lanz saßen die Berliner bereits auf der Couch und doch bleiben sie mit beiden Beinen auf dem Boden: „Unsere Musik ist kein Retortenprodukt und der Verantwortung gegenüber den Fans sind wir uns sehr wohl bewusst“, betont das Duo und fordert sich mit dem neuen Album ´En Garde´ selbst heraus – ein Kampf, der über mehrere Runden gehen darf, wie sie selbst betonen.

Während einer Mittagspause neben ihrem Tattooshop sitzend, merkt man sofort, dass Hagen Stoll und Sven Gillert stolz darauf sind, was sie gemeinsam erreicht haben:

„Die Kritiker sehen das natürlich aus zwei Richtungen und doch muss ich ihnen entgegenhalten, dass unsere Lieder genau das sind, was wir machen wollen.“

Auf die Verrisse zum ersten Album ´Schlicht & Ergreifend´ angesprochen, rechtfertigen sich Haudegen im Interview sofort und verteidigen nur nicht ihre Musik, sondern auch das Image, welches sie seit der Veröffentlichung im Frühjahr vergangenen Jahres nach Außen präsentieren – von einer Retortenband aller erster Güte ist oft die Rede, fällt das Thema auf die Band.

„Glauben die echt“, echauffiert sich Sven Gillert mit der Zigarette brav am Fenster stehend, „dass wir in der JVA gecastet wurden – so Marke, großes Label sucht Typen, die tätowiert sind und mal eben wie Böhse Onkelz klingen, deren Fans auf halber Strecke abholen? Das ist doch totaler Blödsinn!“

„Und zeigt zugleich, wie wenig sich manch Feuilleton-Journalist mit uns beschäftigt hat. Einfach an der Oberfläche kratzen, ein Bild zusammenschustern und schon meinen die zu wissen, was Haudegen ausmacht und darstellt“, ergänzt sein Sidekick Hagen Stoll ebenso energisch.

Aufgewachsen im Berliner Problembezirk Marzahn, der nicht das hippe Bild der Party-Hauptstadt wiedergibt, sondern zeigt, wie viel Armut die Metropole zwischen Wannsee und Erkener Einfamilienhausidylle zu bieten hat, haben Haudegen ihr halbes Leben dort verbracht und sind stolz den nachfolgenden Generationen Hoffnung machen zu können:

„Unseren Napster-Award haben wir in einem Jugendklub aufgestellt und hoffen den Kids damit zeigen zu können: Ihr schafft das auch, wenn ihr es wollt“, erzählen die beiden ergriffen, „was soll das Teil im Schrank rumstehen – zur Motivation ist es viel besser geeignet.“



Insgesamt 23 Wochen verweilte das Debüt „Schlicht & Ergreifend“ in den Top 100 der Deutschen Charts und 2011 darf generell als Haudegens Jahr bezeichnet werden: Mit dem Hip Hop groß geworden, entschlossen sich die Zwei bald, Gitarren in die Hand zu nehmen und landeten mit der ersten Single „Ein Mann, Ein Wort“ flächendeckenden Erfolg.

Treu geblieben sind ihnen die ehemaligen Wegbegleiter aus Teenagerzeiten trotz Umfirmierung zur Rockband ohne jedweden Protest: „Sie mögen unsere Musik und einer meinte sogar: Der Hip Hop war euer Schneider, deutschsprachiger Rock der Anzug, der dabei herauskam – solche Statements freuen uns, denn sie sind ehrlich gemeint.“

Den Fans verpflichtet fühlen sich Haudegen mit jeder Minute: Stundenlange Autogrammsessions, Gespräche nach Konzerten und persönliche Besuche gehören halt dazu – kein Problem und obwohl es nach ein wenig zu viel des Guten klingt, will man ihnen die große Motivation, den Kontakt zur Hörerschaft beizubehalten, nicht absprechen.

„Bei der letzten Tour haben wir einen Tätowierer mitgenommen und wer Bock hatte sich stechen zu lassen, musste nicht zweimal fragen“, erinnert sich Hagen und ergänzt, dass zur kommenden Rundreise durch Deutschland ein ganzes Studio auf vier Rädern dabei sei und dem regulären Tour-Tross folgen wird.

Herausforderungen seien halt ihr Ding, erwähnen Haudegen im Gespräch immer wieder und nicht ohne Grund haben sie das neue, zweite Album ´En Garde´ getauft: „Wir fordern uns damit selbst heraus. Es geht hier um niemanden sonst und natürlich wollen wir zeigen, dass jeder Song ernst gemeint ist, manch Kritiker mit seiner Einschätzung leider falsch liegt.“

Rein musikalisch bedeutet das: Breitbeiniger Männerrock trifft auf gefühlvolle Akustikballaden und auf Texte, die meist direkt sagen, was sie wollen. Ein Abbild des Alltags zwischen Plattenbau und hoch dotierten Plattenvertrag ist ´En Garde´ geworden und will Wege aufzeigen, die aus Sicht Haudegens helfen können.

Darüber, ob man das Album braucht oder nicht, darf gerne gestritten werden und auch die Macher haben keinerlei Problem damit, wenn es jemanden nicht gefällt – was sie allerdings stört: Die andauernden Debatten um die Darreichung eben jener Musik, die gerne als konservativ und ewig gestrig bezeichnet wird.

„Natürlich berufen wir uns auf Werte, die es so immer weniger in der Welt gibt: Kameradschaft und Zusammenhalt zum Beispiel. Heutzutage wird vielen die Devise mitgegeben: ‚Seht zu, dass ihr mit dem Hintern an die Wand kommt‘. Macht das einen aber glücklich? Wir haben da unsere Zweifel.“

Keine Zweifel lassen sie indes an der eigenen Karriere: Mit ihrem Tattoostudio schufen sich beide unlängst ein zweites Standbein und sprechen darüber ebenso viel, wie über die Musik – „ich würde schon behaupten, dass manche Leute lieber die Straßenseite wechseln, wenn sie uns sehen“, lacht Hagen.

„Vor unserem Laden hier in Friedrichshain sprechen wir sie aber direkt an: ‚Die Dame, wollen sie nicht mal reinschauen? Einfach gucken, ob das was für sie ist oder eher nicht?‘ Das ist wichtig, denn quatschen tun wir nun mal gerne – egal mit wem.“

Ganz richtig, den Redefluss zu stoppen, ist immens schwer.

Selbst wenn sie bei ihren Ausführungen die Kippe zücken oder einen Kaffee nehmen, lassen sie die Sachen jeweils runter brennen oder kalt werden, als sich die Antworten zu verkneifen – selbst unangenehme Fragen weichen Haudegen nicht aus, sondern prompt folgen ihre Statements darauf.

Zum Beispiel, was denn nun passiert, wenn die Presse ´En Garde´ wieder als ein verkapptes Böhse Onkelz-Album empfängt und kein gutes Haar daran lässt? „Da können wir nichts machen“, geben sie sich kleinlaut und stellen die Dinge sogleich richtig, „ich finde das nur schade, weil es den Leuten, die uns hören, unfair gegenüber ist.“

„Es sagt nämlich: Ha, ihr seid auf den Major-Act reingefallen! Was totaler Quatsch ist, denn ‚Schlicht & Ergreifend‘ hätten wir damals auch woanders rausbringen können, fanden aber, dass die Kollegen es verstanden haben – große Plattenfirma hin oder her, das spielt dabei keine Rolle.“

Man habe im Berliner Hip Hop schließlich selbst jahrelang die großen Konzerne verbal attackiert und oft den Teufel an die Wand gemalt: „Jetzt all das liegen zu lassen, nur um Kohle zu scheffeln, wäre vollkommener Quatsch – mit dem Besen würde uns unsere alten Freunde aus dem Club jagen, wenn wir wirklich zu einem kalkulierten Castingprodukt mutiert wären.“

Zur Bestätigung zeigt Hagen schnell ein Foto auf seinem iPad, dass ihn gestern bei einer Party mit zwei Rappern aus dem Untergrund zeigt – die Daumen nach oben gerichtet und den wuchtigen Freund ein Lächeln abringend, scheint dieser Zuspruch unersetzlich und niemand soll glauben, so Hagen weiter, man bekomme das geschenkt.

„Du musst hart arbeiten und deine Ziele verwirklichen. Natürlich klingt das wie eine Floskel, aber wenn wir ‚Ein Mann, Ein Wort‘ auf der Bühne singen, glauben wir an jede einzelne Zeile des Songs – nur deswegen haben so viele Bock darauf, weil man das spürt.“

Auf Augenhöhe den Menschen zu begegnen, darum geht es Haudegen mit ´En Garde´ zweifelsohne – „inzwischen haben die Leute doch einen steifen Nacken vom ständigen Hochgucken und für viele fühlt es sich gut an, wenn ihnen jemand mal nicht sagt, wie die Dinge zu laufen haben, sondern Verständnis aufbringt.“

Was uns wiederum zur Ausgangsfrage zurückbringt: Warum Haudegen – trotz aller Widerstände in der Presse – mögen?

Weil Hagen Stoll und Sven Gillert als Typen einfach nett und sympathisch sind. Musik dagegen eine Geschmackssache und streiten darf man darüber ohne Frage: Auch mit dem Segen des Berliner Duos, dass den Kampf ein zweites Mal gerne auf sich nimmt.

Aktuelles Album: En Garde (Warner Music)
© 03. Oktober 2012  WESTZEIT ||| Text: Marcus Willfroth ||| Foto: Warner
Oktober 2012

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