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JESSE MALIN - Die unergründlichen Wege des Schicksals

Es lief in der letzten Zeit nicht so richtig gut für Jesse Malin. Seine Platten wurden nicht zu Goldminen. Und da darunter auch das Cover-Album „On Your Sleeve“ war, sprudelten auch die Verlagserlöse nicht wirklich. Er zog zu seiner Schwester. Hatte keinen Plan über seinen nächsten künstlerischen Schritt. Er wusste noch nicht mal, ob es überhaupt noch einen weiteren geben würde. Er nahm so ziemlich jeden Job an. Jeden. Darunter war auch ein schräger DJ-Job. Da die Wege des Schicksals unergründlich sind, verwundert es nicht, dass Jesse Malin irgendwann irgendwo irgendeinen traf, der einen Film über J.D. Salinger drehen wollte und dafür Musik brauchte.

Malin, der Fänger im Roggen

und der Knast

„Musik? Sollte er haben. Schließlich war Komponieren ja meine eigentlich Berufung. Und nicht auflegen“, schildert Schnell sprecher Jesse Malin die Wendesituation, „aber Salinger hatte ich zuletzt in der Schule gelesen. Ich kramte das Buch noch mal raus. Das liest du als Erwachsener völlig anders. Ich war so fasziniert, dass ich J.D. Salinger unbedingt kennen lernen wollte. Damals lebte er ja noch.“

Seit Jahrzehnten lebte J.D. Salinger zurückgezogen in einem kleinen Haus in Cornish im US-Staat New Hampshire. Interviews lehnte er beharrlich ab. Zuletzt hatte er 1980 erklärt.

„Ich schreibe für mich selbst, für mein eigenes Vergnügen. Und ich möchte dafür in Ruhe gelassen werden.“

Genau das wollte Jesse Malin nicht, ihn in Ruhe lassen. So brach er nach Cornish auf.

„Ich wollte unbedingt mit ihm sprechen“, ereifert er sich heute, „ich war sicher, das würde eine unglaubliche Inspiration für meine diesbezügliche Musik sein.“

Doch kaum hatte Jesse Malin das Grundstücke J.D. Salingers betreten, wurde er verhaftet und landete im Provinzknast.

„Meine Erklärung, dass ich auf künstlerischer Recherchetour war, wollte niemand auf der Wache hören“, erinnert sich Jesse Malin, „erst auf mein unnachgiebiges Drängen hin haben die Polizisten mich gegoogelt und bei YouTube mein Duett mit Bruce Springsteen gefunden. Gleich danach durfte ich gehen.“



Wieder in Freiheit, kein Film, aber neue Platte

Wenn kein Gespräch mit J.D. Salinger zu zwei Liedern führt, nämlich „The Archer“ und „Lonely At Heart“, ist die Ausbeute nicht schlecht. Doch für den Film wurden sie nicht mehr gebraucht; denn den gibt es bis heute nicht. Und wieder waren es die seltsamen Wege des bereits erwähnten Schicksals, die Jesse Malin und Ted Hutt zusammenführte. Alkohol soll dabei die Rolle des Katalysators übernommen haben. Wenn der Produzent von Flogging Molly oder The Gaslight Anthem, der Ted Hutt ja nun mal ist und ein Musiker, wie Jesse Malin zusammentreffen, wäre es verwunderlich, wenn dabei nicht über eine Platte geredet würde.

„Stimmt, darüber haben wir nicht nur geredet, sondern uns gleich in einem Kellerstudio angefangen zu arbeiten“, bestätigt Jesse Malin, „roh und ungehobelt sollte es klingen. Ich wollte endlich weg vom Stil des Folk-Punk-Trobadours. Sehr viel rhythmischer sollte alles klingen.“

Doch dazu musste eine Band her. Erneut muss das Schicksal den Erklärungszusammenhang liefern. Ted Hutt kannte Musiker und da kannte natürlich jeder mindestens einen, der einen kennt, der auch Musiker ist.

„Ich weiß, dass sich die ganze Geschichte inzwischen ein wenig wie an den Haaren herbeigezogen anhört“, grinst sich Jesse Malin eins, „aber so war es. So kam ich zu meiner neuen Platte ‚Love It To Live’ und zu meiner neuen Band The St. Marks Social und das sind: am Schlagzeug Randy Schrager, an der Gitarre Matt Hogan sowie DJ und Bassspieler ist Tommy USA.“

Doch da war immer noch Platz für illustre Gäste wie Ryan Adams, The Gaslight Anthems Brian Fallon oder Mandy Moore.



Jesse Malins neue Vision vom

Rock’n’Roll

Die Gitarren schneiden in den höchsten Tönen. Aber sie schneiden mächtig scharf. Und manchmal schneller als zunächst gedacht. Angetrieben von snarelastigem Getrommel und grummeligen Bass kann sich Jesse Malins Stimme deutlich grobschlächtiger als bisher gekannt austoben. Doch dabei wird nie das Lied und seine melodischen Struktur geopfert. Es entstehen dabei sogar kleine, wilde Hymnen, wie das Salinger-Besuchslied „The Archer.“

„Ja, wild und räudig sollte es zugehen“, freut sich Jesse Malin über das Ergebnis, „die Platte sollte Freiheit atmen, Energie versprühen, himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt sein, keinen Regeln folgen und die Leute verdammt noch mal aus ihren Sesseln zu Hause katapultieren. Und das alles gleichzeitig. Darunter wollte ich es nicht machen.“

Da kann man dem Mann nur frohgemut zurufen: „Jesse Malin, diese Herausforderung hast du mit Bravour gemeistert!“

Aktuelles Album: Love It To Live (Sideonedummy Records / Cargo)
© 01. Juni 2010  WESTZEIT ||| Text: Franz X.A. Zipperer
Juni 2010

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