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HAUDEGEN - Nette Menschen, nette Lieder

Es ist ein Leben voller Vorurteile. Ein Leben von Erfahrungen und Erlebnissen, die das Sein für immer verändern. Haudegen, zwei brachial aussehende Musiker sitzen in einem beschaulichen Restaurant in Berlin Kreuzberg. Hier gibt es nur wenige, die sich umdrehen und tuscheln. Genau, wie in ihrem Kiez Berlin-Marzahn. Eine Gegend, die für die meisten Berliner mit Armut und Kriminalität gleichgesetzt wird. Sie haben in den Jahren einiges erlebt. Mehr, als viele in ihrem gesamten Leben erfahren werden. Angst, Brutalität, aber auch Freundschaft, Zusammengehörigkeit und Integrität.

Die Geschichte von Haudegen ist eine, die es wert ist, erzählt zu werden. Und so ist es nur legitim, dass sie zumindest einen Teil davon auf ihrem Debüt-Album "Schlicht & Ergreifend" besingen. Das Album ist für sie Befreiung, Chance und unbedingter Wille. Es ist ein Statement zum Leben. Musik für diejenigen, die sich verloren fühlen und nach Antworten suchen. Aber genau diese sind lediglich Teil der pers�nlichen Erfahrungen von Hagen (36) und Sven (33). Beide haben viel durchgemacht. So viel, dass man selbst nur den Kopf schüttelt. Es kann doch nicht sein, dass Menschen wirklich so etwas erleben mussten.

Beeindruckend ist dabei aber, dass sie nach alldem noch lachen können. Sie sind Frohnaturen, klopfen gemeinsam auf Holz, um sich gegenseitig zu sagen, dass alles schon gut gehen wird. Sie wirken durch und durch ehrlich. Zu keinem Zeitpunkt müssen sie sich beweisen. Die Zeiten sind vorbei. Vor ein paar Jahren waren sie noch nicht Haudegen, sondern Joe Rilla und Tyron. Zwei derbe Ghetto-Rapper, die in Videos auf dicke Hosen gemacht haben. Sie waren hart und explizit. Es waren Zeiten, in denen Sie sich auch verbal behaupten mussten. Aber dann wurde es irgendwann anders. Sie wurden �lter, ja sogar erwachsen. Familie und Kinder sorgten unter anderem daf�r, dass sich Priorit�ten verschoben haben. Es war ein Moment der Entscheidungen. Wie will man in die Zukunft schreiten? Für die beiden war dann ziemlich schnell klar, dass sie eine Cut machen müssen. Denn im HipHop geht es um Vieles, aber nur selten um die wichtigen Dinge im Leben.

Und so haben sich die schwer tätowierten "Freunde auf Lebenszeit" umorientiert. Sie liebten schon immer die Sprache. Im Besonderen die Deutsche. Die Sprache der Dichter und Denker. Das wird jedem klar, der sich das erste Werk anhört. Es finden sich Anleihen bei den ganz Großen, aber auch bei den Kleineren. Beim ersten Hingucken denkt man unweigerlich "Das sind doch die neuen Onkelz". Damit müssen Hagen und Sven leben. Sie wissen ganz genau, dass viele vorschnell urteilen. Teilweise vielleicht sogar berechtigt. Aber es ist eindeutig mehr dahinter. Der Song "Deutschland ein Wintermärchen" macht deutlich, worum es den beiden geht.

"Niemand der uns sieht, würde uns zutrauen, dass wir uns über Heinrich Heine Gedanken machen. Aber wir machen uns darüber Gedanken und wer die Geschichte kennt und sich mit Heines Geschichte befasst, weiß auch um was es geht. Diese Parallele aus unseren Persönlichkeiten und dem Land in dem wir wohnen, war die Herausforderung, uns der Sache anzunehmen. Die Bridge ist bewusst zitiert um es allen klar zu machen. Das ist eigentlich mehr als Musik, weil es auch wachrütteln kann."

Die beiden trauen sich etwas, vor dem man gehörigen Respekt haben sollte. Sie brechen mit einem Teil ihrer Vergangenheit und werfen sich in ein Leben der Passion. Sie fahren mit einem mobilen Tonstudio nach Polen und werkeln in der vermeintlichen Einöde an ihrem Herzensstück. Und sie sind Arbeitstiere.

"Das, was auf E&S zu höen ist, stellt nur einen minimalen Teil unserer Werke dar."

Sie haben mehr in petto, als man von Newcomern erwarten würde. Schon jetzt haben sie Material für mindestens zwei weitere Longplayer. Mehr, als viele andere Bands jemals leisten werden. Und so ist es auch nicht verwunderlich, dass Ihnen selbst ehemalige Rap-Kollegen den gebührenden Respekt aussprechen. SIDO und Olli Banjo sind geflasht. Beide werden sich selbst fragen müssen, ob sie mit dem HipHop auf Dauer glücklich werden.

Hagen und Sven sitzen entspannt am Tisch. Hagens Hund lässt einen fahren. Er schmunzelt kurz, streichelt das Tier und schwärmt von den Konzerten, die ihm zeigen, dass sie alles richtig machen.

"Wir merken es, wie die Leute frei drehen, wenn wir ihnen sagen, dass es wieder cool ist zu tanzen. Und auf einmal legen die richtig los. Und das sind so Momente, in denen wir merken, wofür wir das machen."

Ähnlich ergeht es Ihnen, wenn sie über die Zusammenarbeit mit ihrem Label sprechen. Trotz Major können sie schalten und walten, wie sie wollen. Ihnen ist wichtig, dass sie nicht nur ein Produkt sind, sondern dass man ihre Vision erkennt.

"Zum Glück haben wir schon ein paar Jahre im Musikgeschäft auf dem Buckel. So haben wir mit Haudegen nicht das erstbeste Angebot angenommen, sondern uns erst einmal zurückgelehnt und gesagt: So, nun lass sie mal kommen. Uns war dabei immer ganz wichtig, Priorität zu haben. Und bei Warner haben sich die Vorstellungen von beiden Seiten am meisten gedeckt. Somit war für uns am Ende des Tages dann klar, wo wir unterschreiben wollen."

Es ist eine Reife eingekehrt, die sich auch bei den Live-Auftritten der Band fortsetzt. Es geht nicht mehr darum, möglichst böse in der Ecke zu stehen und die coole Sau zu markieren. Auf den Konzerten stehen 50er neben Teenies. Alle sind dort wegen eine zusammenführenden Gefühls. Es geht um nichts anderes, als die Schönheit und Hürden des Lebens. Ereignisse, die jeder kennt. Egal ob Unter-, Mittel-, oder Oberschicht. Das Leben des Menschen ist abseits der finanziellen Situation deckungsgleich. Jeder verspürt Sorgen, Freude und Ängste in gleichem Maße - unabhängig der gesellschaftlichen Stellung. Und so ist Haudegen nicht für eine spezielle Klientel, sondern für Menschen, die es sich trauen, in sich selbst zu blicken.

Sie legen bei ihren Stücken viel Wert auf Melodien und natürlich die Texte. Selbst eher mäßig musikalisch gebildet, wissen sie doch, was sie erreichen wollen. Ihr Album ist 100%ig echt. Selbst die Streicher sind nicht am Computer entstanden. Das Babelsberger Filmorchester spielte bei acht von zwanzig Songs mit. Und es sorgte bei Hagen und Sven für Gänsehaut und für eine gehörige Portion Stolz.

"Da sind wir natürlich ausgeflippt. Und da sind wir wieder bei dem Ding: zwei Typen aus der Platte. Wir sind da hingefahren und haben jedem die Hand geschüttelt. Das war für uns echt einer der größten Momente - wenn ein Orchester deine Musik spielt - das kann dir niemand mehr nehmen. Als die Cellisten angefangen haben, ist für uns echt ein Traum in Erfüllung gegangen."

Ein Traum, der sich zum Beispiel in einem Song wie "Rot markiert" widerspiegelt. Das Lied zieht den Hörer in eine gewaltige emotionale Welt. Es ist ein Song, der für Hagen und Sven besonders ist. Denn es geht um ein wohl behütetes Geheimnis der beiden Freunde.

Sie lieben und respektieren Musik als Kunstform. Genau das wollen sie sein und dafür reißen sie sich den Arsch auf. Leicht ist es sicherlich nicht, die Familie für einen längeren Zeitraum nicht zu sehen. Aber selbst die Kleinen wissen mittlerweile, warum Papa das macht. Mittlerweile sind sie sogar stolz, werden auf dem Schulhof angesprochen und wissen, dass es einfach so ist, dass Papa oft unterwegs ist und im Fernsehen zu sehen ist.

Mit 'Schlicht & Ergreifend' wird dies sicherlich nicht weniger werden. Es ist der Grundstein für eine hoffentlich steile Karriere. Auch wenn Deutschland oft als Land des Neides und der Missgunst betrachtet wird. Hagen und Sven wünscht man durch und durch, dass sie mit ihrer Tugendhaftigkeit den Zeitgeist treffen. Aber selbst wenn nicht, dann ist es für die beiden kein existenzielles Problem. Sie haben es bisher schließlich auch geschafft, sich durchzuschlagen. Und so freuen sie sich darauf, dass bald viele Menschen ihre Lieder hören können. Denn Haudegen erzählt Geschichten, die das Leben schreibt. Songs, die nicht spurlos an einem vorbeigehen. Haudegen macht Musik für den kleinen Mann und das sind wir alle. Kleine Männer im vergänglichen Kosmos der Menschlichkeit.

Aktuelles Album: Schlicht & Ergreifend (Warner)
© 03. Juni 2011  WESTZEIT ||| Text: Christian Grospitz ||| Foto: Erik Weiss
Juni 2011

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