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PHILIPP POISEL - Sinnenflut

Intim will es Philipp Poisel. Klein und lauschig. Doch dazu ist der Singer/Songwriter zu erfolgreich. Erfolgreicher vielleicht, als er es wollte? Oder zunächst wollte. Die Geschwindigkeit des Erfolgs nimmt zu. Die Bühnen werden größer. Das Publikum zahlreicher. Auch große Openair-Festivals laden ihn ein. „Es war fast schon symptomatisch, dass die Hallen ausverkauft waren und wir umzogen in die nächst größere Halle und noch mal umzogen“, blickt Philipp Poisel in nähere Vergangenheit, „da gab es dann immer Leute, die enttäuscht waren, weil sie ursprünglich Karten für ein bestimmtes Ambiente gekauft hatten und sich schließlich auf einer Massenveranstaltung wieder fanden. Auch bei mir kam der Wunsch auf, wieder kleinere, persönlichere Konzerte zu spielen. Konzerte, bei denen auch ich ganz anders dabei sein kann.“

Kleine Idee - große Wirkung

Philipp Poisels Wunsch ist seiner Agentur Befehl und so werden kleinere, bestuhlte Säle gebucht, dafür werden mehrere Konzerte an einem Ort angeboten. Die Konzertreise unter dem Namen „Projekt Seerosenteich“ ist geboren. „Seerosenteich“ ist ein Lied aus dem Debütalbum „Wo fängt dein Himmel an?“

„Es ist aber ein zärtliches, ein leises Lied“, erklärt Philipp Poisel, „eins das in letzter Zeit ins Hintertreffen geraten ist, weil ich auf den großen Bühnen laut sein musste. Dieses Stück fordert ganz einfach Aufmerksamkeit und wenn dann weiter hinten im Saal die Menschen unaufmerksam werden, dann geht die ganze Kraft, die das Lied hat, verloren.“

Doch nicht nur „Seerosenteich“ gehört zu den Liedern, die er gerne wieder aufgreifen möchte, weil sie bislang nur selten oder auch gar nicht live gespielt wurden. Bei den Vorbereitungen zu dieser Gastspielreise stellt er jedoch fest, dass das ausschließlich Ruhige auch nicht sein Ding ist.

„Ich möchte schon Akzente setzen, die die Ruhe aufbrechen. So ist aus einer anfänglich kleinen Idee erneut ein großes Konzept geworden.“, lächelt Philipp Poisel.

Nicht nur musikalisch. In dieser Hinsicht bleibt es weitgehend akustisch, da tauchen ein Streichquartett, eine Kesselpauke, ein Harmonium oder eine echtes Klavier auf. Auch die engelsgleiche Stimme der Sängerin Alin Coen ist für die Lieder Philip Poisels in diesem Zusammenhang eine wunderbare Bereicherung.



Großes Kino Gesamtkunstwerk

Doch es sind nicht nur die Instrumente und die zusätzliche Stimme, die den Unterschied machen. Das ´Projekt Seerosenteich´ ist eine umfassende Inszenierung aus Bühnenbild, Kostüm, Dichtung, Musik, Tanz, Illusion oder Zauberei. Es bewegt sich traumwandlerisch zwischen Konzert ohne Strom, Varieté, Jonglage, Zirkus und Theater und verhält sich gleichzeitig augenzwinkernd selbstironisch zu allem. Vor allem durch die sympathische Art des gewollt Unperfekten, des Rudimentären.

„Die große Schwierigkeit dabei war, illustrativ etwas zu finden, was die Show visualisiert, aber sich dem Zuschauer nicht zu sehr aufdrängt“, reflektiert Philipp Poisel, „die Geschichte in den Liedern und die Musik der Stücke sollte zwar durch die Bilder zwar unterstützt, aber nicht vor- oder auserzählt werden. Schließlich hat ja jeder, der Musik hört selber Bilder im Kopf. Um dieses Kopfkino will ich das Publikum nicht berauben.“

Es musste eine sensible Balance zwischen den Bestandteilen gefunden werden. Und Philipp Poisel wäre nicht Philipp Poisel, hätte er die Kontrolle über diesen Balanceakt abgegeben. Er selbst hat in einer gemieteten Schreinerei zur Laubsäge gegriffen und Rahmen ausgeschnitten, Butterbrotpapier darauf geklebt, aus schwarzem Karton Scherenschnitte gefertigt.

„Die Straßenlaterne, die beispielsweise zum Einsatz kommt, ist so entstanden“, freut er sich im Gespräch noch über diese kindlich naive Herangehensweise, „ein ganze Stadtsilhouette, die an Dresden und Prag gleichzeitig erinnern soll, wurde gebaut. Palmen oder eine Eisenbahn, die über einen Viadukt fährt ebenso.“

Ein riesiger Projektor wird extra für diesen Zweck umgebaut und entwirft aus diesen Miniaturen große, bühnengreifende, sepiagefärbte Bilder. Jedes Stück erhält im Verlaufe des Konzertes sein eigenes Bühnenbild.



Einfache, mantraartige Lieder

In der Form, in der es so etwas funktionieren kann und Sinn ergibt, müssen die Lieder Philipp Poisel eine der Hauptrollen übernehmen. Somit stellt sich die Frage der bereits angesprochenen Balance auf einer weiteren künstlerischen Ebene.

„Meine Lieder sind ja sehr einfach gehalten, kommen häufig sogar mantraartig daher“, weiß er, „deshalb mussten sie in das ganze Projekt so eingepasst werden, dass die auch sie von den visuellen Effekten zwar begleitet, aber nicht erschlagen wurden.“

Er ersetzt teilweise die von den Platten bekannten Instrumentalparts. So lässt er von der Gitarre gespielte Teile vom Streichquartett zupfen. Oder er nimmt harmonische Abwandlungen vor und erweitert Akkorde. Einige der so veränderten Stücke werden weniger gefällig. Werden roher, weisen nunmehr Ecken und Kanten auf, die so vorher nicht zu hören waren. Passen sich aber so hervorragend in die Dramaturgie aus Musik, anderem Bühnengeschehen und der Melancholie seiner inneren Zerrissenheit ein. Doch kurz bevor die ganze Chose auf Tournee gehen soll, kommen Philipp Poisel Zweifel.

„Wie geht das zusammen, dass ich da Lieder spiele und dann kommt ein Zauberer, der nicht mehr dabei hat, als Teile seines Zauberkastens aus der Kindheit“, fragt er sich, „wird das vielleicht total lächerlich und die Leute schütteln mit dem Kopf? Oder bereichert das einfach den Abend um eine weitere Ebene.“

Ein Restrisiko bleibt immer. Doch darf nur der scheitern, der etwas riskiert.



Traumland, Märchenland, Zauberland

Doch Philipp Poisel weiß, was sein Bauchgefühl wert ist und zieht es durch. Er hofft, dass sein Werk, bei dem er zum Notenschlüssel genau so greift wie zur Laubsäge, stimmig ist. Immer mit äußerster Liebe zum Detail. Auch wenn es bei den ersten Durchläufen noch etwas rumpelt und hakt, ist schnell klar, dass Philipp Poisels Plan aufgeht. Das Publikum ist begeistert und spendet selbst dann, wenn es mal nicht rund läuft, Szenenapplaus. Selbst Philipp Poisel muss dabei manchmal schmunzeln. Von Station zu Station nimmt die positive Routine zu. Als zum Tourneeabschluss, im Rahmen von zwei Sonderkonzerten, im adäquatesten Ort überhaupt, im Münchner Zirkus Krone-Bau die DVD aufgezeichnet wird, da steht das ´Projekt Seerosenteich´ bereits im Rang von Traumland, Märchenland und Zauberland. Und alles gleichzeitig. Und ohne überkandidelten technischen Showdown.

„Mich törnen die LED-Wände ziemlich ab“, verrät Philipp Poisel, „obwohl mir immer wieder erzählt wird, was für Möglichkeiten man damit hat. Ich bin jedoch der Meinung, eine handbemalte Holzfigur mit einem auf sie gerichteten schwach strahlenden Scheinwerfer, dass sieht so wunderbar aus. Mehr brauche ich nicht.“

Aber genau durch einen solchen Kunstgriff baut er eine geheimnisvolle Spannung auf. Eine Spannung, die gepaart mit unbändiger Spielfreude das Publikum so still werden lässt, dass der Fall der berühmten Stecknadel dem Lärm einer Explosion gleichkommt, um kurze Zeit später einen Applausorkan in einer Stärke zu starten, der den Künstlern auf der Bühne die Hosen wild flattern lässt.



Auf den CDs, der DVD (und in der Deluxe-Ausgabe auch im Buch) versammelt Philipp Poisel eine Vielzahl magischer Momente zu einer wahren Sinnenflut. Einer aus kleinen und großen Momenten, lauten und leisen, zauberhaften und komischen Momenten. Stets aber ist diese Flut ausbalanciert. Da ist nichts überfrachtet. Alles hat ganz unaufgeregt seinen Platz und ist zugleich so reduziert, dass das ´Projekt Seerosenteich´ eine Kraft und Energie entfaltet, die es nur über die Person Philipp Poisel und seine Gesamtregie geben kann. Und die einmal mehr beweist, dass in der Ruhe, in der kindlichen Naivität und der brachialen Neugier die eigentliche Kraft verborgen ist. Philipp Poisel zeigt sich dabei nicht nur als großartiger Musiker und Interpret, sondern auch als grandioser Unterhalter und Künstler überhaupt.

Aktuelles Album: Projekt Seerosenteich (Holunder Records/Grönland Records/RTD)
© 03. August 2012  WESTZEIT ||| Text: Franz X.A. Zipperer ||| Foto: Christoph Köstlin
August 2012

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