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PHILIPP POISEL

Die Wichtigkeit des Moments

PHILIPP POISEL

In der Vergangenheit besang Philipp Poisel die Winterromantik am Seerosenteich der Wilhelma in seiner Heimatstadt Stuttgart oder machte sich wie ein moderner Troubadour und Abenteurer auf die Reise bis nach Toulouse. Fast sieben Jahre nach seinem letzten Studioalbum rückt er nun auf seiner neuen Platte ´Mein Amerika´ in den Mittelpunkt – und macht sich damit nicht nur geografisch auf zu neuen Ufern.

Zwei Platten – mehr hat Philipp Poisel nicht gebraucht für seinen Siegeszug vom viel beachteten Nischen-Singer/Songwriter zum Massenphänomen mit Platin-Auszeichnungen, Charttoppern und Konzerten mit fünfstelligen Zuschauerzahlen. Eigentlich hätten die Gesetze des Marktes verlangt, dass er kurze Zeit später die mit ´Wo fängt dein Himmel an´(2008) und ´Bis nach Toulouse´(2010) begonnene Erfolgsgeschichte auf dem vorgezeichneten Weg fortsetzt, aber Poisel hatte andere Ideen. Erst setzte er 2012 mit seinem ´Projekt Seerosenteich´ einen Kontrapunkt, indem er seine Lieder sanft und leise für kleine Konzertsäle neu arrangierte, dann verschwand er längere Zeit ganz aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit, um anderen Interessen in seinem Leben Priorität zu geben und sich in aller Ruhe an eine weitere Platte heranzuarbeiten. Jetzt sind zwölf neue in Ruhe gereifte Momentaufnahmen fertig, Polaroids aus Poisels Leben, die dennoch nicht unbedingt autobiografisch sind.

Die Inspiration für die neuen Lieder fand Poisel in Amerika. Einerseits im Amerika seiner Kindheit und Jugend, als ihn der Gameboy zu Micky Maus und in die Rocky Mountains brachte oder er von romantischen ´San Francisco Nights´ träumte, andererseits aber auch im existierenden Amerika der Gegenwart. Für die Aufnahmen zu ´Mein Amerika´ reiste er erstmals überhaupt in die USA und fand dort nach all den Jahren das, wonach er gesucht hatte.

„Natürlich hat sich das Rad der Zeit weitergedreht, aber der Spirit und die Kraft, die ich mir auf einer abstrakten Ebene von der Reise versprochen habe, sind immer noch da“, verrät der inzwischen 33-jährige Schwabe, als er uns in Hamburg beim Westzeit-Interview gegenübersitzt. Denn auch wenn die Songs bereits vor der USA-Reise geschrieben wurden: Vor Ort in Nashville konnte Poisel richtig in die Welt von Country und Blues eintauchen, mit der er sich zuvor nie richtig identifiziert hatte. Die berühmten Läden, die alten Gitarren, die Mädchen in Cowboystiefeln und die Pick-up-Trucks mit eigenen Augen zu sehen, half ihm, ein Gespür für die Herkunft der Musik und den Lebensstil zu entwickeln.

„Früher war es nur ein Nachmachen, jetzt aber waren wir da, und ein kleiner Teil davon schafft es dann auch zurück in den Proberaum“, ist er überzeugt. „Wenn wir nun eine Lap-Steel auspacken, haben wir das Gefühl, dass das zu uns ein wenig mehr dazugehört.“

Doch das war nicht die einzige Veränderung. Bei den Aufnahmen in Nashville bemühten Poisel und die Seinen nicht wie sonst üblich den Computer, sondern die gute alte Bandmaschine – mit all den Limitierungen, die die traditionelle Technik mit sich bringt.

„Das war für mich eine neue Erfahrung, dass man um den Take bangen muss, weil man ihn ja löschen muss, wenn man ihn neu macht“, verrät Poisel. „Man muss sich überlegen: War der jetzt gut genug oder kriege ich das noch mal besser hin? Dadurch rückt das handwerkliche Können viel stärker in den Vordergrund, und das war eine tolle Erfahrung.“

Dabei ist Poisel ja eigentlich an der Schwelle zum digitalen Zeitalter aufgewachsen. Sein Faible für alles Analoge stammt aus seiner frühen Jugend, als er mit seinem Kassettenrekorder am Radio saß und bei SDR3, dem früheren Pop- und Jugendsender für den „wilden Süden“, die Wunschsendung ´Plattenpost´ verfolgte.

„Ich habe um 17.15 Uhr das Radio angemacht, um bei den Liedern, die sich jemand gewünscht hat, auf Aufnahme zu drücken. Das war dann ein Schatz in dem Moment, ein richtiges Juwel“, erinnert er sich. „Diese Wichtigkeit des Moments, die versuche ich auch heute noch in den unbegrenzten digitalen Möglichkeiten zu finden.“

Doch nicht nur dort. Fündig wurde Poisel auch bei der Musik der 70er-Jahre, mit der er sich zuvor nie ernsthaft auseinandergesetzt hatte. Er legte sich einen Plattenspieler zu und ging in den einschlägigen Läden auf klangliche Forschungsreise.

„Das war wie eine neue Welt für mich – und brandaktuell, weil es bis dahin in meinem Universum nicht stattgefunden hatte“, erklärt er und ist immer noch sichtlich begeistert von der Qualität, der Magie und der Nachhaltigkeit der alten Platten von Bands wie Fleetwood Mac, deren Ästhetik und Klarheit er für seine eigene Musik nutzbar machen wollte.

Folglich ist das neue Album weniger eine direkte Fortsetzung der vorangegangenen Werke, sondern durchaus eine Art von Neuanfang. Denn während zuvor in alter Liedermachertradition Stimme und Akustikgitarre das Hauptaugenmerk galt, regiert auf ´Mein Amerika´ nun ein voluminöser, bisweilen elektronisch umwehter Bandsound, mit dem Poisel alle popmusikalischen Register zieht.

„Ich habe bewusst versucht, meinen Fokus auf neue Sachen zu richten“, erklärt er. „Ich wollte ein Bewusstsein für die Dinge entwickeln, die ich noch nicht gemacht habe, und nach Plätzen suchen, an denen ich noch nicht war, um das mit den alten Sachen zu ergänzen. Ich habe nie vorgehabt, das Alte komplett über Bord zu werfen und meine Vergangenheit zu leugnen, aber ich wollte andere Facetten ausleben und mich von dem inspirieren lassen, was vor mir liegt.“

Dennoch hat natürlich der kommerzielle Erfolg der Vergangenheit und die damit gewonnene Freiheit, schon nach zwei Platten aus dem berüchtigten Album-Tour-Hamsterrad ausbrechen zu können, Spuren auf Poisels Herangehensweise hinterlassen. Denn auch wenn seine Liebe zum Musikmachen ungebrochen ist – der Drang, einzelne Songs fertigzustellen, hat inzwischen etwas abgenommen. Heute dient ihm deshalb nicht zuletzt die Verantwortung für das Team um ihn herum als Ansporn, seine Lieder auch tatsächlich veröffentlichungsreif zu machen und dafür zu sorgen, dass es weitergeht.

„Die Leute rechnen schon damit, dass es bei mir länger dauern kann, aber eben auch nicht ewig“, gesteht er lachend. „In diesem Spannungsfeld ist die neue Platte letztlich entstanden. Ich hätte auch gut noch fünf weitere Jahre daran arbeiten können, mein Produzent dagegen hätte wahrscheinlich gerne schon vor drei Jahren eine neue gemacht.“

Überhaupt fällt schnell auf, dass ´Mein Amerika´ viel stärker ein Gemeinschaftsprojekt als Poisels vorherige Werke ist. War er zu Beginn seiner Karriere als Solist froh, keine der in einer Bandsituation unabdingbaren Kompromisse machen zu müssen, fühlte er sich zuletzt „schon etwas einsam da vorne“, wie er lachend zugibt, und suchte bei den neuen Liedern aktiv nach dem Input seiner Mitstreiter. Das hat einerseits mit dem über die Jahre gewachsenen Vertrauen in die Fähigkeiten seiner Musiker zu tun, andererseits aber auch mit dem Wissen, dass die neuen Songs nicht nur in kleinen Sälen funktionieren sollten, sondern „mit der Kraft der ganzen Band im Rücken“, wie er es selbst sagt, bis in den letzten Winkel der für die kommenden Konzerte gebuchten Mehrzweckhallen vordringen müssen.

Denn nicht nur musikalisch geht Poisel mit ´Mein Amerika´ neue Wege. Natürlich hat er auch schon in der Vergangenheit auf großen Bühnen gestanden und riesige Hallen gefüllt, aber das war eher der unerwartet hohen Nachfrage geschuldet als dem unbedingten Wunsch, sich vor ein großes Publikum zu stellen. Das ist nun etwas anders.

„Von meinem Naturell her liegt es mir sicher mehr, die Augen zuzumachen und nach unten zu schauen und vor mich hin zu nuscheln, aber ich mag auch Herausforderungen“, unterstreicht Poisel. „Ich habe Freude daran, mir wie ein Mathematiker selbst Problemstellungen zu geben und dann nach einem kreativen Lösungsweg dafür zu suchen. Diesen Abenteurer gibt es auch in mir.“

Trotzdem heißt das nicht, dass für Poisel ab sofort nur noch das Motto „Je mehr, desto besser“ gilt. Im Gegenteil. Derzeit hält er neue Ideen ganz für sich und ohne großen technischen Aufwand mit einem Kassettenrekorder fest.

„Diese Einfachheit macht mir gerade sehr große Freude.“

Das Abenteuer geht also weiter.

Aktuelles Album: Mein Amerika (Grönland / GTG) VÖ: 17.02.


Weitere Infos: www.philipp-poisel.de Foto: Christoph Köstlin

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