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MORNING PARADE - Ohne Eile, ohne Hast

Die Band Morning Parade kommt aus dem in Essex gelegenen Harlow, eine der größten nordöstlichen Vorstädte Londons. Dort hat das Fünferpack, bestehend aus Sänger und Gitarrist Steve Sparrow, Gitarrist Chad Thomas, Bassspieler Phil Titus, Tastenmann Ben Giddings und Andy Hayes am Schlagzeug eine Reihe anderer Bands als Durchlauferhitzer benutzt. Doch als man sich dann 2007 über den kreativen Weg läuft, da spüren alle fünf den magischen Moment im ersten Augenblick der Begegnung. Den, von dem man sofort weiß, dass da etwas ganz Großes heranwachsen kann. So lässt sich die Truppe anfangs zu markigen Sprüchen hinreißen. So lassen sie beispielsweise wissen, dass sich mit ihrem Liedern Stadien und Festivalgelände besonders gut beschallen ließen. Es lebe die Arroganz!

Nur nichts überstürzen

Doch dann muss es jemanden gegeben haben, der den Mitgliedern von Morning Parade eine großes Stoppschild vor die Nase hält. Oder ist es innere Eingebung? Sie beschließen jedenfalls, dass in der Ruhe die Kraft liegt. Die nachhaltige erst recht.

„Wir waren uns einig darüber, dass es zunächst darum gehen muss, eine großartige Live-Band zu werden und so viele grandiose Stücke zu schreiben, wie es unsere Köpfe nur zulassen,“ gibt Steve Sparrow zu Protokoll, „alles andere kommt danach.“

Gesagt, getan. Also gehen die Jungs tagsüber regulären Jobs nach, Phil Titus beispielsweise als Stukkateur und Steve Sparrow ist dabei sein Hilfsarbeiter. Am Abend und in der Nacht wird der Proberaum ihr Zuhause. Recht schnell sind die ersten Stücke fertig und die schreien förmlich danach, vor Publikum präsentiert zu werden. Ein Bandname wird gesucht. Da erinnern sich Steve Sparrow und Phil Titus daran, dass sie ihre frühmorgendliche, ewige Warterei in langen Autoschlangen auf dem Weg zur Arbeit scherzhaft als „doing the morning parade“ bezeichnen. Der Vorschlag erntet keinen Widerspruch. Seitdem bevölkern sie die lokalen Bühnen unter diesem Namen. Erfolgreich. So überaus erfolgreich sogar, dass recht schnell Plattenfirmen mit Verträgen wedeln.

„Wir haben sie kalt lächelnd abblitzen lassen“, grinst Phil Titus, „wir wussten, wir waren einfach noch nicht so weit.“ Doch auch diese Zeit vergeht und im November 2010 rotiert mit ´Under The Stars´ die erste Morning Parade-Single auf den Plat-tentellern der englischen Nation.



Heißester Tipp der Stunde

Dem Quintett genügt diese eine Single, um die Medien nach Superlativen greifen zu lassen. MTV sprach vom „heißesten Tipp der Stunde“, die englische Vogue beschreibt Morning Parade als „höchst ambitioniert“. Der Star-DJ beim BBC-Jugendsender Radio One, Zane Low kann seine Ohren ebenfalls nicht verschließen und spielt das Stück rauf und runter. Es ist aber auch eine so verdammt clevere Mixtur aus extrem tanzbaren Ravehymnen-Anleihen und pulsierenden Synthesizer-Klängen der 1990er-Jahre in der Tradition von Faithless und räudigem, kraftvollen Rocktönen in der Nachfolge von Biffy Clyro. Damit aufgeladen verpassen Morning Parade ihrer Musik noch die angemessene Portion an großem Gefühl, das durch den charismatischen Frontmann Steve Sparrow und seine euphorische Stimme perfekt verkörpert wird. Es folgen die Singles ´A&E´ und ´Us And Ourselves´ sowie Einladungen ins Vorprogramm von Glasvegas, The Wombats und The Kooks. Seitdem eilen sie von Erfolg zu Erfolg, ohne auch nur irgendetwas zu überstürzen und wie so viele andere Newcomer vor ihnen in die Hype-Falle zu laufen.

„Es kommt doch lediglich darauf an, dich von frühem Erfolg nicht korrumpieren zu lassen“, gibt Steve Sparrow den jungen Lebensweisen, „wir halten nach wie vor daran fest, dass unsere erste vollständige Platte deutlich gehaltvoller sein muss, als lediglich einen Hit und viel Füllmaterial aufzuweisen.“

Das selbstbetitelte Debüt-Album überspringt die hochgelegte Latte locker. Großen Anteil daran hat sicherlich auch Jason Cox, der Produzent von Gorillaz und enger Freund von Blurs Damon Albarns. Aufgenommen wurde zudem in Damon Albarns eigenen ´13 Studios´.

„Wir waren richtig stolz dort sein zu dürfen“, sagt Steve Sparrow, „und Blur lieben alle in der Band. Mit deren Musik sind wir aufgewachen. Und mit der von The Prodigy. Beides sind nicht nur die musikalischen Lichtgestalten aus Essex, sie haben in unserem kreativen Denken tiefe Spuren hinterlassen.“

Im Studio wird ganz grundlegend gearbeitet. Stücke werden auf ihre Essenz hin freigeklopft, um sie dann neu aufzupolstern. Dies und die unglaubliche Kraft, die entsteht, wenn man sich Zeit zu lassen kann, haben den Morning Parade-Stücken ihre Reife und vor allem ihre unglaublichen melodischen Spannungsbögen verliehen. Wer sich dieser Musik entziehen kann, sollte schleunigst seinen Ohrenarzt aufsuchen.

Aktuelles Album: Morning Parade (Parlaphone / EMI)
© 01. März 2012  WESTZEIT ||| Text: Franz X.A. Zipperer ||| Foto: Colin Lane
März 2012

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