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METRIC - Home ist wo du weiterziehst

Bei dieser Band dreht sich fast alles nur um eine: Emily Haines, diese Frau und Stimme von Metric, sie ist zweifelsohne ein Ohren- wie Augenschmaus. Zum Date, dem ersten Interviewtermin des Promotages im Berliner Hyatt Hotel, lässt sie ausgiebig auf sich warten. Naja, dann kann man ja in der Zwischenzeit mal hören und schauen, was es bei Metric abseits der Haines noch zu entdecken gibt. Jimmy Shaw, Gitarrist und Produzent der Band, steht seinen Mann und erzählt, wo ihm ein Licht aufging.

„Wenn du magst, können wir auch einfach schon mal losquatschen. Keine Ahnung wo Emily steckt, aber sie wird sicher gleich da sein. Ich kann dir aber bestimmt auch ein paar Dinge beantworten, die du wissen willst.“

Jimmy schickt noch fix eine Email raus, nascht etwas vom Frühstücksobst und dann ist er bereit. Gut geht es ihm, glücklich ist er hier zu sein, wenngleich er - und das ist ihm völlig klar - von der Stadt nicht mehr sehen wird als dieses Hotelzimmer. So war es immer, wenn er hier war; und so erging es ihm in den meisten Städten, die er in den letzten Jahren besucht hat. Daheim ist er selbstredend so gut wie nie. Apropos: wo ist das überhaupt, daheim?

„Ich lebe derzeit in New York. Obwohl, wenn man es genau nimmt, ist das nicht richtig.“

Und schon wird es kompliziert. Denn ist das Zuhause da, wo man eigentlich fast nie ist? Ist man dort daheim, wo man keine Bleibe hat? Jimmy Shaw, geboren in London und aufgewachsen im kanadischen Bellevue, Ontario, wohnte die letzten Monate über in New York City, in einem Hotel. Natürlich kommt man unter solchen Umständen niemals wirklich an, sondern fühlt sich eher stets wie ein Gast, ein Durchreisender. Jimmy ist definitiv ein Rastloser, aber gleichzeitig auch jemand, der sich beim steten Fort- und Wegbewegen auch immer ein stückweit heim wünscht. Wo „heim“ letztlich ist, ist in seinen Augen dabei zweitrangig.

„Wir haben alle mehrere Zuhause. Unabhängig davon, wo wir alle verstreut sind und wohnen, haben wir als Band aber ein gemeinsames Zuhause und das ist Toronto.“

Dort hat seine Band Metric ihr Studio, dort lebt der größte Teil ihrer Crew und ihres Produktionsteams. Aber mal Hand auf’s Herz, Jimmy, fühlst du dich auch persönlich dort zuhause? Wo wohnt denn dein Herz heute?

„Vermutlich in Toronto. Das ist nämlich der Ort…“ Und schon stoppt Jimmy, während er ausholt. Er überlegt und schweigt. Was heißt hier vermutlich? Warum eigentlich Toronto? Und wo ist eigentlich Emily?

„Weißt du, Heimat ist nicht immer und nicht zwangsläufig der Ort, den man mit den schönsten und angenehmsten Erinnerungen verknüpft. Zuhause ist dort, wo du dich sowohl sehr wohl als auch sehr unwohl fühlen kannst.“ Der Ort seiner eigenen Geschichte, mit all den Wurzeln, die man hat und nicht mehr loswird – und damit auch mit den verkorksten Verästelungen und morschen Verwicklungen, vor denen man sein Leben lang flieht. Jeder kennt jeden. Du gehst die Straßen entlang, wo das Haus steht, in dem du aufgewachsen bist, wo die Schule war, die du besucht und die Bar, in der du abgehangen hast. Genauso tickt im Grunde ja auch die Musikszene Torontos: Jeder kennt jeden, man läuft sich ständig über den Weg (wenn man nicht gerade auf Tour ist), man hilft sich gegenseitig auf der nächsten Platte, man inspiriert sich gegenseitig.”

„Die Musikszene dort ist wunderbar“, schwärmt Jimmy. „Sie ist groß, stark und sehr lebendig. Ich kenne keine vergleichbare Musikszene, ich habe so etwas noch in keiner anderen Stadt erlebt. Das musikalische Toronto ist wirklich eine große Familie.“

Mit Verlaub, das hört man oft – von anderen Musikern, über andere Städte. Was macht diese kanadische Großfamilie denn nun so besonders und eigen?

„Das Großartige an dieser Stadt und ihrer musikalischen Gemeinschaft ist, dass wir uns sehr nah sind und uns gegenseitig unterstützen, dabei aber niemals ähnlich klingen! Metric und Feist zum Beispiel – könnte es gegensätzlicher sein!? Stars und Death From Above – verstehst du nun, was ich meine!?“

Auch in London lebte Jimmy schon, allerdings nur für ein Jahr. Um 2000 herum war das, als vieles noch anders war. Zeiten, in denen eine Band noch aus Musikern bestand und auch so wahrgenommen wurde, anstatt bloße Angestellte der Musikindustrie zu sein. In diesem einen Jahr in London erfuhren und erkannte er, dass diese Zeit vorüber ist. Und wenngleich es ihm nicht gefallen hat, so hat diese Erkenntnis doch den Grundstein für die Art und Weise gelegt, wie Metric heute mit ihrer Musik umgehen und sie veröffentlichen.

„Ich war mit Emily damals in London. Wir sind dann nach einem Jahr ungefähr wieder zurück nach Toronto, äh sorry, nach New York, meinte ich, und setzten uns mit Josh und Joules zusammen. Denn eines war für uns klar: Wir wollten alle keine Angestellten dieser Industrie sein, wir sind schließlich Künstler. Und wir sind Freunde und haben Freunde, die genauso ticken und die uns weiterhelfen können, so wie wir ihnen weiterhelfen können. Lasst uns also loslegen, sagten wir uns, wir brauchen doch niemanden, der uns wie Angestellte und unsere Musik wie Allerweltsware behandelt.“

Und man kann Metric alles vorwerfen, nur keine Discounter-Mentalität. Das neue Album ´Synthetica´ zum Beispiel, ihr mittlerweile fünftes Langspielwerk, kann samt einer handgemachten Stereobox inklusive 3D-Guckgerät und Pflanzensamen erworben werden. Natürlich kann man auch auf die schnöde, konventionelle Ausgabe dieses Albums zurückgreifen, die dann vielleicht etwas unspektakulärer aber nicht weniger schön anzusehen ist. Justin Broadbent, ein befreundeter Künstler aus Toronto, ist verantwortlich für ein Coverartwork, das dieses musikalische Werk ganz vortrefflich darstellt. Denn dieses Cover ist klar, abstrakt und leicht, ohne beliebig zu sein. Es ist markant, ohne sich zu ernst zu nehmen. Zumindest der erste Anschein vermittelt diesen Eindruck. Beim näheren Hinsehen, beim Wirkenlassen, wird es organischer, dann wächst da was, dann wird es lebendiger, sprießt hervor, ja springt dich an. Jimmy könnte jetzt auf die der erwähnten Sonderanfertigung beigelegten Pflanzensamen anspielen, will aber glücklicherweise doch noch etwas anderes loswerden:

„Das Gute daran, wie ich finde, ist: Du schaust auf dieses Bild, auf diese Kunst, und hast das Gefühl, dass der Künstler bereits weg ist. Er schaut da nicht mehr drauf, er hat es einfach gemacht und ist schon lange weitergezogen. Ich mag diesen Ansatz.“

Ein Ansatz, der zwischen Realität und Illusion, zwischen fern und nah, zwischen verwirrend und klar seine Spielchen treibt. Und das steht freilich in Verbindung mit dem Thema, mit dem die Band auf diesem Album gespielt hat. Was ist wirklich, was ist organisch, was ist künstlich, was liegt dazwischen?

„Ich glaube, dass die Leute sich beim Hören dieser Platte oft fragen werden, ob dieser oder jener Sound real oder gefaked ist. Und genau dafür steht ´Synthetica´: Viel Vintage, aber eben so viele Effekte, die draufgeklatscht wurden, um diesen natürlichen Sounds einen imaginären Kontext zu geben, der es nicht mehr möglich macht zu unterscheiden, was real und was fake daran ist.“

Das klingt nach einem artifiziellen Überbau, einem Ziel, auf dessen Weg dorthin die Ausgeglichenheit und Erhabenheit verlorengeht. Aber ´Synthetica´ ist in der Tat relaxed, ohne etwas zu wollen. Es ist die Freude an der Freiheit, kreativ sein zu können und steht damit für einen Sound, nach dem die Band über ihre gesamte Schaffenszeit gesucht hat, einer schwingenden Wahrheit zwischen den Dingen.

„Ich mag New York, weil es dir die Wahrheit über viele Dinge aufzeigt. Es relativiert den Hype um dich, denn in dieser Stadt passiert so unglaublich viel, das Angebot ist überwältigend und es sind so viele Menschen, so viele großartige Talente und Genies dort. Diese Umstände zeigen dir auf und verraten dir, was du eigentlich bist und was du machst. Diese Stadt ist ein Ort, an dem dir das Licht angeknipst wird und du zum ersten Mal ganz bestimmte, wesentliche Dinge erkennst. Ich habe zum Beispiel dort erst gelernt, an mich selbst zu glauben; an die Dinge zu glauben, die ich tue und verfolge. Und das ist ganz wichtig. Denn wenn du etwas machst, musst du daran glauben, um es richtig zu machen. Und deshalb ist mein Zuhause in diesem positiven wie negativen Sinne wohl Toronto. Mein spirituelles, inspirierendes Zuhause ist hingegen New York. Trotz und vielleicht auch wegen Hotelzimmer.“

Und Emily, sie wurde nicht gesehen. Vielleicht war auch sie schon wieder weitergezogen.

Aktuelles Album: Synthetica (Metric Music / PIAS / RTD)
© 03. Juli 2012  WESTZEIT ||| Text: Björn Bauermeister ||| Foto: Justin Broadbent
Juli 2012

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