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AGNES OBEL - Ziemlich durchsichtig

Niemand könnte Agnes Obel vorwerfen, keine Ambitionen zu haben. Auf ihrem dritten Album entwickelte die in Berlin lebende und arbeitende Dänin ein beeindruckendes musikalisches und philosophisches Konzept. So besorgte sie sich eine ganze Reihe ungewöhnlicher, antiker Instrumente aus einem Musik-Museum - unter anderem den Ur-Synthesizer Trautonium - und implementierte inhaltlich das Prinzip des ´Citizen of Glass´ (also des gläsernen Bürgers), das sie unserem aktuellen politischen Sprachgebrauch entnahm, in ihrem Sinne.

So wurde aus dem neuen Album deutlich mehr als einfach nur eine bloße, neue Songsammlung.

„Danke, dass Du das sagst“, meint Agnes und erklärt im folgenden ihr Konzept. „Schon bevor ich mit der Arbeit an meinem neuem Material begann, hatte ich mir vorgenommen, auszuloten, wie ich mein Songwriting, meine Arrangements und meine Produktionstechnik weiterentwickeln könnte. Ich suchte nach einem Thema und nach der Möglichkeit, mit Raum und Zeit zu arbeiten. In der klassischen, der zeitgenössischen und auch der Filmmusik arbeitet man schließlich öfter mit Themen – oft den emotionalen Kern des Materials und sogar den Sound betreffend. Ich wollte also sehen, ob ich das auch mit meinen Songs machen könnte. Dabei stieß ich dann auf dieses Bild vom gläsernen Menschen und dem gläsernen Bürger. Ich fand das eigentlich sehr schön. Ich stellte mir dann vor, wie das wäre, wenn wir alle aus Glas gemacht wären.“

Das heißt also, dass es gar nicht um den politischen gläsernen Bürger geht?

„Nein – ich fand das Konzept aber in einem künstlerischen Sinne sehr interessant“, erläutert Agnes, „allerdings auf einer anderen Ebene. Ich sehe in der Idee der Transparenz ein Ideal für die Kultur. Unsere Medien verändern unsere Kunst, unsere Kultur und die Art, in der wir denken. Unsere Medien helfen uns sozusagen, uns selbst zu entblößen. Es gibt heute keinerlei Filter mehr und wir alle haben ein Publikum. Wir machen uns auf diese Weise selbst zu Objekten. Das ist ein interessantes Merkmal unserer Zeiten – denn früher waren es ja nur Künstler, die sich selbst zu Objekten machten. Heute tut das jeder – und das hat einen großen Einfluss auf unsere Wahrnehmung.“

So interessant dieses Konstrukt auch sein mag: Was hat das denn mit deiner Musik zu tun?

„Nun, was ist transparenter als Glas?“, meint Agnes, „Glas hat ja besondere Qualitäten: es ist durchsichtig, es ist zerbrechlich aber auch stabil, es bricht das Licht. Tatsächlich sehe ich Glas auch als Prisma, in dem sich die Vergangenheit spiegelt. Ich konnte mir dann auch gut vorstellen, wie das wäre, selbst aus Glas zu bestehen und mich damit identifizieren.“

Also ein wörtlicher gläserner Bürger?

„Ja“, bestätigt Agnes, „ich spielte mit dieser Idee herum und versuchte dann, Klänge zu finden, die wie Glas klängen – nach der Offenheit, der Kälte und der Klarheit von Glas. Das war eine sehr interessante Phase, in der ich eine Menge neuer Instrumente besorgte oder auslieh auf denen ich dann – anders als bisher – auch die meisten der Songs schrieb.“

Dabei blieb es aber nicht: Agnes kombinierte die verschiedenen Instrumente, um am Ende den gewünschten Effekt auch der musikalischen Transparenz zu erzielen.

„Die hohen Töne auf dem Album stammen hauptsächlich von dem Trautonium, das ich mit Streichern kombinierte“, verrät Agnes, „mir ist nämlich aufgefallen, dass eine Geige und ein Trautonium beides Instrumente mit Saiten sind. In Kombination erreichte ich so genau diesen Klang, den ich mir vorstellte – nämlich die Kälte, die Spannung und die Klarheit des Glases.“

Kurzum: Es dürfte in der jüngeren Geschichte kaum ein anderes Album geben, auf dem das inhaltliche und musikalische Konzept gelungener miteinander verquickt wurden, als ´Citizen Of Glass´ von Agnes Obel.

Aktuelles Album: Citizen Of Glass (Play It Again Sam / pias)
© 01. Dezember 2016  WESTZEIT ||| Text: Ullrich Maurer
Dezember 2016

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