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FELIX MEYER - Popmusikalischer Geschichtenerzähler

Da muss jemand schon ordentlich Kilometer gefressen und Staub geschluckt haben, um die Weisheiten der Straße so überzeugend darbringen zu können. Auf „erste Liebe/letzter Tanz“ zeigt Felix Meyer, wie ihn die ausgedehnten Reisen mit seinem kleinen Straßenorchester zu einem grandiosen Beobachter des Menschlichen, des Allzumenschlichen gemacht. Die Ergebnisse dieser teilnehmenden Beobachtung trägt er formvollendet in Deutsch vor.

Rauer Charme der Straße

Deutsch Gesungenes hat gerade Hochkonjunktur. Aber es ist ja nicht die Frage des das, sondern die Frage des wie. Und da gibt Felix Meyer ganz neue Antworten. Überraschende Antworten mit der Musik. Ehrliche Antworten im Text.

„Ich kann nicht anders“, sagt er und lächelt, „ich komme vom Bildermachen zum Schreiben. Und zwar aus dem Bereich der Dokumentarfotografie. Ich brauche nicht mehr Wahrheit als das Leben hergibt. Das kann schon überraschend genug sein.“

Wahrheit und Wahrhaftigkeit, darum geht es Felix Meyer. Dazu bedarf es einer klaren und gelassenen Sprache. Musikalisch und textlich. Felix Meyer stellt dabei die Frage nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest. So, wie Douglas Adams sie nicht besser hätte stellen können.

„Wenn du mit Straßenmusik, wie wir sie seit über 15 Jahren machen, zwischen Esprit und Nordsee, zwischen Montpellier, Dubrovnik und Hamburg deine Bühne ausrollst, dann pulsiert eben dieses halbe Universum und immer auch ein wenig vom ganzen Rest in all seinen Facetten und noch dazu gratis an dir vorbei“, bestätigt Felix Meyer den rauen Charme der Straße, „du siehst die erbärmliche Freakshow und das ganz große Drama. Aber auch die kleinen Freuden, Sternstunden und das leise Wirken.“

Felix Meyer bringt keine Welten zum Einsturz. Er analysiert jedoch den Alltag, den menschlichen Alltag in der bestehenden Welt. Er beschäftigt sich mit dem Normalen. „Ich habe bestimmt keine Patentlösung, aber jede Menge Fragen und Vermutungen“, gesteht er. Und er bringt es, gleich nach dem Prolog, im zweiten Stück auf den Punkt: „Die Zeiten großer Worte sind vorbei.“

Wenn Felix Meyer dies mit seinem unvergleichlichen Charme, nie belehrend oder botschaftend zu Gehör bringt, wird auch noch der Letzte angesprochen, der da durch die Fußgängerzone flaniert. Wer so präzise Leben protokolliert, ist sicherlich kein Vielschreiber.

„Musiker haben es da ein wenig leichter“, vermutet Felix Meyer, „denen rutscht schnell mal eine Melodie raus. Wenn ich mit einem Text wirklich zufrieden bin, dann sollte daraus auch ein Song werden. Es ist nicht so, dass mir die Texte einfach so aus den Gedanken fallen. Natürlich kann man darauf warten, dass ein Lied vom Himmel fällt. Ab und zu passiert auch das. Meistens muss man es sich erarbeiten. Oder erobern.“

Laut, schlurfig und rumpelig

Noch lange nicht jeder, der eine Textaussage trifft, ist in der Lage, diese auch in angemessene musikalische Gewänder zu hüllen. Ein Problem, dass sich für Felix Meyer nicht stellt. Seine Stücke sind eine Einheit aus Text und Musik. Auch hierbei wird die musikalische Wahrheit von der Straße her reflektiert. Da fahren beispielsweise ein schrammeliges Banjo und ein schwer schnaufendes Akkordeon durch das Lied. Das ist nicht schön, aber so wunderbar laut, schlurfig und rumpelig. Da ist dann eher Tom Waits der Vater des Klanggedankens. Tanzt aber langsam und verzückt ein Musette-Akkordeon durch das leise tönende Stück, weint eine Trompete, klagt ein Chor und schmachten Streicher. Sind wehmütig und traurig. Dann stellt sich Felix Meyer in die Tradition der großen französischen Chansoniers, etwa Jacques Brel. Beide Vergleiche muss er keineswegs scheuen. Es geht ihm auch musikalisch um alles. Immer. Um „Liebe, Dreck und Gewalt“, wie dann folgerichtig auch eins der Stücke heißt.

„Dabei steht das große Gefühl im Fokus, die Liebe, aber eben nicht nur“, darauf verweist Felix Meyer mit Nachdruck, „es geht um das Menschsein. In seiner Gesamtheit.“

Zunehmend tauschen Felix Meyer und seine Mitstreiter die Straße mit der Bühne. Auf diesen Brettern, die angeblich auch die Welt bedeuten steht die Truppe in rauem Zwirn oder in Nadelstreifen, jedoch weitestgehend ungebügelt, sie tragen edle Hemden, Hosenträger oder Unterhemden, auf den Köpfen schicke Hüte und Schiebermützen, aber irgendwie ein wenig abgetragen und verbeult. Da stehen Nachfahren des fahrenden Volkes, die musikalisch und textlich jedoch ganz im Hier und Jetzt verankert sind. Offensichtlich kriegt man die Band zwar von der Straße, die Straße aber nicht aus der Band. Und das ist gut so; denn der charismatische Charme, die sprudelnde Lebendigkeit, die beflügelnde Leichtigkeit und die bodenständige Ehrlichkeit bleiben sowohl auf der CD, als auch auf der Bühne in vollem Ausmaß erhalten.

Aktuelles Album: erste Liebe/letzter Tanz (105music/Sony Music)
© 01. Februar 2012  WESTZEIT ||| Text: Franz X.A. Zipperer
Februar 2012

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