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YOU ME AT SIX - So wie einst Real Madrid

Weiter, immer weiter. Schrie Bayern Münchens Torwartlegende Oliver Kahn einst seinen Vordermänner zu und Josh Franceschi verfiel jüngst in ähnliche Motivationsreden. Als bekennender Arsenal London Fan und hauptberuflicher Frontmann der Alternative Band You Me At Six kennt er mit dem neuen Album ´Night People´ nur ein Ziel: ganz nach oben. Was kein Selbstläufer werden dürfte und so steht er mit seiner Combo vor der Herausforderung die zuletzt zählbaren Erfolge zu bestätigen und trotzdem keiner Wiederholung anheim zu fallen. Einen Weg aus diesem Dilemma bietet ausgerechnet die alte Fußballfloskel von der Wahrheit, die bekanntlich auf dem Platz liegt – und nicht im Leben daneben.

Gerade hatte er es sich gemütlich gemacht, da kommt schon der nächste Re-dakteur in den Raum und will wissen, wie das für seine Band so sei – dem zuletzt veröffentlichten No.1 Album dieser Tage einen Nachfolger hinten anzustellen, der ähnlich durchstartet und neue wie alte Fans zufrieden stellt?

Josh Franceschi lacht, nippt am stillen Wasser und lässt keine Zweifel offen.

„Diese Frage stellt aktuell jeder! Was okay ist, denn schlimmer wäre es, wenn die Leute sich nicht mehr für uns interessieren würden und man als Band niemanden erreicht. Erst dann fangen die Probleme an.“

Eine Gelassenheit, die ähnlich wie der Grund dafür überrascht: „Als mein Dad mich das erste Mal zu einem Spiel von Arsenal London mitnahm, wusste ich sofort, dass bleibt mein Verein. Egal was kommt, die Höhen und Tiefen werden gemeinsam durchlebt – so gehört sich das für einen Fan.“

Besonders viele davon konnten You Me At Six mit ihrem letzten, 2014 veröffentlichten Studiowerk ´Cavalier Youth´ gewinnen und holten prompt die No.1 der UK-Charts. Die Messlatte für das neue, fünfte Album ´Night People´ liegt daher ziemlich hoch und birgt Chancen wie Risiken in sich:

„Klar eröffnen dir Erfolge immer Möglichkeiten, von denen du vorher nur zu träumen wagtest. Man kennt aber die Fehlversuche von Musikern, die plötzlich zu großspurig wurden und tausend neue Dinge ausprobierten – den eigentlichen Kern aber nicht mitdachten: Nämlich, welcher Sound sie einst berühmt machte.“

Ein rationales Statement, das zugleich deutlich zeigt, warum ´Night People´ klingt wie es klingt: You Me At Six verstehen es im Gegensatz zu einigen Kollegen die innere Leidenschaft mit der Erwartungshaltung von außen zu verknüpfen. Nicht blindlings Songs zu überfrachten, weil es finanziell möglich ist.

So führt das Album durch rauen Emocore, derbe Gitarrenriffs und massenhaft Singalongs. Vieles was Fans wie Kritiker erwarten durften und sich trotzdem die Frage stellen sollten, was schlimm daran ist, wenn eine Band ihr Publikum mit etwas Vertrautem aus dem Alltag herausholen möchte?

Natürlich nichts, antworten You Me At Six darauf und versuchten den Vorwürfen der Wiederholung gleich im Studio entgegenzuwirken. Mit Akzenten, die durchaus eine Weiterentwicklung im Sound bedeuten:

Vielschichtige Flächen, hallende Räume und elektronisch anmutende Samples prägen das Bild von ´Night People´ gleichermaßen wie bekanntes.

Was Franceschi freut: “Steht im Fußball eine Mannschaft auf dem ersten Platz, wechselt der Trainer kaum alle Spieler oder ändert die komplette Aufstellung. Trotzdem wird das System ohne Veränderungen dauerhaft scheitern. Das ist als Band nichts anderes.“

Unverändert bliebe nämlich die gemeinsame Motivation, mit jedem Album zu zeigen, wo man einst herkam und den Sound so weiterzuentwickeln, dass damit alte wie neue Fans erreicht werden.

Kein leichtes Unterfangen, doch Arsenal London dient als bestes Beispiel: Eigentlich immer oben dabei, manchmal Meister, manchmal nicht und doch eine ganz andere Mannschaft als die, die Fanceschi einst von einem Vater vorgestellt bekam.

Es gilt für You Me At Six: Never change a winning team.

Aktuelles Album: Night People (Infectious / PIAS / Cooperative)
© 01. Dezember 2016  WESTZEIT ||| Text: Marcus Willfroth
Dezember 2016

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