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TONBANDGERÄT - Rockpoppen & Tanzen!

Tonbandgeräte sind out. Ein Tonbandgerät aber ist in! Oder: Wie ein ´Alle Awards-Gewinner-2-Damen-und-2-Herren-Quartett´ aus Hamburg das Heute manifestiert, um morgen vielleicht schon Anführer einer neuen ´Schmusebewegung´ zu sein – wenn es denn ein Morgen gibt... Lana del Ray wird derzeit überall dafür abgefeiert, dass sie scheinbar total dem Zeitgeist entspricht, obwohl in ihren Konzerten unzählige Menschen versuchen, eine heimelige Atmosphäre dadurch zu generieren, dass sie Handys mit leuchtenden Displays in die Luft halten?

Warum schwenken die nicht einfach einmal ein Feuerzeug auf kleiner Flamme? Weil man dabei Feuer fangen könnte? Warum lesen „del Ray-Fans“ während der Show Emails (so passiert auf den Rängen beim Deutschland-Live-Debut in Hamburg)? Freudig-kuscheliges Entertainment sieht subjektiv anders aus! Deshalb folgt hier nun die Geschichte von vier jungen Menschen, die es relativ „old school“, d.h. auf traditionelle Weise, geschafft haben, mit knuddeligem Power-Pop große Hallen auszuverkaufen, dabei gleichzeitig für Mega-Stimmung zu sorgen! Die Schwestern Sophia (Git.) und Isa Poppensieker (Bass) haben kürzlich letzteres geschafft, somit bisher alles richtig gemacht! Lassen wir also die Band-Historie so chronologisch wie möglich Revue passieren: Die beiden Schwestern haben mit Ole Specht (Voc.) eine Band gegründet, später Drummer Jakob Sudau dazu geholt. Sie haben sich Tonbandgerät genannt, weil „vor sechs Jahren, wenn wir das Auto von Isa & Sophias Mutter hatten, darin dass CD-Laufwerk nicht richtig funktionierte, man die CDs mit einem Personalausweis wieder herauskratzen musste.“

Man war folglich ernsthaft gezwungen, sich auf eine „Musik“ zu einigen. Die Konsensplatte diesbezüglich kam von (der Truppe) I'm From Barcelon. Gehört wurden meistens Zeilen wie:

„Feeling like a tape recorder

stuck between rewind and forward.

Always going two directions.

One's ahead and the second is

backwards.

Please press my rec and play,

'cause I want to save this moment.” (aus „Rec & Play“ vom Album „Let Me Introduce My Friends“).

Der Name blieb, doch das vierteilige, menschliche Tonbandgerät entwickelte sich schnell weiter... und kam 2009 ins Förderprogramm der VW Sound Foundation.

Isa: „Damals hätten wir immer 4 Wochen einen Bus umsonst haben dürfen, wenn wir hätten belegen können, dass wir touren. Jetzt wäre es sehr hilfreich, solch ein Auto haben zu können...doch das VW-Förderprogramm wurde leider beendet.“

Damals brauchten sie dieses Gefährt nicht oft.

Isa: „Meistens spielten wir eine Hamburg-Tour. Innerhalb von drei Jahren haben wir hier sicher 50 mal gespielt!“

Ohne wirklich eine musikalische Heimstätte zu haben.

Ole: „Es hat 4 bis 5 Jahre gedauert, einen guten Proberaum zu finden. Erst jetzt sind wir zufrieden. Vorher hatten wir klamme, eklige Räume. In Moorfleet. Das bedeutete für uns, 20 Minuten mit der Bahn nach Billstedt zu fahren, und dann noch mal 20 Minuten Fußmarsch.“

Dennoch kamen die ersten Support-Slots recht schnell, z.B. für Auletta.

Jacob: „Nein, dass war nicht das erste Tonbandgerät-Konzert, sondern das erste, dass wir aufgelistet haben.“

Ole: „Es war hier gleich um die Ecke (das Interview fand in Hamburg, Nähe Schanzenviertel statt; Anm. d. Verf.). Niemand wusste bescheid, denn wir hatten Angst, zu verkacken. Wir hatten viele kleine, schlimme Auftritte. Die braucht man aber auch, wenn man so jung anfängt.“

Mit „Krach und Getöse“ gewannen sie 2012 den 1. Preis bei der „Rock City Hamburg“.

Ole: „Dadurch erhielten wir die erste richtig gute Förderung. Die Geschäftsführerin von Rock City Hamburg e.V., Andrea Rothaug, hat uns Dinge gesagt wie `Das hier ist echt doof, was ihr da macht. Versucht das mal zu ändern...´ Wir wollten natürlich erst nicht hören, dann haben wir uns selbst reflektiert. Die `Krach und Getöse´- Förderung hat uns richtig geholfen!“

Sophia: „Vom Preisgeld haben wir unsere erste Gesangsanlage gekauft!“

Anschließend sandte N-Joy-Radio das Quartett nach Berlin zum New Musik Award 2012.

Sophia: „Weder durch Industrie, noch wegen einer besonderen Firma – Wir haben beim NMA gewonnen, wurden gewählt von einer Jury, die kein wirtschaftliches Interesse an uns hatte.“

Tatsächlich hatten sich in seltener Einigkeit Jury und Publikum für die vier Newcomer aus Hamburg entschieden - angesichts der geschätzten Mitbewerber und dem spürbar gestiegenen Gesamtniveau war das für die Band ein Sieg fürs Herz.

Jacob: „Es war das krasseste überhaupt! Dieser Sieg hat uns am meisten gebracht!“

Im Jahr 2010 z.B. hieß der NMA-Gewinner Kraftklub, und startete von dort aus eine Bilderbuch-Karriere.

Jacob: „Plötzlich hatten wir die totale Unterstützung!“ Sophia: „Vom Geld haben wir unsere nächste Musikanlage gekauft.“

Last, but noch least, kam dann am 26.11.2012 noch der Hamburger Musikpreis HANS dazu.

Ole: „Es gab keine Förderung, lediglich einen Musikpreis. Total toll. Wir wurden Newcomer des Jahres, ohne überhaupt ein Album veröffentlicht zu haben. Und wir bekamen eine Menge Aufmerksamkeit.“

Die hätten sie auch gern mit ihren „Vorgängern“, den „Krach und Getöse“-Siegern 2011, bzw. den 2011er NMA-Teilnehmern (allerdings von Radio Bremen 4 entsandt), The Dashwoods, geteilt.

Isa: „Wir wollten gerne mit ihnen zusammen Konzerte spielen, doch sie hatten gerade ihren Keyboarder rausgeschmissen...“

So spielte sich das Tonbandgerät weiter ´allein´ durch die Clubszene, verkaufte plötzlich gar das „Übel & Gefährlich“ (bereits ein großer Club!) aus.

Jacob: „Ausverkauft! Der totale Wahnsinn! Unser größtes, eigenes Konzert bisher!“

Mehr geht nicht - Alle mögen den radiokompatiblen Deutschpop des Quartetts, „...nur unsere privaten Freunde nicht. Die finden unsere Musik ziemlich doof. Die kommen zu uns ins Konzert, um Bier zu trinken.“

Isa: „Aber man sieht, dass es viel gebracht hat, dass wir oft im Radio gelaufen sind, z.B. bei N-Joy.“

Ole: „Kontakt zu unserem Label hatten wir bereits vor dem NMA, richtig in Erscheinung getreten ist es jedoch erst nach dem dortigen Sieg. Das Video zu `Irgendwie Anders´ (dem Opener des nun veröffentlichten Debut-Albums „Heute ist für immer“) hatten wir noch selbst gedreht. Wir haben unsere Platte in der Nähe von Stuttgart aufgenommen, und hatten anfangs wirklich Angst, dass im Studio ständig ein A&R-Mann der Plattenfirma sitzt, und sagt `nee, so geht das nicht, es muss hookiger...´ So war es dann aber überhaupt nicht. Es kamen zwar Fragen wie `was meint ihr denn dazu, kann man das auch so machen´, doch wir konnten allein entscheiden! Zum Song ´Halbmond´ haben wir dann ein richtiges Video gedreht.“

Sophia: „Viele Songs sind im Studio entstanden. Auch, weil wir viel Zeit zwischen den Aufnahme-Sessions hatten. Wir waren mal 2 Wochen dort, dann wieder 2 Monate zuhause.“

Jacob: „Wir gingen mit 15-20 Songs ins Studio, vor Ort sind dann noch mehr dazu gekommen.“

Dort wurden dann, um es mit dem vierten Albumtrack zu sagen, die ´Hirngespinster´ umgesetzt.

Ole: „Ich finde, unsere Songs sind sehr politisch. Auf uns bezogen, auf unsere Entscheidung nach der Schule. Oder überhaupt, weil, als die Songs entstanden sind, Entscheidungen gefallen sind, die gesellschaftlich geprägt waren. Um uns herum hatten ganz viele Jugendliche Angst, dachten an Ausbildung, danach an Karriere. Dadurch ist bei ihnen großer Druck entstanden. Alles war so stromlinienförmig. Wir haben uns dadurch, dass wir Musik machen, total gegen all das entschieden. Wir hatten unseren Gegenentwurf, haben aber von unseren Freunden Statements gehört wie `lasst das, seid ihr bescheuert?´ Wir müssen doch jetzt noch nicht wissen, was wir in 10 Jahren machen! Wir haben alle ein Studium angefangen, der Lebensstil passt. Wir haben nicht weniger Geld, als ein normaler Student. Wir leben in WG-Zimmern.“

Zu Original-Tonbandgerät-Zeiten lebten Musiker der Gruppen oft (wie Ton Steine Scherben, Faust) zusammen in WGs...

Isa: „ Wir nicht, da bekämen wir einen Lagerkoller!“

So etwas darf natürlich nicht passieren, wohlmöglich würde das dem Tonbandgerät noch die knuffige Party-Stimmung verhageln...und das geht gar nicht!

Aktuelles Album: Heute ist für immer (Universal)
Weitere Infos: www.musikvomband.de/
© 03. Mai 2013  WESTZEIT ||| Text: Ralf G. Poppe ||| Foto: Khaled Awad & Constantin Rieß
Mai 2013

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