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THE JEZABELS - Weinen, lachen, tanzen

Wer in das Album ´Prisoner´ der australischen Band The Jezabels hineinhört, wird von der Stilvielfalt, die sich dort versammelt geradezu überflutet. Zwei Mädels - Sängerin Hayley Mary und Pianistin Heather Shannon- und zwei Jungs - Schlagzeuger Nik Kaloper und Gitarrist Sam Lockwood kennen sich vom Studium in Sydney. Schon zu High-Schoolzeiten haben die beiden weiblichen Mitglieder von The Jezabels gemeinsam folkig angehauchte Musik gemacht. An der Universität machen sie nun gemeinsame Sache mit ihren männlichen Gegenstücken. Haben sich beim Bandwettbewerb der Hochschule 2007 ohne langes Üben frech auf den zweiten Platz gesetzt. Der Grundstein ist gelegt. Doch nur, um die Musik aus dieser Zeit weiterzuentwickeln und fast komplett zu verändern.

Tiefer emotionaler Unterton

„Der gemeinsame Wunsch war, unserer Popmusik einen tiefen persönlichen emotionalen Unterton zu verleihen, ohne jedoch dem Zuhörer das Gefühl zu vermitteln, dass wir unsere Persönlichkeiten zu wichtig nehmen“, erklärt Heather Shannon. Beim Texten löst sie dieses Problem, in dem sie sich als Persönlichkeit nicht zu tief in die Geschichte hineinziehen lässt. „Damit ich überhaupt zu schreiben anfange, brauche ich zwar eine Art persönlicher Betroffenheit“, fährt sie fort, „von der distanziere mich anschließend ganz bewusst und verleihe dem Erzählten so einen fiktiven Charakter. So wird es deutlich einfacher, solche Ereignisse zu Ende zu erzählen.“

Wie wird die große Emotion denn nun mit Musik umhüllt? Das scheint gar nicht so einfach so sein, wenn vier kreative Köpfe diese zusammenstecken und feststellen müssen, dass es vier komplett unterschiedliche musikalische Hintergründe gibt.

„Und doch wollten wir nicht von dem gefassten Plan abweichen, dass alle Bandmitglieder gleich viel in ein Lied einbringen können“, zeigt Hayley Mary auf, „so entstand unser Gesamtklang als Mischung aus Genres. Aus alternativen und Independent- Rockschnipseln und Disco Pop.“

Ihren Stil zu bezeichnen ist The Jezabels nie wirklich gelungen. Ihre Lieder auf der CD ´Prisoner´ ein überaus liebevoll arrangierte und fesselnde musikalische Meisterwerke, die gleichzeitig zum Weinen, Lachen und Tanzen animieren.



Melodramatischen Klanggebäude

Doch die Platte ´Prisoner´ ist der vorläufige Schlusspunkt einer kreativen Entwicklung, an deren Anfang eine EP ohne weiteren Plan stand: ´This Man Is Dead.´

„Wir wussten zu dem Zeitpunkt sehr genau, dass unsere Stücke noch nicht die kreative Reife hatten, um den Spannungsbogen zu erzeugen, denn ein Album braucht“, weiß Heather Shannon, „aber einige tolle Stücke hatten, also gab es nur den Weg der EP.“

Diese kleine Lied-Sammlung hatte nicht nur einen unbekümmerten und naiven Charme, sondern war auch erfolgreich. Also beginnen ´The Jezabels´ konzeptionell zu denken und veröffentlichen mit ´She’s So Hard´ und ´Dark Storm´ zwei weitere EPs.

„Bei dieser Ausrichtung gefiel uns der Gedanke, etwas großes Dreiteiliges zu machen, wie die Star Wars-Trilogie.“

Schließlich ist die Zeit gekommen, dass die Meister der kleinen Form den großen konzeptionellen Wurf wagen. Der Produzent Lachlan Mitchell ist bekannt für seine gegensätzlichen Vorlieben. Tagsüber schwärmt er für glitzernden Pop-Diven. Des nächtens greift er selbst zum Instrument und zwar bei den blutrünstige Black Metal-Freaks Nazxul. War er bereits bei den EP-Produktionen mit dabei, gelingt es Lachlan Mitchell während der Arbeit am Album eine weitere Seite der bereits vielseitigen Band herauszukitzeln, die dunkle. So gerät ´Prisoner´, das jegliche Art von Gefangenschaft thematisiert zu einem dramatisch, dunklen Epos.

„Gar keine Frage, ‚Prisoner’ hat eine rätselhafte und geheimnisvolle Tönung“, bestätigt Hayley Mary, „das lösen diese breitwändig klingenden, melodramatischen Klanggebäude aus, die sich über dem kraftvollen Rhythmus auftürmen.“

Die knallenden und doch differenziert klingenden Trommeln des Schlagzeugs paaren sich mit schneidenden Gitarren und wissen jedoch immer ganz genau, wann sie Platz schaffen müssen für die intimen Momente des Gesangs von Hayley Mary. ´Prisoner´ ist zweifellos eine Platte, die geradezu danach schreit laut gehört zu werden. Erst dann entwickelt sich ihre ganze Durchschlagskraft und offenbart dem Hörer ihre vielfältigen oft verborgenen musikalischen Identitäten. Langeweile kommt da selbst beim tausendsten Hören nicht auf.

Aktuelles Album: Prisoner (PIAS / Rough Trade)
© 01. März 2012  WESTZEIT ||| Text: Franz X.A. Zipperer
März 2012

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