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EFTERKLANG - Musik aus einer Geisterstadt

Auf der weitläufigen Inselgruppe Spitzbergen wohnen insgesamt etwa 2.500 Menschen. Und mindestens 3.000 Eisbären. Weit nördlich des Polarkreises liegt das Territorium, das keine souveräne Nation ist. Zwar wird es von Norwegen verwaltet, doch auf Grund des Spitzbergenvertrags haben 39 Länder das Recht dort Bodenschätze auszubeuten, darunter auch das heutige Russland. Stop! Halten wir jetzt eine Geografie- oder Geschichtsstunde ab? Nicht wirklich, aber dieses rudimentäre Basiswissen über Spitzbergen ist notwendig, um den kreativen Ansatz der aktuellen musikalischen Arbeit von Efterklang, ´Piramida´ einordnen zu können.

Dramatische Natur, Schrotthändler und Eisbären

Erste Eindrücke von Piramida, der ehemals sowjetischen Kohlestadt auf Spitzbergen, bekommen die Jungs von Efterklang durch einen schwedischen Regisseur, der ein eigentlich ein Video zu einem Stück aus dem Vorgängeralbum ´Magic Chairs´ drehen will. Er zeigt bei den Vorgesprächen eine Bilderserie herum. Eine, die in Piramida gemacht worden war. Die inzwischen zur Geisterstadt verkommene Bergbausiedlung rottet vor sich hin, genauso, wie ihre Industrieanlagen. Die verlassene Stadt inmitten in einer dramatischen Natur wird von heute Schrotthändlern ausgeschlachtet, von Eisbären, Polarfüchsen und Möwen neu besiedelt. Diese Bilder brennen sich ins Unterbewusstsein der Efterklangler ein. Und wirken genau so unbewusst nach.

„Als wir an Ideen für unsere nächste Platte spannen“, erzählt Sänger Casper Clausen, „war schnell klar, dass sich alles um einen bestimmten Ort drehen sollte.“

Bei den weiteren Überlegungen werden diese im Unterbewussten verschwunden, diffusen Bilder von Piramida wieder klar und deutlich. Und zwar so stark, das Efterklang zu einer Abenteuerreise nach Spitzbergen planen.

„Was aufgrund der schwierigen Genehmigungslage nicht einfach war“, fährt Bassist Rasmus Stolberg fort, „denn schließlich mussten wir dazu mit den Russen verhandeln. Doch es letztendlich durften wir dorthin reisen.“



Ohne fertiges Stück zum nördlichsten Konzertflügel der Welt

Kein Stück ist geschrieben, bevor Efterklang dort hin fahren. Nur Ideenblitze, dass es nun der spezifische Ort Piramida sein soll, der Ausgangspunkt für die spätere gleichnamige Platte sein soll.

„Neun Tage haben wir in einer Fieldrecording vor Ort aufgenommen“, erklärt Casper Clausen, „dazu sind wir in Kraftstofftanks gekrochen und haben sie klangtechnisch erkundet, haben Leitungsrohre zum Klingen gebracht, haben Glaslampenschirme bearbeitet und sind auf der Bühne eines Theaters auf nördlichsten Konzertflügel der Welt gestoßen, der vor 400 leeren Sitzplätzen stand. So, als wären Pianist und Publikum gerade aufgestanden und wären, warum auch immer, einfach so verschwunden. Und hatten am Ende tausenden von Klangstücken.“

Damit nach der Rückkehr umzugehen ist so einfach nicht.

„Im Gegensatz zu den früheren Alben von uns, haben wir von Beginn als Trio gearbeitet“, darauf verweist Rasmus Stolberg, „das Ausarbeiten der einzelnen Stücke vollzieht sich zunächst Monolog, der dann zu einem Dialog wird, wenn das entstehende Stück antwortet. Das ist wie beim Goldsuchen, du stocherst irgendwo im Boden und plötzlich und unerwartet stößt du auf das ersehnte Edelmetall.“

Edelmetall ist exakt die richtige Bezeichnung für die Efterklang-Lieder, denn, obwohl sie durch die Geige von Peter Broderick, das Schlagzeug von Earl Harvin, dem Piano von Nils Frahm, den Bläsern des Andromeda Mega Express Orchestras und einem 70-köpfigen Mädchenchor veredelt wurden, bricht in den fein verwobene Klängen immer wieder die raue und geheimnisvolle Atmosphäre der Geisterstadt Piramida auf Spitzbergen durch. Efterklang schaffen so eine moderne Ruinensinfonie, die trotz der experimentellen Herangehensweise zugänglich ist. Da wird kein krudes Umdieeckedenken verlangt. Da wird zwar auch rau geraspelt, dies aber wird mit dem Schmelz der melodischen Süße überzogen. ´Piramida´ ist so auch zu einer Reise in das Zentrum des schönen Klangs. Mittenhinein.

Aktuelles Album: Piramida (4AD / Beggars Banquet / Indigo)
© 01. Oktober 2012  WESTZEIT ||| Text: Franz X.A. Zipperer ||| Foto: Rasmus Weng Karlson
Oktober 2012

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