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CASPER - Hin zur Musik

Er ist zurück. Der Emo-Rapper, Studenten-Rapper und die weinerliche Sissy mit der markanten Stimme. Casper steht in Berlin-Kreuzberg in der Küche seiner Booking-Agentur. Man kann sich anhand seiner Texte kaum vorstellen, dass dieser Typ überhaupt so etwas wie Lebensfreude empfinden kann. Aber weit gefehlt. Er redet ohne Unterlass und lacht dabei überraschend oft. Casper hat sich viele Jahre Zeit gelassen, um mit seinem neuen Album „XOXO“ in Rap-Deutschland aufzuschlagen. Aber es hat sich gelohnt. Seit seinem Überraschungserfolg „Hin zur Sonne“, also seit 2008, warten Fans auf neue Songs von diesem so ganz anderen HipHopper. Alle warten gespannt darauf, wie sich dieser Typ verändert hat. Wie sich seine Musik entwickelt hat. Und so viel kann man schon verraten, das hat sie.

Casper versteht, dass er von Leuten immer in eine Schublade gesteckt wird.

„Am Anfang habe ich mich total gegen dieses Emo-Rapper-Label gestemmt. Aber mittlerweile sehe ich das eigentlich ganz positiv. Das ist halt eine Schublade, die hat es vor mir so noch nicht gegeben. Und wenn jetzt irgendwann ein Rapper kommt und so etwas Ähnliches macht wie ich, dann wird immer klar sein, woher er dieses Label hat. Bei Studenten-Rappern bin ich allerdings etwas vorsichtiger – da ist man so schnell bei Curse und Clueso und das sind so eher die Teetrinker. Und das bin ich nicht.“

Aber Casper versteht, dass er kategorisiert wird. Und diese gefühlsduselige Art von ihm führt unweigerlich dazu, dass er von den harten Jungs im Geschäft etwas belächelt wird. Aber ihm ist das egal. Er hat immer schon die Teenie-Erlebnisse in seinen Texten verarbeitet. Die erste große Liebe, die erste große Trennung, das erste große Besäufnis. Alles Dinge, die man in der Regel intensiver erlebt, als das, was danach kommt.

„Wenn Leute wie K.I.Z. übertrieben sexistisch oder aggressiv sind, dann ist das in Ordnung. Aber wenn ich entsprechend übertrieben emotional, melancholisch und romantisch bin, dann bekommt das in Deutschland gleich so etwas eklig Negatives. Wohingegen das in England nicht so ist. Nimm einfach ´The XX´ oder ´Florence and the Machine´ – Wenn Grönemeyer meine Texte singen würde, dann würde vermutlich niemand etwas sagen.“

Und Casper sieht sich mittlerweile in eben dieser Blutlinie. Er hat sich bei ´XOXO´ extrem auf ein textliches Bewusstsein eingeschossen. Ebenfalls interessant, dass er bei der neuen Platte auf das szenetypische Rappertum verzichtet hat. Es gibt keinerlei Wie-Vergleiche und das hat er bewusst so durchgezogen.

„Wie-Vergleiche sind so eine Rapper-Krankheit. Es gibt kaum etwas Einfacheres. ...Ich bin so groß wie der BigBen... Na jetzt noch einen Reim auf BigBen suchen und schon hast du einen coolen Rap. Und genau das wollte ich bei meinem neuen Album nicht. Hier hat jeder Song seinen eigenen Spannungsbogen. Und ich bin auch überzeugt, dass ich in den letzten Jahren lyrisch einen großen Sprung gemacht habe.“

Für ihn hat jedes Wort und jede Zeile ihren Sinn. Es ist kein Pathos, mit dem er seine Gefühlswelt beschreibt. Es sind persönliche Erlebnisse und Erfahrungen, die Casper, alias Benjamin hier verarbeitet. Das kann und darf gerne verschachtelt und codiert sein, sollte seiner Meinung nach aber stets glaubwürdig und echt sein. Casper sucht die Metaebene und er findet sie.

Ziemlich deutlich wird das zum Beispiel bei ´Das Grizzly Lied´. Hier geht es um den jungen Benjamin, der mit seinem Vater, einem hart gesottenen Ledernacken im Wald jagen geht. Und dann gibt der Soldat dem Sohn das Gewehr und sagt: „Mal bist du der Jäger, mal bist du der Bär – doch wenn du Bär sein musst, um Gottes Willen, dann kämpf!“

Und das hat Benjamin gemacht. Der Song beschreibt eine Liebe und Dankbarkeit zu seinem Vater, die anfänglich schwer zu begreifen ist. Die Phrasen und guten Ratschläge des Vaters sind nicht durch Fürsorge und Liebe geprägt, sondern durch knallharte Tipps, wie man mit den Hürden des Lebens umgehen sollte. Das ist ziemlich persönlich und wird im späteren Verlauf des Albums durch ein Anruf-Skit seines Vaters noch einmal verstärkt.

Wenn Casper über solch persönliche Dinge schreibt, dann geschieht das meist mit elendig viel Zigaretten und Wein. Er ist ein Nachttier und hat bisher all seine Stücke dann geschrieben, wenn normale Menschen längst schlafen. Allerdings ist er auch nicht der fleißigste und so erklärt sich auch der lange Veröffentlichungsrhythmus. Immerhin hat Casper bei „XOXO“ drei Deadlines verstreichen lassen. Für das Label sicherlich auch nicht ganz angenehm. Aber lieber so, als jedes Jahr ein neues Bushido-Album, welches inhaltlich banal und musikalisch unbedeutend ist. Und hier kann man auch die Brücke schlagen, zum Album-Titel. Hugs and Kisses – die Abschiedsformel steht zugleich für Caspers Abschied von den gängigen HipHop-Dogmata.

„Jetzt kann ich zum ersten Mal wirklich sagen, dass ich ein Ich gefunden habe – wobei mir vorher gar nicht bewusst war, dass es ein Nicht-Ich gibt.“

Dies macht sich besonders beim musikalischen Gerüst bemerkbar. So hat Casper beim letzten Album zum Beispiel noch Funk und Soul gesampled, wobei er mit der Musik eigentlich gar nichts anfangen kann.

„Es hat mich lange Zeit gestört, dass ich Musik imitiere, die nichts mit mir zu tun hat. Ich weiß ja nicht einmal woher sie stammt. Und in Amerika funktioniert das nur, weil Soul dort seine Wurzeln hat. Aber bei uns ist doch niemand damit aufgewachsen. Wenn du bei uns einen ähnlichen Effekt erzielen möchtest, dann musst du Nena und die EAV samplen.“

Dies ist beim neuen Album aber zum Glück nicht der Fall.

Es ist nicht mehr HipHop im üblichen Sinne. Und das hat auch einen Grund. Nach „Hin zur Sonne“ war er erst einmal auf Tour. Und dann ist etwas geschehen, was sein Verständnis für den deutschen Rap veränderte. Bei einem Konzert in Berlin wurde einer seiner Freunde auf der Bühne niedergeprügelt. In der Szene fiel der Verdacht schnell auf Joe Rilla, einen ehemaligen Berliner Ghetto-Rapper. Dieser hat indes selbst mit der Szene gebrochen und mit „Haudegen“ eine neue Deutschrock-Band gegründet. Casper war dieser Vorfall zu blöd. Er wollte das so einfach nicht mehr mitmachen.

„Für mich ist ein Album eh eine Momentaufnahme der letzten Jahre. Wichtig war mir jetzt nur, dass es ein richtiges Textmanifest wird. An den Sound der nächsten Platte mag ich noch gar nicht denken “

Die musikalische Vergangenheit von Casper liegt jedoch eher woanders. Deutsch-Punk und Ska sind seine Wurzeln. Mit Slime-Shirt und Jacke mit „Schieß doch, Bulle“-Rückenaufnäher machte er die örtlichen Spielplätze unsicher. Danach spielte er einige Zeit in einer Hardcore-Band. Also „richtig radikal“, wie er mit einem leichten Schmunzeln anmerkt.

Spannend wird nun, ob „XOXO“ einen ähnlich radikalen Wechsel in seinem Leben herbeiführen wird. Die Erwartungshaltungen an den Erfolg der Platte sind in seinem Umfeld schon recht groß. Aber er versucht, das Ganze aus seinem Kopf zu verdrängen. Für ihn ist der Erfolg vor allem ein künstlerischer. Und diesen misst er zumindest teilweise auch an Rezensionen und Kritiken. Ihn interessiert dabei vor allem, wie die anderen Leute auf sein schon recht krasses Genrehopping reagieren. Schwer vorzustellen, dass dieses Album alten Fans nicht zusagt und ziemlich wahrscheinlich, dass er damit viele neue Fans von sich und seiner Musik überzeugen kann.

Aktuelles Album: XoXo (Four Music / Sony)
© 03. Juli 2011  WESTZEIT ||| Text: Christian Grospitz ||| Foto: Christoph Voy
Juli 2011

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