interviews
kunst
artexpo
cartoon
konserven
liesmich.txt
filmriss
dvd
vorlesungs-
verzeichnis

cruiser
agenda
live reviews
stripshow
lottofoon
kontakt
PITCHBEN - Überbetont, überdreht, übersteigert

Als DJ ist er schon einige Zeit unterwegs. Angefangen hat er als 13-Jähriger. Als M-Tech gewinnt er 2002 das deutsche Disco Mix Club (DMC)-Finale. Aber als Kind der 80er-jahre ist er wohl so stark von Disco, Soul, Funk, Elektro und frühem HipHop beschallt worden, dass er die Klänge nicht aus Kopf kriegt. Die Rede ist von Pitchben aus München, der sich auf dem aktuellen Album ´Pitchslap´ die Lieder seiner Jugendzeit vorknöpft.

Ausschließlich Michael Jackson

Nicht ganz unschuldig an der massiven Beschallung des Kinderzimmers von Pitchben ist seine große Schwester. Sie hat Michael Jackson einst so geliebt und rauf und runter gehört, dass ihr Brüderchen es ihr gleichtat und eine zeitlang ausschließlich Jacko hörte. Das hinterlässt unauslöschliche Spuren. Doch die müssen erst wirken. Und das braucht Zeit.

„Zwischenzeitlich übte ich mich intensiv in dem, was in Clubkreisen gemeinhin als Scratching und Turntablism durchgeht“, erinnert sich Pitchben, „später wechselte ich auf die Produzenten- und Toningenieurseite. Dort habe ich unglaublich viel gemacht: Techno, Hip Hop, Pop, Elektro, Drum’n’Bass. Die Spannbreite der Genres zeigt schon, dass ich da natürlich nicht nur an eigenen Produktionen arbeitete, sondern meine Dienste vielen anderen Künstlern angedeihen ließ. Darunter war auch der sechsmalige DJ Welt-Champion Rafik.“

Doch irgendwann, so ziemlich 20 Jahre nach der Michael Jackson-Dauerbeschallung entdeckt Pitchben seine wahre Mission, die Neuinterpretation der Klänge und des Gefühls der 80er-Jahre.



Die Konstante

Elektrofunk

„Der vielen Nummern aus den 80er-jahren zugrunde liegende Elektrofunk ist die Konstante in meinen Hörgewohnheiten“, erklärt Pitchben seine Hinwendung zu dieser Art von Musik, „das ist die Musik, die mich wirklich antörnt. Und der Traum von einem eigenen Elektrofunkprojekt, der war schon immer da.“

Dabei kommt Pitchben zu dem Schluss, dass er sich, um diese Zeit wieder aufleben zu lassen, zweier Begrenzungen entledigen muss: Der Rechner und die Ausrüstung des heimischen Studios allein sind unzureichend.

„Dazu bedarf echter Musiker und echter Vokalisten“, das ist Pitchben schnell klar, „doch beginnt alles, wie gehabt, im Rechner. Anschließend entstehen so genannten Score-Sheets, vergleichbar mit ausarrangierte Notenblättern. Die gehen an die Musiker und die spielen dann eins zu eins nach.“

Was da auf dem Tisch liegt greift die Dramatik und die Dynamik der 80er-Jahre Klassiker auf und spürt deren anspruchsvoller Rhythmik nach. Dazu bedarf es nicht nur eines schicken Arrangements, sondern auch einer geschickten Instrumentierung.

„Unbedingt. Komplette Bläsersätze spielen dabei eine tragende Rolle“, referiert Pitchben, „besonders die Trompeten, weil sie fast als verlängerte Stimme fungieren können. Auch die kleinen Fehler, wenn man das überhaupt so nennen will, die Bläser durch den Einsatz ihres Atems zwangsläufig erzeugen, die reichern den Spannungsbogen bei den 80-Jahre-Krachern weiter an.“



Perfektion und Wahnsinn

Was sich Pitchben in den Kopf setzt, das führt er richtig amtlich aus.

„Schließlich will ich eine authentische Spur hinterlassen“, lacht er. Das klingt schwer nach fast nach wahnhafter Perfektion und Detailverliebtheit. „Absolut, mit diesem Perfektionsgehabe treibe ich nicht nur die Musiker, sondern auch mich selber in den totalen Wahnsinn. Alles muss bis auf das I-Tüpfelchen stimmen. Der Begriff Kompromiss kommt in meinem Wortschatz nicht vor.“

Pitchben arbeitet daher auch sehr konzentriert. Sehr zielgerichtet. Deshalb hat er auch nicht Hunderte von Skizzen rumliegen.

„Wenn ich weiß, dass es zehn Titel sein sollen, dann arbeite ich vielleicht an zwölf oder 13, die aber werden so lange aus- und bearbeitet, bis sie richtig attraktiv sind“, fügt er an.

Damit dies auch live umsetzbar ist, hat sich Pitchben fast für eine klassische Rockband-Besetzung entschieden: Schlagzeug in elek-tronischer Ausführung, Bass. Gitarre, ein Sänger und er an den Knöpfen. Wer sich solch ein fast historisches Projekt zur Brust nimmt, der darf zwar zitieren, aber keinesfalls kopieren.

„Ein Produzent, der sich so etwas vornimmt, der muss in der Vergangenheit und in der Zukunft gleichzeitig denken zu können“, weiß Pitchben, „anders ist solch ein Projekt völlig sinnlos. Man hätte ja sonst nichts Eigenes zusagen.“

Das vorgelegte Album „Pitchslap“ hält einen dann auch ordentlich in Bewegung: geistig, weil man sich mit der wilden Sammlung der Retroanleihen auseinandersetzt, körperlich, weil die Stücke so unwiderstehlich tanzbar sind.

Diese Kraft ziehen die Werke aus der Tatsache, dass Pitchben die eingedampften Essenzen der 80er-Jahre überbetont, überdreht und übersteigert.

Aktuelles Album: Pitchslap (Compost Records / Groove Attack)
© 01. Dezember 2011  WESTZEIT ||| Text: Franz X.A. Zipperer
Dezember 2011

Links

suche