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CHIDDY BANG - Umwerfendes Soundmosaik

Als Viererpack gestartet wird aus Chiddy Bang schnell ein Duo. Die verschlankte Band besteht nun aus Chidera ´Chiddy´ Anamege und Xaphoon ´Noah Beresin´ Jones. Die Schrumpfkur hat ihnen gut getan; denn schnell ergattern sie den begehrten Plattenvertrag. Doch auch der fällt natürlich nicht vom Himmel. Aber die beachtlichen Reaktionen der Netzgemeinde auf erste Mixtapes, können die Talentscouts einer Plattenfirma einfach nicht kalt lassen. Rap-Mixtapes haben sie mit Laptop und Mikrofon bewaffnet jeweils einzeln schon aufgenommen, als sie noch Jungspunde waren. Für beide ist das schon gefühlte Ewigkeiten her. Als sie sich dann im Herbst 2008 an der Drexel-Universität in Philadelphia über den Weg laufen, ist schnell klar, dass ihre zukünftigen Gesprächsthemen sich nicht um wissenschaftliche Problemstellungen drehen werden. Musik ist ab diesem Zeitpunkt Trumpf. Und die Bühne wird gegen den Hörsaal getauscht.

Frischzellenkur

„Kaum hatten wir zwei Stücke zusammen gemacht, war klar, wie die Arbeitsteilung bei Chiddy Bnag zukünftig aussehen wird“, erklärt Xaphoon ´Noah Beresin´ Jones, „Chiddy ist für die Reime zuständig und ich für den Rhythmus und die Produktion.“

Schnell liegt ein erstes Mixtape auf dem Tisch. Es trägt den Titel ´The Swelly Express´ und ist für die Internetgemeinde, die stets auf der Suche nach dem neuen, dem großes Ding ist, ein gefundenes Fressen.

„Wir sind allerdings auch anders, als andere Rapper“, zeigt Jones die Unterschiede auf, „wir kommen vom College und nicht aus dem Ghetto, wir kommen aus Philadelphia und nicht aus New York. Und wir beglücken Hip Hop mit massenweise Pop.“

Da das Mixtape frei im Netz zu haben ist, wird es aus dem Stand mehr als 100.000-mal runtergeladen. Den musikalischen Bloggern hat es genau so gefallen, wie den Mundpropagandeuren, die zu Tausenden von den unzähligen College-Auftritten von Chiddy Bang zurück an ihre Rechner strömen. Die Infektion mit Pop-Samples macht es, dass dem Duo mit herkömmlichen Hip Hop-Maßstäben nicht beizukommen ist. Jones zeigt dabei sein musikalisches Universalgenie. Er macht auch vor Independentklängen nicht halt. Und eben an dem Punkt geht er weiter, als viele, welche die bisherigen Grenzen des Hip Hop gedehnt haben.

„Musik hat doch ein Eigenleben und entwickelt sich immer weiter, warum sollte das bei Hip Hop anders sein?“, fragt Jones, „wir stehen durchaus in der Tradition der altbekannten Hip Hop Duos, bestehend aus einem Rapper und einem DJ. Damit sind wir schließlich aufgewachsen. Aber eben nicht nur. So finden auch Elektronikschnipsel von Radiohead oder popaffines und alternatives Zeug von Sufjan Stevens, Passion Pit, MGMT oder Yelle Eingang in unsere Musik. Eine kleine Frischzellenkur, die schadet auch Hip Hop nicht.“

Die begonnene Liste kann noch ergänzt werden. Und zwar ewig lang. Vor allem durch weitere englische Pop-Künstler, wie etwa Ellie Goulding, Kate Nash, La Roux, Gorillaz oder Hot Chip. Das erklärt derzeit noch, warum Chiddy Bang ausgerechnet in Großbritannien ihre größten Erfolge feiern und sie in Deutschland über den Status als Geheimtipp nicht hinaus gekommen sind.



Rekordverdächtig

Das Projekt Deutschland steht allein schon deshalb unter einem guten Stern, weil Chiddy Bang wohl zu den härtesten Arbeitern in der Szene gehören. Nicht nur, dass sie bereits zu Collegezeiten ihre Reime und Rhythmen an jedem Fuchsloch zu Gehör brachten, auch was Durchhaltevermögen anbetrifft, da ist das Duo weit, weit vorn; denn sie brachen gleich zwei Rekorde aus dem Guinness Book of World Records. Im Frühling letzten Jahres, während des Live-Streams bei MTVs ersten Online Music Awards, holten sich Chiddy Bang den Titel für den längsten Freestyle-Rap und brachen gleichzeitig den bis dato bestehenden längsten Marathon-Rap-Rekord. Dabei rappten sie neun Stunden, 18 Minuten und 22 Sekunden ununterbrochen, keine Pause dauerte länger als drei Sekunden. Hut ab! Jetzt aber wird Deutschland erstmal ein ordentliches Frühstück serviert. ´Breakfast´, so der Titel des Albums. Als Anamege diese Titelwahl erläutert, nimmt er den Mund ein wenig voll. Zumindest dieses eine Mal im Gespräch erfüllt er da Klischee des großmäuligen Rappers.

„Das Frühstück ist die wichtigste Mahlzeit des Tages. Unser Frühstück ist das Frühstück der Champions. Wer möchte das nicht haben wollen?“

An einem Punkt hat er allerdings Recht, die einzelnen Lieder sind wahres Kraftfutter für die Ohren. Da treibt der ausgefuchste Rhythmus die Melodien nur so vor sich her und die Texte lernen tanzen. Dabei erweist sich Anamege als Chronist, der seine Umgebung sehr fein zu beobachten weiß und dem bei der Wiedergabe dessen, was ihm seine Umwelt aufdrängt, der Schalk auch noch im Nacken sitzt. Alles zusammengenommen sind dies Voraussetzungen, die Chiddy Bang auch in deutschen Landen den Weg in den Olymp der Hitparaden ebnen müssten.



John Coltranes Geist

Dass das klangliche Spektrum von Chiddy Bang auch noch lange nicht ausgereizt ist, beweist nicht zuletzt die aktuelle Single ´Ray Charles´. Da perlen Pianoläufe, die der Ray Charles’ Musik’ entlehnt ist, ein dreiköpfiger Mädchenchor hat seinen gospeligen Gesangsstil und die Kleidung der Rhythm & Blues- und Soul-Ära abgeguckt. In diese Klangtapete haben Anamege und Jones ihre fetten Hip Hop-Rhythmen auf eine Art und Weise integriert, dass lebensfreudiges Partygefühl aufkommt und sich der Ohrwurmcharakter des Stückes sicherlich Hörerschichten erschließen wird, die Hip Hop-Platten bisher nicht in ihrem Plattenschränken stehen hatten.

„Es gibt keine musikalischen Grenzen für ein Genre, wenn du mit offenen Ohren durch die Welt läufst. Es muss passen und die eigene Musik weiter bringen“, lässt Jones lässig verlauten, „das kann sogar Jazz sein. Ich bin sogar schon häufiger an dem Haus vorbeigelaufen, in dem der Saxofonist und Jazzpionier John Coltrane in den Jahren 1952 bis 1958 lebte. Ich wollte mich einfach durch seinen Klanggeist inspirieren lassen.“

Da ist also noch einiges zu erwarten.

Aktuelles Album: Breakfast (Regal / EMI)
© 02. März 2012  WESTZEIT ||| Text: Franz X.A. Zipperer ||| Foto: Mike Piscitelli
März 2012

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