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KRAFTKLUB - Der analoge, halluzinelle Punk der Heimat!

Der Name Kraftklub steht zwar nicht direkt für verbale Kraftausdrücke, doch nehmen die fünf Chemnitzer bei ihren Interviews kein Blatt vor den Mund! Tradition verpflichtet - Schließlich hatten die „Eltern“ von Felix (Vocals) und Till Brummer (Bass) den Medien in den 80er Jahren schon ordentlich die Meinung gegeigt!

Erster Akt

In Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz) wird 1986 die AG.Geige gegründet. Diese Arbeitsgemeinschaft bestand bis 1993, erlangte Kultstatus nicht nur in der damaligen DDR, und neben Elek-tropop mit Kultstatus gingen die beiden o.g. Brüder „aus der Band“ hervor.

Felix Brummer: „Als ich anfing, mich für Musik zu interessieren, habe ich komplette Zeitreisen zurück gemacht. Denn bis ich 16 war, wusste ich überhaupt nicht über Musik bescheid. Das Wissen kam erst, als ich Anfing auszugehen, Mädchen kennenzulernen. Ich ging auf HipHop-Parties, aber ich habe die Klassiker noch gar nicht gekannt.“

Brummer guckt auf ein Infoblatt, dass aus der Aktentasche seines Interviewpartners herausragt.

„Deshalb kenne ich auch Ton Steine Scherben. Die spielen jetzt wieder (seit 2004 als TSS Family)? Ist das nicht irgendwie schräg, ohne den Sänger Rio Reiser († 1996)? Kürzlich haben wir mit DAF zusammen gespielt. Die gehören zur Musikergeneration meiner Eltern. Unser Vater hat bei der AG.Geige gespielt. Deshalb war deren Dunstkreis für mich am einfachsten kennen zu lernen. Ich finde diese Sachen auch besser als z.B. die ´Hamburger Schule´. Die AG.Geige durfte damals so richtig in den Westen reisen. Sie machte jedoch mehr Kunst als Musik. Sie wollten einfach was machen, Anti-Sein. Es war ein Mittel zum Zweck.“



Zweiter Akt

Kraftklub siegten 2010 beim New Music Award der „jungen Programme“ (Radiosender) der ARD. 2011 performten Kraftklub (deren Musiker alle Anfang 20 sind) als Vorjahressieger, während die aktuelle Jury im September 2011 Captain Capa im Berliner Admirals palast zum neuen Sieger kürte.

FB: „Es war albern, sich so mit einem ´Wir haben es geschafft!´ hinzustellen. Für den Wettbewerb war das sicher eine tolle Sache, natürlich haben auch wir dadurch einen Sprung gemacht. Aber die Sache mit unserem Label, und diverse Supporttouren waren schon vorher eingetütet! Live spielen war das Ding, alles, was damit zusammenhängt, hat uns nach vorn gebracht.“

Durch den emsigen Aktionismus der Kraftklub-Mitglieder Karl Schumann (Gitarre, Gesang), Steffen Israel (Gitarre), Max Marschk (Drums) und der Gebrüder Brummer kam auch der Kontakt zum heutigen Rap-Star Casper zustande.

FB: „Mit Casper verbindet uns sehr viel. Er hat uns sozusagen entdeckt. Wir gaben ein Demo zu einem Hiphop-label - Casper war zufällig da. Er machte gerade ein Praktikum bei einer Booking-Agentur (lange vor seinem kommerziellen Durchbruch), sagte seinem Chef: ´Ey, die musst Du unter Vertrag nehmen... ´ Etwas später kam ein Auto mit unserem jetzigem Booker zu uns nach Chemnitz gefahren, wir haben eine Flasche Wodka getrunken, einen Vertrag unterschrieben...“

Till Brummer (setzte sich kurz vorm Soundcheck auf der MS Treue, wo in Bremen der Tourstart mit einen ausverkauften Show begonnen hatte, noch kurz zum Interview dazu...):

„Da haben wir einen Vertrag unterschrieben, der uns bestimmt noch 10 Jahre an unseren Booker bindet....“

FB (ironisch): „...ein richtig schöner Knebelvertrag! Ne, war ne nette Geste – die Agentur macht nen Bombenjob. Bei VÖ des Albums werden wir circa 150 Konzerte gespielt haben!“

´Mit K´ erscheint allerdings erst am 20.01.2012. Welche Songs sollen den potentiellen Käufern in spe denn besonders ans Herz gelegt werden?

TB: „ ´Eure Mädchen´ - das Lied ist schön hart, schön schnell!

FB: „Ein typischer Kraftklub-Song! Total geklaut und ballert! Allerdings zu ballerig, zu sehr aufs Maul, als dass es eine Single wird! Ich persönlich finde unseren Ausflug in die Balladenwelt sehr interessant. ´Kein Liebeslied´ ist ... keine Ahnung, wie man so was nennt. Dafür gibt es nur schlimme Namen. Aber der Song ist trotzdem cool, obwohl wir hier nur die halbe Stärke von dem fahren, was wir sonst so machen.“

TB: „Es ist ein Liebeslied, doch man kann trotzdem dahinter stehen!“

FB: „Hauptsache ist, dass wir Popmusik machen, die uns nicht peinlich ist!“

Mit Lyrics wie zum „alten“ Kraftklub-Kulthit ´(Ich)Scheissindiedisco´...?

TB: „Schon, auf jeden Fall. Allerdings mehr in die Strophe verpackt, nicht im Refrain.“



Dritter Akt

Die Single aktuelle heißt „Ich will nicht nach Berlin“. Welche Geschichte verbirgt sich dahinter?

FB: „Wir benötigten eine Promo-Single, weil wir irgendetwas für den BundesVision SongContest brauchten!“

Kraftklub traten, lediglich mit Unterhosen bekleidet, beim 2011er BuViSoCo von Stefan Raab auf...

FB: „Ja, dass war unsere eigene Idee. Wir hatten vor längerer Zeit den BuViSoCo angeguckt, fanden es total schlimm, wie langweilig die Performances waren. Da hatten wir uns quasi großmäulig versichert, dass wir, wenn wir dort einmal auftreten, irgendetwas ganz andres machen würden – wir würden nackt spielen! Dann wurden wir tatsächlich gefragt... Also war uns klar, wir müssen das jetzt durchziehen! Wenn wir komplett nackt spielen würden, wäre es unästhetisch, und bei mir blöd, weil ich ja keine Gitarre ´davor´ habe.“

TB: „Das hätte die Aufmerksamkeit in falsche Bahnen gelenkt...“

FB: „Gedurft hätte man aber, nur das Glied hätte nicht erigiert sein dürfen. Wir hatten ein kostenloses Mode-Blatt gesehen, mit Bodypainting-Mädchen auf heißen Öfen. Wir fanden es lustig, wollten es ebenso machen wie die Girls. Ein ganz schöner Aufriss! Allein das Anmalen hat fünf Stunden gedauert. Wir mussten die ganze Zeit stehen. Tags zuvor mussten wir uns komplett rasieren – geschweige denn, dass wir wussten, wie das geht. Ich habe drei Stunden in der Dusche gesessen. Es war heiß, ich habe übel geschwitzt. Die komplette Wolle musste ab. Ich habe mir die ganzen Beine zerschnitten...“

TB: „Mich würde interessieren, was die Leute im Hotel von uns gedacht haben... Weil ich mich einfach ins Bett gelegt habe, und das war natürlich am nächsten Morgen blutüberströmt. Ich war mit unserem Tour-Manager, der etwas älter ist als wir, im Zimmer. Die Hoteldame wusste, dass da zwei Männer... Blutiges Bett? Was wohl in den Köpfen der Hoteldamen vorging? Wir hatten dazu noch weiße Bademäntel, überall hingen Hautlappen.“

Und darum wollten Kraftklub nach der Performance Moderatorin Lena Meyer-Landrut nicht mehr unter die sofort nach dem Set übergestreiften Bademäntel gucken lassen?

FB: „Es war so `Äffchen-tanz-für-mich-mässig´. Da muss man eh böse aufpassen bei der Veranstaltung. Es war irgendwie total schräg, wie sich alle benommen haben. Total duckmäuserisch. Wir haben uns dort nicht so richtig wohl gefühlt. Prinzipiell konnten sich dort alle suuper leiden. Der Andere war stets der Allercoolste. Jeder hat sich Profs gegeben. Wir fanden das total albern, weil ganz offensichtlich war, dass man halt manche der anderen Bands total scheiße findet. Dieses prinzipielle `Hey, wir sind doch alles eine Familie´, und so. Jetzt macht mal halblang! Wir sind keine Familie! Wir sind hier bei einem komischen Wettbewerb! Alles ein bisschen ungewohnt. So ist das wohl halt im Musikbusiness – Man will sich niemanden zum Feind machen.”

TB: „Ich glaube, viel läuft hier hinterm Rücken ab!“

FB: „Jeder war der Meinung, dem Anderen sagen zu müssen, wie toll er ist, obwohl sie sich nicht toll fanden. Total schräg. Doch das ist jetzt vorbei, und wir gehen wieder auf unsere kleine Clubtour!“

Der Kraftklub passt von der Mentalität her eher zur Punkideologie, wie im Gespräch betont. Wer sich nun jedoch selbst ein individuelles, subjektives Urteil bilden möchte – die Band spielt den kompletten Dezember und Januar in allen möglichen und unmöglichen Locations unserer Republik (das Interview z.B. fand vor einem Gig auf einem Schiff statt). Hingehen!

Aktuelles Album: Mit K (Vertigo / Universal) VÖ: 20.01.2012
Weitere Infos: http://kraftklub.tumblr.com/
© 03. Dezember 2011  WESTZEIT ||| Text: Ralf G. Poppe ||| Foto: Philipp Weiser
Dezember 2011

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