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KRISTOF SCHREUF - Keine Haustiere

Seine Band Kolossale Jugend bildete Ende der 80er-Jahre die Keimzelle für die Hamburger Schule, das bisher einzige Album des Nachfolgeprojekts Brüllen aus dem Jahre 1997 ist ein Paradebeispiel für deutschsprachigen Diskurs-Rock. Nun meldet sich der Wahl-Hamburger Kristof Schreuf mit seinem ersten Soloalbum "Bourgeois With Guitar" zurück, auf dem seine eigenen Stücke allerdings nur die Nebenrolle spielen. Im Mittelpunkt des Interesses stehen Interpretationen alter Klassiker, die Schreuf nicht einfach nur covert, sondern zerpflückt, neu kombiniert und oft sogar mit neuen Melodien aus eigener Feder in ein ganz anderes Licht rückt.

“Ich bin nicht nur langsam, ich bin auch gut darin, langsam zu sein”, sinniert Schreuf, inzwischen 47, im Westzeit-Interview über seine rund 13-jährige Veröffentlichungspause, gibt aber auch zu, dass er in den letzten Jahren bisweilen an den eigenen Ambitionen gescheitert ist. So war das zweite Brüllen-Album ursprünglich bereits für 2001 angekündigt (erscheinen soll es nun spätestens 2012), und auch ´Anfänger beim Rocken´, Schreufs Band mit Erzählungen für den Suhrkamp-Verlag, ist immer wieder verschoben worden. Diverse Filmprojekte und eine Platte mit Ingo Koglin, dem großartigen, aber leider oft vergessenen Songwriter der Hamburger Band Licht, kamen ebenfalls kaum über das Planungsstadium hinaus.

“Nach ein paar Jahren habe ich festgestellt, dass ich mich verzettelt habe, weil ich mir zu viel vorgenommen hatte. Das war kein Schock, aber es hat meine Laune nicht unbedingt verbessert”, erinnert sich Schreuf rückblickend.

Der entscheidende Anstoß für ´Bourgeois With Guitar´ kam, als Filmemacher Oliver Schwabe Schreuf vor einigen Jahren bat, für die von ihm konzipierte TV-Dokumentation "My Generation – Der Sound der Revolte" musikalische "Brücken" beizusteuern. Nachdem Schreuf bereits 1997 für eine Compilation des Hamburger Labels Fidel Bastro AC/DCs "You Shook Me All Night Long" völlig eigenständig interpretiert hatte, nahm er sich auch für Schwabes Film alte Rock- und Disco-Nummern vor, um sie neu zusammenfließen zu lassen. Zur Musik des britischen Traditionals "Scarborough Fair" singt er The Whos "My Generation", "Last Night A DJ Saved My Life" kollidiert mit "Don't Let Me Be Misunderstood", und bei "I Feel Love” ist der Übergang von Disco-Ikone Donna Summer zum zartbesaiteten Songwritertum von Christopher Cross fließend. Oliver Schwabe war es dann auch, der vorschlug, die neuen Kreationen auf einer Platte zu verewigen. Was von Schreuf zunächst als Projekt für wenige Tage gedacht war, entwickelte sich im Laufe der Zeit zu einer intensiven Zusammenarbeit mit Produzent Tobias Levin, an deren Ende nun "Bourgeois With Guitar" steht.

“Es kam mir sehr darauf an, keine Parodien zu liefern, und es kam mir auch darauf an, aus diesen Songs, die so viel Kraft und so viel Zauber haben, keine Haustiere zu machen”, erklärt Schreuf seine Herangehensweise.

“Jeder von uns kann sich hinstellen und aus ´Highway To Hell´ ein Haustier machen, indem er das Stück musikalisch verharmlost und sich darüberstellt und zum Chef der Coverversion wird. Mir ging es darum, dass die Kraft und der Zauber erhalten bleiben.”

Auffällig ist, dass die oft wütenden, lauten Originale – sei es ´Search And Destroy´ von Iggy And The Stooges oder Neil Youngs ´Rockin' In The Free World´ – bei Schreuf melancholisch und auf leisen Sohlen daherkommen:

“Wir befinden uns in einer Zeit, in der wir sehen können, ob die Versprechen, die diese Songs gegeben haben, gehalten und eingelöst wurden oder eben nicht. Dafür brauchte es auch einen Ausdruck in der Musik. Deshalb sind diese Songs nicht so fordernd.”

Der Grund, warum Künstler Coverversionen aufnehmen, ist oft denkbar simpel. “Wir mochten einfach den Song”, heißt es zumeist. Da Schreuf bei seinen Versionen bisweilen allerdings nur noch die Texte, manche sagen sogar: Textruinen, stehen lässt, interessiert ihn offenbar etwas anderes.

“Es hilft, das Stück zu mögen, aber das allein genügt nicht. Ich brauche einen Ansatz, es muss mir etwas dazu einfallen, ich muss da irgendwo einhaken können, um zu etwas zu kommen, was ich 'neu' nenne. Denn damit es eine Berechtigung bekommt, überhaupt gemacht zu werden und auf Platte zu erscheinen, muss es neu sein. Neu-Sein ist also nicht das Ziel, sondern die Voraussetzung!”

Während viele heute Covern mit Recyceln gleichsetzen, geht es Schreuf also um Evolution, um die Weiterentwicklung der Originale, um echten künstlerischen Ausdruck – und genau das macht ´Bourgeois With Guitar´ zu einem außergewöhnlichen Album.

Aktuelles Album: Bourgeois With Guitar (Buback/Indigo)
Weitere Infos: www.myspace.com/kristof1schreuf
© 01. Juni 2010  WESTZEIT ||| Text: Carsten Wohlfeld
Juni 2010

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