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FIRST AID KIT - Kein leichtes Spiel mit Mehr

Es liegt außerhalb ihrer Vorstellungskraft, keine Musik mehr zu machen. Klara und Johanna Söderberg sind First Aid Kit und sie würden, wenn sie damit kein Geld verdienten, ganz sicher etwas ähnlich Kreatives tun, das sie irgendwie ernährt und am Leben hält. Musik machten sie in diesem Fall aber natürlich trotzdem noch, so nebenbei, so Tag für Tag – weil das Leben doch sonst viel zu einfach wär.

Easy ist das sicher nicht: Vater professioneller Musiker und Mutter dozierende Filmexpertin – wie kann man als Kind solcher Eltern da guten Gewissens rebellieren? Streng genommen eigentlich nur mit wenig spannenden Hobbys wie Voltigieren, einem Faible für Briefmarken oder dem ungeheuchelten Interesse an Mathematik. Ist eben dumm gelaufen, wenn die Eltern schon das coole Zeug fernab vom Establishment vorleben und das Dagegensein kaum erwähnenswerte Attraktionen bietet.

„Unser Bruder steht gerade voll auf Fußball. Allerdings sollen wir das nicht verraten, weil das natürlich nicht wirklich cool rüberkommt.“

Selbstredend klingt es dann schon weitaus cooler, wenn Klara und Johanna erzählen, dass ihr kleiner, achtjähriger Bruder ein großer Bob Dylan-Fan ist und bereits seine ersten Songs schreibt, die deren eigene in den Schatten stellen. Wo es den Kleinen schließlich hinführt, wird man sehen: auf dem grünen Rasen, am Singer/Songwriter-Firmament oder weiß der Kuckuck. Ein wenig Zeit hat er ja zum Glück noch, wenngleich - kommt der Knirps nach seinen beiden gar nicht so viel älteren Schwesterherzen - er auch schon bald seine Profession gefunden haben dürfte.

Klara, noch nicht einmal 20 Jahre jung, und Johanna, knapp über 20 Jahre „alt“, folgen ihrer Berufung schon längst. Von Kindesbeinen an der Kreativität verpflichtet, sitzen sie als Teenager bereits beruflich fest im Sattel. Die beiden Schwedinnen kennt jeder Indie- und Folk-vernarrte Mensch seit dem Jahr 2008, als bei Youtube die Söderberg’schen Schwestern ihre Version des Fleet Foxes-Tracks Tiger Mountain Peasant Song um die Welt schickten, nacheem auf dem The Knife Label Rabid Records die erste EP „Drunken Trees“ und das Debütalbum erschienen waren. First Aid Kit – darüber sprach man. Und als sich dann Wichita den neuen heißen Indie-Folk-Scheiß schnappte, um eben jenes Debüt „The Big Black and the Blue“ samt Fleet Foxes-Knallercover nochmals und international zu veröffentlichen, war für die Schwestern an keinen anderen Broterwerb mehr zu denken – und das nicht nur, weil Musik sie ernähren sollte:

„Musik ist das, was uns durch das Leben bringt, Tag für Tag. Sie hilft. Musik lässt dich nicht so allein, sondern vereint. Nicht zuletzt auch uns beide.“

Klingt nach Schwester-Klischee? Vielleicht, aber Klara und Johanna harmonisieren in allen Belangen, wirken wie eineiige Zwillinge, die den gleichen Herzrhythmus haben, den selben Ton anschlagen und fast immer unisono antworten. Ein Umstand und Vorteil, der in ihrer Musik zu hören ist. Sie spielen aus einem Guss, sind harmoniesüchtig und singen förmlich aus einer Kehle, weil es keine Dissonanzen zwischen ihnen gibt. Und selbst wenn:

„Es ist doch völlig normal, wenn du permanent miteinander zu tun hast, dass man sich auch mal gegenseitig annervt. Wir sind zusammen auf Tour, wir sind zusammen im Studio, wir sind zusammen daheim bei unseren Eltern. Wie sollte man sich da nicht irgendwann einmal auf den Wecker gehen und aneinander geraten? Aber wir kennen uns sehr sehr genau, weshalb diese disharmonischen Momente eben auch nur ganz selten auftreten. Wir wissen, wo Grenzen sind, sowohl die eigenen als auch die des Anderen. Wir wissen, wie der andere in bestimmten Momenten reagiert. Deshalb haben wir eigentlich so gut wie nie einen großen Streit. Wenn wir ihn dann doch mal haben, ist er nach zehn Minuten gegessen. Und das ist nicht nur deshalb so, weil wir Schwestern sind, sondern eben auch beste Freundinnen.“

Ihre ersten Shows haben die beiden schon als Kinder zusammengespielt. Die Nachbarskids kamen rum und lauschten, wenn Klara und Johanna spielten. Das war in dieser Familie und in dieser Hood das Normalste von der Welt. Gitarre spielen und singen waren wie schreiben und malen, wie Film und Literatur, ein großer Bestandteil des Söderberg’schen Alltags. Die Eltern unterstützen die Kreativität ihrer Kinder stets ohne Druck, ja sie waren sogar fast immer Teil des kreativen Schaffens – wie auch heute noch. Vater Benkt Söderborg ist zum Beispiel heute mit auf Tour, kümmert sich dort um den Sound seiner Sprösslinge und auch beim neuen Album hat er den Bass gespielt.

Dieses neue, zweite First Aid Kit-Album trägt den Titel „The Lion’s Roar“ und ist anders. Eine völlig oberflächliche wie offenkundige Feststellung natürlich, weil es im Gegensatz zum Debüt ein Bandalbum geworden ist. Viele Instrumente erweitern den Horizont eines jeden Songs, das gesamte Spektrum ist breiter und bunter geworden, die Welt summt zwischen viel höheren Höhen und tieferen Tiefen als zuvor. Kurzum: es passiert nun mehr und das ist genau das, was sie wollten. Weg von dem reinen Duo-Feeling und dem Wohnzimmer-Charme, hin zu einem größeren Ganzen, dem Bandgefühl und Livemoment.

„Das Album zeigt unseren Wachstum. Wir haben mehr mit den Extremen gespielt als zuvor. Musik ist immer ein Spiel mit diesen Extremen. Und dieses Spiel wird eben viel breiter und spannender, wenn du eine Band hast, mit der du diese weiter ausreizen kannst.“

Geholfen und mitgereizt hat Michael Riley Mogis, Rufname Mike, der seit Jahren als Haus- und Hofproduzent des Imperiums Saddle Creek zu einem international gefragten Producer geworden ist. Und mit diesem Typen, den sie nicht nur wegen seiner Produzentenkünste und Multiinstrumentalistenfähigkeiten schätzen, sondern auch wegen seiner Bright Eyes-Zugehörigkeit liebten, wollten First Aid Kit ihr erstes Mal wagen. Somit zogen sie (inklusive Daddy natürlich) für einen Monat nach Omaha und nahmen aufgeregt, aber voller Enthusiasmus ihr neues Werk in Angriff.

„Immer wieder würden wir das tun! Mike ist unglaublich gut. Das hört man nicht nur auf all den tollen Platten, die er zuvor produziert hat, sondern das merkt man auch in jeder Sekunde, die man mit ihm im Studio verbringt. Er hat ein unglaubliches Gespür für Musik, wusste immer, was unseren Songs noch fehlte und wie was klingen müsste. Wo das I-Tüpfelchen fehlte, setze er es drauf. Wo etwas zu normal klang, fand er den besonderen Sound. Er hat uns geholfen, dorthin zu kommen, wo wir hinwollten und wo wir vermutlich allein nicht hingekommen wären. Zumindest nicht auf diesem schnellen Weg und nicht mit so viel Freude.“

Ohne Mogis’ Wunderfinger in Frage stellen und die neuen Bandeinflüsse relativieren zu wollen, muss man doch am Ende sagen, dass das A & O geblieben ist: Diese Stimmen, die sich in- und auswendig kennen und an jeder Wendung umschlingen, in Harmonie verharren, um dann in aller Pracht fortzuziehen. Egal wo die eine hingeht - die andere folgt ihr blindlings. Gut und aus voller Kehle gebrüllt, ihr Löwen! Und das, obwohl die jungen Damen ganz offensichtlichen wie auch nach eigenen Angaben grundsätzlich sonnige Gemüter sind. Nicht nur, weil ihnen die Kreativität mit in die Wiege gelegt wurde, sondern auch genau deshalb, weil sie gelernt haben, all die schattigen Dinge des Lebens in ihre Musik zu stecken:

„Im Grunde hoffen wir immer, etwas unglücklich zu sein. Denn nur so können wir kreativ sein, kann die Musik und können die Worte aus uns raus. Das mag seltsam klingen, aber es ist die Wahrheit: Ist dein Leben Scheiße, hat das immer zumindest eine gute Komponente, weil interessante, gute, bewegende Songs daraus entstehen.“

Happiness is easy.

Aktuelles Album: The Lion´s Roar (Wichita / PIAS)
© 03. Februar 2012  WESTZEIT ||| Text: Björn Bauermeister ||| Foto: PIAS
Februar 2012

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