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ENNO BUNGER - Vollversammlung der Moll-Tonarten

Das Ende einer langjährigen Beziehung hat Enno Bunger in ein Loch fallen lassen. Einsam und allein. „Weil ich autobiografisch schreibe, konnte es nicht ausbleiben, dass aus diesem Trennungsloch heraus reflektiert wurde und so erste Stücke entstanden“, erklärt Enno Bunger die Zwangläufigkeit des Themas, „erst beim konkreten Schreiben habe ich gemerkt, dass eine Trennung unglaublich viel Stoff hergibt. Stoff, den ich einfach verarbeiten musste.“

Scheitern und Zuversicht

Die Moll-Tonarten haben es Enno Bunger schon immer angetan.

„Die Liebe zu Moll, habe ich schon als Kind entdeckt“, verdeutlicht er. „In Moll gehaltene Ansichten, ganz egal in welcher Kunstform, sind für mich oftmals glaubwürdiger, als die der ganzen Fröhlichreiter .“

Enno Bunger und seine Mitmusiker haben auf ´Wir sind vorbei´ die ganze Tragik, Dramatik und Ausweglosigkeit des Trennungsschmerzes festgehalten. Und mit ihren musikalischen Mitteln das dazugehörige Gefühl der ganz großen Leere eingefangen. Am Ende des Weges addieren sich zahlreiche Momentaufnahmen zu einem Soundtrack für das Scheitern. Entstanden ist die CD aus der Rückschau. ´Regen´ ist so ein besonderes Stück: Das Lied setzt sich damit auseinander, wie es ist, wenn man merkt, dass in der Beziehung zueinander etwas nicht mehr stimmt. Wenn man erste Risse spürt. ´Regen´ beschreibt dieses Nichtfassenkönnen dessen, was da geschieht. Das musikalische Nachdenken darüber ist notwendigerweise sehr privat. Sehr intim.

„Unbedingt. Aber es ist auch etwas, das nicht nur raus wollte, sondern auch etwas, dass ich musikalisch verarbeiten musste“, stellt Enno Bunger eindeutig klar, „ob das jemandem Fremdes zu intim ist, ist eine andere Frage, aber keine, die ich mir gestellt habe.“

Diesem Nichtstellen ist es zu verdanken, dass Enno Bungers liedhafte Beschreibung bedeutender Momente des Lebens, auch die einer Trennung etwas sehr Schönes und auch Vollkommenes haben. Es geht um nicht weniger, als um Leben. Pures Leben. Das wissen auch Enno Bunger und seine Mitstreiter. Und wer die Zuversicht, die das erste Album ausstrahlt, teilt, der tut dies auch mit den Augenblicken der Trauer.



Wunderbar atmosphärischen Klangbilder

Wer von Vollkommenheit redet, denkt an große Bilder. An opulente Bilder. Da geht es Enno Bunger und seiner kleinen aber schlagkräftigen Band nicht anders. Folgerichtig schaffen sie diese wunderbar atmosphärischen Klangbilder. Hinreißend und ergreifend interpretierten sie diese melancholische Stimmung und füllen damit die Lieder randvoll.

„Instrumentale Üppigkeit ist uns inneres Bedürfnis, etwa massive Chöre oder großgezogene Bläser“, sagt Enno Bunger, während ein Lächeln der Freude seine Lippen umspielt, „groß zu arrangieren und dem kleinen Moment die große Emotion schenken, das ist neben großer Lust auch eine echte Aufgabe.“

Aber ohne treibende und schnelle Lieder kommt Enno Bunger auch auf „Wir sind vorbei“ nicht aus. Und das hat einen recht einfachen Grund.

„Nicht jeder Schmerzstich führt zur Melancholie“, weiß er, „mancher auch zu Wut. Und die erhöht eben die Taktfrequenz.“

´Wir sind vorbei´ könnte 2012 der Satz sein, mit dem eine ganze Generation per SMS über das Handy Schluss macht. So haben Enno Bungers Lieder die Chance gleichzeitig zum meist gespielten Soundtrack des Scheiterns zu werden. Dass im Traurigen auch immer Schönheit steckt und die Zeit immer gegen die Trauer arbeitet, dass ist auch für Enno Bunger und seine Band keine unbekannte Größe. Da Enno Bunger während des Kompositionsprozesses den positiven Metaphern nicht entkommen kann, verbirgt sich hinter manchem Notenhals der Musik Hermann Hesses Botschaft: „Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne.“ Dafür steht auch in besonderem Maße das Stück ´Euphorie´, welches übrigens als letztes entstanden ist. Darin geht es bereits wieder um Flausen der Zukunft, die Enno Bungers Kopf durchwehen. Da fordert die Trauer den Schmerz auf ein letztes Wort und beide schmettern sich ´Wir sind vorbei´ entgegen.

Aktuelles Album: Wir sind vorbei (PIAS / Rough Trade)
© 01. März 2012  WESTZEIT ||| Text: Franz X.A. Zipperer
März 2012

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