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FLOGGING MOLLY - Nur Fragen, keine Antworten

Angefangen hat diese Band unten. Ganz unten. Sänger Dave King hat früher die Toiletten geputzt in den Kneipen, in denen er aufgetreten ist. „Und danach waren die Dinger blitzsauber“, sagt er heute, 14 Jahre und acht Alben später, im Interview mit Westzeit. Am eigenen Schopf hat er sich aus der – im wahrsten Sinne des Wortes – Scheiße gezogen und feiert mit seiner Band mittlerweile Riesenerfolge.

Platz vier in den USA und Platz 45 in Deutschland: Das letzte Album „Float“ war der Durchbruch. Flogging Molly machen Irish Folk und Punkrock, wie so viele Bands. Doch sie sind reifer (und auch älter) als die anderen, sowohl musikalisch als auch textlich.

„In erster Linie versuche ich, mich selbst mit meinen Liedern auszudrücken. Und wenn ich Menschen mit meiner Musik zum Lächeln und Tanzen bringen kann, dann ist das mehr als genug. Ich habe nicht den Anspruch, mit der Musik die Welt zu verändern. Ich habe nicht die Antworten, nur ein paar Fragen.“

Besonders deutlich wird diese Haltung auf dem aktuellen Longplayer „Speed Of Darkness“. Der rote Faden des Albums sind die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise auf Arbeiter und Angestellte.

„Ich habe die Texte sozusagen auf dem Weg zwischen Irland und Detroit geschrieben. Und diese Orte sind massiv von der Weltwirtschaftskrise getroffen worden, und als Songwriter bist du wie ein Schwamm, du nimmst alles um dich herum auf. Auf unseren Touren durch die USA haben wir so viele heruntergekommene Häuser, geschlossene Fabriken oder Clubs gesehen. Ein Jahr zuvor gab es das alles noch. Vor allem Detroit hat gelitten. Diese Stadt hat der Musikszene so viel gegeben: Motown oder die Anfänge des Punkrock mit Iggy Pop und MC5. Und jetzt ist diese Stadt am Boden, die Leute ziehen weg.“

Das Erstaunliche: „Speed Of Darkness“ ist ein ernsthaftes Album, das ernsthafteste der Band, aber es zieht den Hörer nicht runter. Im Gegenteil.

„Das ist gar kein Widerspruch: In einem Song wie „Don’t Shut Em Down“ singen wir über die Sorgen der Arbeiter. Aber in Verbindung mit der Musik hilft das, diese Sorgen auch mal zu vergessen, zu tanzen, alles rauszulassen. Manchmal höre ich mir die Texte an und werde traurig. Aber dann ist da die Musik, die mich wieder rausholt. Es ist halt wie alles im Leben: ein zweischneidiges Schwert. Ich bin richtig stolz drauf und höre es mir oft an, das ist mir auch nicht peinlich. Ich höre mir sonst keine Alben von uns an.“

Die Verbindung von Text und Musik ist bei Flogging Molly auch eine Liaison zwischen Irish Folk und Punkrock. Etwas, das The Pogues vor 30 Jahren eingeläutet haben. Und etwas, das aus guten Gründen hält.

„Wir waren sehr arm damals in Irland, und irische Musik war alles, was wir hatten. Meine Eltern haben oft Freunde und Verwandte eingeladen, und alle haben zusammen Musik gemacht und schön einen getrunken. Das ist doch genau wie beim Punkrock. Die Iren hatten nie eine Stimme. Außer in der Musik. Für mich ist gute Folk Musik Punkrock. Johnny Cash ist Punkrock. Weil es alles den gleichen Geist hat. Außerdem kann man dabei gut saufen. So wie bei jeder guten Musik.“

Flogging Molly ist eine Band, die es schafft, live eine Aura zu verströmen, der man sich nur schwer entziehen kann. Band und Fans sind eine Familie, wer das für eine hohle Phrase hält, kann das leicht überprüfen: Sogar auf Videos kommt das Flogging-Molly-Gefühl rüber. Bridget King, Flötistin der Band und Daves Frau, erklärt warum:

„Es geht bei uns auf der Bühne nicht um „Performance“. Ich hasse das Wort, weil es impliziert, dass wir etwas vorgeben. Unser Gitarrist Dennis hüpft auf der Bühne manchmal wie ein Verrückter hin und her. Im Studio, wenn keiner uns zuguckt, macht er das genau so. Das ist keine Show. Und genau deshalb ist es uns völlig egal, ob wir vor 15 oder vor 15.000 Leuten spielen. Wir sind nur Musiker.“

Nur Musiker, keine Prediger. Auf der Bühne stehen und dozieren ist nicht die Sache von Dave King. Es geht ihm nicht darum, mit seiner Band einen politischen Standpunkt einzunehmen. Es geht ihm um einen menschlichen Standpunkt, sagt er.

„Guck Dir das Gesundheitssystem der USA an: Da werden Leute nicht behandelt, weil sie nicht versichert sind und sterben deshalb. Ist das Demokratie? Ich weiß nicht, wie man das ändern kann, aber ich weise darauf hin. Ich singe mir die Seele aus dem Leib dafür. Wenn eine Band so was nicht thematisiert, wer dann? Wir sind keine 22 mehr und haben genug vom Leben gesehen. Deshalb müssen wir auch unseren Mund aufmachen. Es gibt genug beschissene Miley Cyruses auf der Welt.“

Aktuelles Album: Speed Of Darkness (Borstal Beat Records / Cargo)
© 01. Juni 2011  WESTZEIT ||| Text: Claas Weinmann
Juni 2011

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