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P:LOT - Von der Einfachheit der Dinge und der inneren Wahrheit

„Wir müssen nur Zuhören.“ Ein ganz einfacher Satz mit einer klaren Aussage: ´Höre auf Dich!´ Der Satz entstammt dem Titelsong des am 23.03. erscheinenden Albums „Zuhören“ des Kölner Trios P:lot (gesprochen: Pilot) und gehört zu dessen zentralen Botschaften. Die WESTZEIT wollte mehr wissen über Denkanstöße zum Leben, das „Plattenmachen“ mit und ohne Label sowie über einen ganz speziellen Auftrittsort und sprach mit Sänger, Saiten- und Tastenbearbeiter, Perkussionist und Songschreiber Alexander Freund.

In der wohnlichen Küche inmitten der Kölner Südstadt dampft der mit frischen Zutaten aufgesetzte und mit Honig angereicherte Ingwer-Zitronentee. Das mag für eine typische Rockband befremdlich klingen; aber dieses Genreattribut will sich die bereits 1997 gegründete Band, die 2002 zum Trio wuchs und mit ´Debut´ 2004 das erste Album veröffentlichte, auch gar nicht anheften lassen. Als „intensiven aber nicht schweren, alternativen, deutschen Pop-Rock für Menschen, die aus irgendeinem Grund die Lust oder das Bedürfnis haben über sich selbst nachzudenken“ beschreibt Freund das Genre und Zielpublikum der Band.

Anregungen zum Nachdenken gibt es in den elf Stücken genug. Da ist beispielsweise das besinnliche Titelstück, welches dazu ermuntert sich mehr mit der inneren Stimme und deren Wahrheit für einen selbst zu beschäftigen, sie überhaupt erst einmal wahrzunehmen, deren Botschaften zu entschlüsseln und ihr schließlich zu folgen. In unserer hektischen, globalisierten, vernetzten, reizüberfluteten Informations- und Konsumwelt, die von außen auf uns einströmt erscheint dies wichtiger denn je, damit die Seele zur Ruhe kommt.

“Was mich hier in der Gesellschaft allerdings stört ist, dass das ´Insichhineinhören´ mit einem Problem verbunden wird. Das findet nach Ansicht vieler Menschen immer noch nur dann statt, wenn ein Problem auftritt, wenn es irgendwo hakt. Für mich ist das total ungesund.”

Die Botschaften kommen aufgrund der meist konkreten Sprache mit teils feinsinnigen Formulierungen erfreulich klar zur Geltung, so dass die Interpretationsspielräume zwar begrenzt dafür aber die Stirnfalten umso kleiner und die Erkenntnisgewinne umso größer sind. Der Hörer erfährt im Verlauf des Albums jedoch nicht nur, warum es gut ist zuzuhören. Er wird auch dazu animiert, interne Verkrustungen aufzulösen, eingefahrene Wege zu verlassen, über den eigenen Schatten zu springen, sich mutig auf neue Abenteuer einzulassen und vor allem Anderen und sich selbst gegenüber liebevoll zu begegnen. Gesunder Humor, eine Portion Selbstironie und die Fähigkeit, sich und die einen umgebenden Dinge nicht immer so ernst zu nehmen sind weitere zentrale Bestandteile der Texte.

“Man sollte versuchen intensiv zu sein, ohne sich dabei zu verkrampfen. Man muss sich locker und frei machen. ´Locker machen´ heißt für mich, die Dinge zu verfolgen, aber das Scheitern oder auch den Erfolg nicht so sehr mit sich selbst zu verbinden. Es spielen im Leben viele Parameter eine Rolle. Man kann diese nicht immer komplett beeinflussen. Manchmal laufen die Dinge nicht, wie man sie haben möchte: Oft erreicht man seine Ziele nicht; manchmal begeht man Fehler. Aber das ist auch in Ordnung so. Wichtig ist es, darüber lachen zu können! Ich hatte das Glück, dass es mir in den letzten Jahren ein paar Mal gelungen ist, bei Problemen Abstand zu mir zu bekommen und das Ganze aus einer anderen Perspektive zu beobachten. Ich konnte dann aber den Kopf über mich schütteln und darüber lachen.”

Musikalisch bewegen sich die Songs zwischen Pop und Rock – mal in ordentlich verzerrten Stil, mal beschwingt tänzelnd, mal balladesk und mal fast folkloristisch anmutend mit einem Zwinkern im Auge - wie bei Stück ´Der Trick´.

“In dem Stück ist die Verbindung zum Humor am besten gelungen. Musikalisch wie textlich hat die Nummer viel für sich erfunden. Der Song vereint vier Tonarten, die ständig wechseln, und er ist schwer zu spielen, weil sich auch viele tonalische Schritte nicht logisch ergeben. Es war auch der Text mit dem größten Aufwand, weil wir uns hierfür einige neue Wortkreationen wie ´Heimwehen´, ´Lautdenken´, ´Schwarzweißen´ ausdachten. Im Stück geht es darum, die Dinge manchmal einfach so zu lassen wie sie erscheinen. Es ist typisch deutsch, immer zu versuchen, eine Absicht hinter den Dingen zu erkennen. Aber warum? Manchmal gibt es nichts zu verstehen. Es ist – einfach so wie es ist – völlig in Ordnung!”

Das Ganze wurde in den Studios von Wolfgang Stach am Kölner Maarweg sauber durch Moritz Enders (Blackmail, Donots) produziert und klingt sehr dynamisch, ausgeglichen und warm. Dass sich die Band eine aufwändigere Produktion leisten konnten, hatte im Wesentlichen mit der Entscheidung zu tun, sich wieder die Dienste eines Labels zu gönnen. Der 2008 erschienene Vorgänger ´Mein Name ist´ wurde nämlich in Alleinregie produziert, veröffentlicht und vertrieben. Damals sei es für die Band wichtig gewesen, die Prozesse einmal kennen zu lernen, um zu wissen, wer und/oder was sich dahinter verbirgt.

“Wir sind so ´Hans Dampfs in allen Gassen, wollen am liebsten immer alles selber machen und haben damals eben begonnen unser zweites Album selber zu produzieren. Es ging Schritt für Schritt, und wir haben gemerkt, wie viel wir aus eigener Kraft erreichen können. Es fühlte sich richtig an zu gucken, ´jetzt sind wir an diesem Punkt, was ist denn mit dem Nächsten?´. Wir waren vertraglich ungebunden und unabhängig – das gefiel uns gut. Allerdings ging es uns nicht um etwaige ideologische Prinzipien nicht mit einem Label zusammenzuarbeiten sondern darum, das zu tun, was wir in dem Moment für richtig hielten, ohne jemanden um Erlaubnis fragen zu müssen – und zwar bei jedem einzelnen Schritt.”

Doch diese Unabhängigkeit hatte auch ihren Preis. Die eigentlichen Arbeiten als Musiker wurden vernachlässigt, weil man sich um viele andere Dinge kümmern musste. Man tanzte gedanklich auf vielen Hochzeiten und sei überall und nirgends gewesen. Und die tieferen Einblicke in das Geschäft waren zuweilen sogar belastend. Daher entschloss sich die Band, mit dem neuen Album ihre guten Kontakte zur Musikbranche zu nutzen und unterzeichnete schließlich den Vertrag mit der Sony Columbia. Ihre künstlerische Freiheit mussten sie dafür nicht hergeben, und der finanzielle Vorschuss war natürlich sehr willkommen.

Mit dem Album sind sie auch bereits auf Tour und nehmen für so manches Konzert auch ihren eigenen Auftrittsraum mit: ein aufblasbares Iglu! Was wie eine bekloppte Idee klingt, besitzt allerdings Hand und Fuß.

“Das Iglu war ein Spiegel unserer Vorstellung, alles alleine machen zu wollen. Wir merkten damals bei den Konzerten, dass man auch dort in derselben Situation ist wie beim Album: Man muss immer jemanden um etwas bitten. Wir wollten das aber nicht mehr. Wir wollten einfach spielen, uns dabei aber nicht auf die Straße stellen, sondern den Leuten auch ein richtiges Konzert in unserer Welt bieten und sie dazu einladen. Wir brauchten also gewissermaßen einen eigenen transportablen Club – da war das Iglu die Lösung. Es sind aufblasbare Teile, aus denen man modular einen Iglu baut. Je nach Bedarf passen zwischen 50 und 180 Leute hinein. Wir haben damit bereits auf Festivals, in Hinterhöfen von Clubs, in Fußgängerzonen oder an Seen gespielt. Die Konzerte darin sind etwas Besonderes. Es ist ein sehr intimer Rahmen, etwa so als würde man die Leute in sein Wohnzimmer bitten.”

Es bleibt zu hoffen und der Band um den sympathischen Sänger Alexander Freund zu wünschen, dass sie ihren richtigen Mittelweg zwischen Unabhängigkeit und Unterstützung gefunden hat beziehungsweise finden wird, dass sich alterslose Musikfans mit Bereitschaft zur Reflexion sowohl an der Musik als auch an den Texten erfreuen werden und sowohl Iglu als auch Konzertsäle angenehm gefüllt werden, um anregende und unterhaltsame Abende in Wechselwirkung zu garantieren.

Weitere Infos:

www.pilotmusik.de

Aktuelles Album: Zuhören (Sony / Columbia) VÖ: 23.03.
Weitere Infos: www.pilotmusik.de
© 03. März 2012  WESTZEIT ||| Text: Marco Pawert
März 2012

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