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SEBEL - Melodien für Millionen

Sebel ist ein Name, der nichts vermuten lässt und doch Alles hält: Der Ruhrpott-Poet aus Wanne-Eickel will nicht als Schöngeist glänzen oder auf Biegen und Brechen Kunst schaffen und gerade diese Unabsichtlichkeit bewirkt, dass man ihm Herz und Gehör auf einem Silbertablett darbietet. Seine Songs sind wie eine offene Tür: der Entschluss hindurchzugehen und sein lautmalerisches Kuriositätenkabinett zu betreten fällt spätestens in dem Moment, in dem man zum ersten Mal glaubt, sich verhört zu haben: Hat der da gerade ganz nonchalant ‚Ficken‘ gesungen? Ja, hat er und trotzdem kann sich so gar nicht angegriffen fühlen, weil man Sebels einzigartige Mixtur aus Harmlosigkeit, Ironie und Humor gar nicht genau fassen kann, man hört einfach zu und ist erstaunt!

Irgendwo auf einer Seite wurde Deine Musik als deutscher Gitarrenrock bezeichnet, eine Bezeichnung, die Dir meiner Meinung nach nicht besonders gerecht wird, als was würdest Du Deinen Stil bezeichnen. Woher nimmst Du Deine Hauptinspiration?

“Es geht vielen Leuten so, dass sie meine Musik nicht in eine Schublade stecken können, mir selbst fällt das auch sehr schwer. Aber genau da fängt es an interessant zu werden. Ich weiß nicht ob es Indie oder Mainstream ist, Pop oder Rock? Wenn ich mit meinen Jungs auf der Bühne stehe, sagen die Leute sogar, dass wir wie eine Punk- oder Hardcore Band rüberkommen. Ich liebe so was! Ich mag dieses Schubladendenken nicht, meiner Meinung nach kommt es auf den Song an! Die Welt braucht gute Songs, scheißegal ob es Punkrock, Jazz, Blues oder Pop ist, und genau das ist meine Inspiration. Ich bin zwar sehr geprägt von den großen Songwritern der 60er und 70er Jahre, den Beatles, den Stones, Dylan, Led Zeppelin, Deep Purple usw., doch für mich ist "Killing in the name of" von "Rage against the Maschine" irgendwie das gleiche wie" Bob Dylan`s" "Like a rolling Stone". Es sind beides großartige Songs und es steckt so viel Energie in ihnen! Und genau das suche ich: Die Magie eines Songs!”

Du hast einige Shows schon hinter Dir, um Dein neues Album zu promoten. Was war bislang Dein großartigster Moment auf der Bühne?

“Wir haben mit Thomas Godoj eine zwei wöchige Supporttour gespielt, und am letzten Tourtag drohte die Show abgesagt zu werden. Es gab etwas Ärger mit dem Veranstalter, die Bühne war alt und marode, wir hatten kaum Platz um unser Zeugs aufzubauen, und der Laden war sehr klein. Irgendwann wurde dann doch beschlossen, dass wir die Show spielen, aber die Stimmung bei beiden Bands und der gesamten Crew war völlig unten, so hatten wir uns einen letzten Tourtag nicht vorgestellt! Als wir gegen 20 Uhr die Bühne betraten wurden wir von 300 völlig ausrastenden Fans empfangen. Der Club war heiß, die Luft brannte, die Leuten schwitzten und schrien – unglaublich!

Innerhalb von Sekunden kippte dann auch unsere Stimmung und es war das beste Konzert das wir je gespielt haben. Alan, unser Keyboarder spielte Orgelsolos mit der Nase, Teppich, unser Gitarrist spielte teilweise Gitarre im Publikum, irgendwann standen 10 Mädels mit auf der Bühne und tanzten, und ich spielte Gitarre auf den Schultern unseres Backliners.Das war ein großartiger Moment!”

Was sind für Dich die großartigsten Zeilen, die je für einen Rocksong geschrieben wurden?

“Oh, da gibt es so viele! Spontan würde ich mich entscheiden für "Learning to fly" von Tom Petty, weil auch ich Angst davor habe irgendwann als Künstler die Bodenständigkeit zu verlieren und zu vergessen wo man herkommt.

I'm learning to fly, around the clouds,

But what goes up must come down

I'm learning to fly, but I ain't got wings

Coming down is the hardest thing

Welches ist Dein liebster Song auf „Wie Deutsch kann man sein“ und warum?

“Mein Lieblingssong ist der Song "Heimat", weil er eine andere Seite von mir zeigt. Ich werde auf den ersten Blick oft für einen stumpfsinnigen Ruhrpott-Proleten gehalten, der rumschreit und vom "Ficken" singt, aber wer sich etwas länger mit meinen Songs auseinander setzt wird feststellen, dass es einen weichen, zerbrechlichen und nachdenklichen Kern hinter der lauten und harten Fassade gibt. In "Heimat" geht es um große Gefühle, wie dem Verlassen Sein und der Heimatverbundenheit.”

Eine gute Fee lässt sich bei Dir blicken und offeriert Dir eine Show mit Deinem absoluten Helden, in einer Location Deiner Wahl: Welcher Künstler an welchem Ort mit welchem Song?

“Einer meiner absoluten Lieblingskünstler ist Tom Petty & the Heartbreakers und ich wünsche mir einmal mit ihm zusammen zu spielen. Am liebsten in einem Baseballstadion irgendwo in den USA vor Tausenden von Leuten. Ich würde bei "Learning to Fly" auf die Bühne kommen und den Adrenalinkick meines Lebens haben!”

Du bist nicht nur Musiker, sondern auch Fotograf und warst sogar Lehrer, was hat für Dich den Ausschlag gegeben Dich hauptsächlich der Musik zu widmen? Was ist der wichtigste Aspekt am Musik machen für Dich?

“Also Lehrer war ich nie...ich habe mal 2 Monate Lehramt studiert und habe dann gemerkt das ich das ´normale´ Leben nicht ertrage. Ich wollte immer mein Ding machen, raus in die weite Welt, das machen worauf ich Bock hab, Menschen und Länder kennenlernen, ausschlafen und den Tag so gestalten wie ich es will, an etwas zu arbeiten was mir was bedeutet. Das kann man eben nur als Künstler...vor allem Ausschlafen!

Die Wenigsten wissen leider, dass das Musikgeschäft eins der bittersten und armseligsten ist, gerade hier in Deutschland und natürlich habe ich mich oft gefragt ´warum machst du ganze Scheiße eigentlich?´

Du fährst mit fünf stinkenden Typen kilometerweit in einem Bus, der dir ständig verreckt, schleppst Tonnen von Equipment von A nach B, lässt dich in irgendeinem dreckigen Club vom Veranstalter oder einem Techniker ankacken, weil ihm dein Gesicht nicht gefällt. Doch wenn du dann da stehst und deine Songs singst, mit deinen Jungs eine gute Zeit hast, und dort unten stehen Leute die deine Songs mitsingen und denen deine Songs etwas bedeuten, ist das ein Gefühl, das alles andere wieder in den Schatten stellt.

Deshalb mache ich Musik und schreibe Songs und genau das will ich auch in Zukunft machen: Songs schreiben, aufnehmen und meine Stücke dann auf einer Bühne mit meinen Jungs spielen!”

Aktuelles Album: Wie deutsch kann man sein (BMG Rights Rough Trade) VÖ: 24.08.
© 02. August 2012  WESTZEIT ||| Text: Micky Repkow ||| Foto: Jim Rakete
August 2012

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