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YOU ME AT SIX - "Die Band trieb uns zum Äußersten"

Harte Zeiten liegen hinter You Me At Six. Der frühe Erfolg kostete den Mitgliedern der Band fast den letzten Nerv – doch nun soll das tiefe Tal endgültig durchschritten werden und die Querelen vergeben und vergessen. „Wir wissen um unsere Stärken und Schwächen, haben gelernt, diese zu kanalisieren und damit umzugehen“, versichert Gitarrist und Hauptsongschreiber Max Helyer und freut sich, dass „Sinners Never Sleep“ trotz diverser Unkenrufe unbeschadet das Licht der Welt erblickt.

Die Stimmung ist ausgelassen: Während vor dem Berliner Magnet-Club bereits Stunden vor dem You Me At Six-Gig die Fans Schlange stehen, feixt die Band im Backstage-Bereich des Ladens unverblümt herum. Ein schöner Anblick, denn er gibt Entwarnung, weil hier nichts an die Irrungen und Wirrungen der letzten Jahre erinnert.

Doch der Reihe nach: 2010 scheint die Welt des Fünfergespanns nach außen hin in Ordnung. Das eben veröffentlichte zweite Album „Hold Me Down“ knackt die britischen Top 5 der Charts und katapultiert die blutjungen Macher in Windeseile ins breite Licht der Öffentlichkeit.

Wer diese Jungs sind, was sich hinter ihrem Erfolg verbirgt und wohin die Reise gehen soll?, folgen die Fragen der Presse und liefern unfreiwillig die Vorlage für allerhand Stress im Hause von You Me At Six – wie Drummer Dan Flint erklärt: „Antworten darauf suchten wir selbst und niemand von uns schien in der Lage sie zu finden.“

Soll heißen, die einzelnen Egos der Mitglieder nahmen Überhand: Sänger Josh Franceschi wurde vorgeworfen, sich unverschämter Weise den Großteil der Kohle in die eigene Tasche zu stecken und sich am Erfolg bereichern zu wollen – dieser konterte die Vorwürfe postwendend und äußerte zu allem Überfluss öffentlich seinen Unmut – das Chaos schien perfekt.

„Als 2008 unser Debüt ‚Take Off Your Colours‘ erschien, waren wir noch Teenager und wussten überhaupt nicht, was auf uns zukommt. Spielten das Spiel einfach mit und vergaßen komplett, wer wir sind und warum wir eigentlich zusammen mit der Musik angefangen haben.“

Berichtet Bassist Matt Barnes ein wenig geknickt und ärgert sich heute noch über falsche Schachzüge – die Lösung für die Querelen dieser Zeit war demgegenüber ein durch und durch ernstes Ereignis, denn der überraschende Tod von Flints Vater schweißte die Band notgedrungen zusammen.

„Jeder fragte sich, warum wir uns eigentlich in den Haaren haben – die Antwort darauf gab es nicht, weil es Kindereien waren. Punkt aus“, versichert ein inzwischen gut gelaunter Max Helyer und betont, dass sie sich den Frust mit dem neuen, dritten Album „Sinners Never Sleep“ endgültig von der Seele gelärmt haben.

Im Katalog der Band das wohl erwachsenste Werk, zeigt es doch deutlich, dass ihnen ihre Screamo-Wurzeln nicht um jeden Preis heilig sind und neue Wege zu beschreiten, die definitiv bessere Lösung, als einzig und allein den ausgetrampelten Pfad von einst zu verfolgen. Mehr Rockelemente sind zu vernehmen, reifere Texte und weniger Stakkato-Riffs sowieso.

Es handle sich um ein Abbild des zurückliegenden Ärgers, fügt Matt Barnes hinzu und holt sich ein zustimmendes Nicken seiner Kollegen. „Wir gingen nach Los Angeles um dort abseits der englischen Presse ‚Sinners Never Sleep‘ einzuspielen und obwohl wir noch nie unsere Heimat für Albumaufnahmen verlassen haben, wirkte sich diese Reise positiv auf die Band aus.“

Anders ausgedrückt: You Me At Six haben eingesehen, dass all der Verdruss nichts bringt und es die Musik allein ist, wegen denen sich die Jungs einst zusammen fanden und mit den ersten Proben begannen. „Sinners Never Sleep“ soll ihr wuchtiger Mittelfinger ins Gesicht derer sein, die bereits über das jähe Ende der ehemaligen Senkrechtstarter schwadroniert haben.

„Wir trieben uns gegenseitig zum Äußersten und haben aus den Erfahrungen gelernt. Punkt eins: Nie wieder öffentlich über Interna sprechen; Punkt zwei: Keine Diskussionen wegen Geld oder anderem Blödsinn. Wir sind wegen der Musik hier und die Leute da draußen auch.“

Zumindest haben ihre Anhänger kein Problem damit, an diesem kalten Dezembertag lange anzustehen – tun dies sogar gern, weil You Me At Six kaum älter als sie sind und „Sinners Never Sleep“ ein Lebensgefühl transportiert, welches Menschen nicht mehr haben, werden sie erst mal „erwachsen“.

Aktuelles Album: Sinners Never Sleep (Virgin / EMI)
© 01. Februar 2012  WESTZEIT ||| Text: Marcus Willfroth
Februar 2012

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