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THE PICTUREBOOKS - Druck auf dem kreativen Kessel

New York Hardcore, London Calling, Berliner Berghain. Jede Stadt steht für ganz besondere Sounds, hat seine eigene Art und Szene. Und so wie diese Städte pulsieren, so blühen in ihr die kreativen Menschen auf, fahren ihre eigenen Filme und formen die Klangräume dieser Orte und Gezeiten. Eine Band aus Gütersloh muss sich deshalb die Frage gefallen lassen, was sie ebendort eigentlich noch hält. The Picturebooks antworten: Wir und unsere Musik.

Sie wissen, was sie da machen, wohin sie wollen, wie sie es nur so und in gar keinem Fall anders haben möchten. Sie kümmern sich genau deshalb nahezu um alles selbst. DIY, also Do It Yourself, nennt man diesen Ansatz, den man heute in der Generation Superstar-Maschinengewäsch ja fast schon wieder als neue Begrifflichkeit im Musiknebenfach einführen muss.

„Wir machen das alles so gut es geht allein. Und wir sind da auch sehr penibel und perfektionistisch“, beschreibt Sänger Fynn die Marschroute. Vermutlich ist das eine Folge seiner ganz persönlichen Erziehung und Sozialisation, denn Fynn ist – wie es sein Nachname gleich verrät – der Sohn des alten DIY-Hasen Claus Grabke, seines Zeichens Thumb-Frontmann und begnadeter Skater in den 1980er und 1990er Jahren. Aber das wenngleich doch geistesverwandte Generation am Drücker.

The Picturebooks, eine frische Formation aus dem nordrhein-westfälischen Gütersloh und nichtsdestotrotz oder gerade deshalb schon mit vielen Wassern gewaschen. „Artificial Tears“ ist bereits ihr zweites Album innerhalb von zwölf Monaten, in denen das Trio vermutlich 31.536.000 Sekunden miteinander verbracht hat - und den Löwenanteil davon auch noch musizierend. Fynn Grabke, Phillip Mirtschink und Tim Bohlmann sind, wenn sie nicht im Tourbus stecken, in ihrem Übungsraum respektive Studio anzutreffen. Die Frage, ob die Arbeit an ihrem Debütnachfolgewerk schwer von der Hand ging, scheint trotz dieser passionierten Liaison alles andere als unberechtigt zu sein, hatte die Band doch unmittelbar zuvor eine beachtliche Resonanz auf ihr erstes Baby „List Of People To Kill“ eingefahren. Ein Schweigen, ein Grinsen und dann kommt der dreiköpfige Chor: „Nö.“ Aber zum Glück und zur Beruhigung aller Musiker, die sich an jedem ihrer Alben aufreiben, die an ihrem Schaffen oftmals zweifeln und gerne mal mit den restlichen Bandmitgliedern aneinanderrasseln, kristallisiert sich im Gespräch mit den Güterslohern alsbald heraus, dass all das bei ihnen zumindest nicht durchweg lockerflockig von der Hand ging, wie jene knappe Antwort vorgab. Fynn blickt zurück:

„Es war gewiss nicht hart im Studio, in dem Sinne, dass uns irgendwann die Ideen ausgegangen wären. Aber es war natürlich hart, weil es einfach mächtig viel Arbeit war.“

„Ja“, pflichtet Schlagzeuger Phillip seinem Kumpel bei, „es war ein großes Stück harte, aber eben auch eine sehr erfüllende Arbeit. Wir haben ohne Pause und direkt nach dem ersten Album weitergemacht. Wir waren da in einem Rhythmus, hatten so viel Kreativität parat, dass wir einfach sofort weitermachen mussten.“

Unterbrochen wurde der Flow nur durch das permanente Rausfahren. Ständig verließen die drei Anfang-zwanziger ihre Heimat, um in Großstädten oder anderen Käffern live ihren Krach auszurollen. Währenddessen pries die hiesige Presse stolz ihr neues, international vertretbares Vorzeigedebüt, wenngleich im NME-TV schon längst ein Video der Picturebooks rotierte. Die Jungs selbst trieb das alles nur noch weiter raus, u.a. mit Bands wie Millencolin, The International Noise Conspiracy und 65daysofstatic haben sie sich live ausgetobt, aber immer auch ganz straight und fleißig in den vermeintlichen Pausen an der Fortsetzung ihrer eigenen Geschichte geschrieben. Und wie Fynn sagt, kam hier auch eines zum anderen:

„Nach so einer Tour mit Spinnerette zum Beispiel, auf der ich mich vor der Show mit Brody Dalle immer zu Madonna warm gesungen habe, nach Hause bzw. ins Studio zu kommen, war ein großer, cooler Push für uns.“ Derartige Inspirationen und Impressionen, so klein und nebensächlich sie für den Außenstehenden auch erscheinen, müssen Volley genommen werden. Nur so lässt man das Post-Klassenfahrtsloch nicht aufklaffen, nur so kommt man einen Schritt weiter im Leben einer Band. Und dieser positive, permanente Druck auf dem kreativen Kessel war bisher nach jedem Ausflug der drei zu spüren, so dass die Jungs regelmäßig aus dem Tourbus direkt ins Studio fielen - wo sie sich laut eigener Aussage eh 24 Stunden pro Tag aufhalten.

Gab oder gibt es eigentlich andere Projekt oder Bands, in denen sich diese Blutbrüder mal getrennt von einander austoben? Nein - obwohl: Einmal hat Fynn das gemacht, aber eben auch nur innerhalb der Familie, beim Papa in der Band den Bass gespielt. Die beiden anderen waren aber natürlich dabei, als Tourmanager und Merchandiser.

„Wir haben seit Jahren selbst privat auch nicht viel mit anderen Menschen zu tun außer mit uns.“ Dann bitte mal Hand aufs Herz: Auch eine junge Bandeinheit wie diese muss doch irgendwann mal einen emotionalen Tiefpunkt haben, muss mal erschöpft von diesem kreativen Dauerlauf sein, speziell dann, wenn man wieder im morastigen Loch der eigenen vier Wände sitzt.

Bassist Tim schüttelt den Kopf: „So etwas kennen wir nicht. Wir sind eben alle Musikfanatiker. Einmal haben wir versucht, eine Woche lang eine Pause einzulegen. Das ging nicht, nach zwei Tagen waren wir wieder gemeinsam am Werk. Und weil wir eh beste Freunde sind, machen wir so oder so jeden Tag etwas miteinander. Da ruft man sich an, fragt, was der andere gerade macht und was wir zusammen veranstalten könnten. Die Antwort ist immer: ‚Komm, lass uns ins Studio gehen!’ Gütersloh ist nun mal ein kleines Städtchen, da ist nicht viel los, man ist einfach dort und für uns ist im Studiosein schon eine Art Routine, aber eben eine sehr schöne. Wir sind da wie in unserer eigenen kleinen Welt.“

In diesem Kosmos haben die Jungs auch quasi freien Eintritt, ist der Hausherr doch Vater Grabke. Der Proberaum liegt direkt neben dem Studio, was der Band den Luxus beschert, Schlagzeug und Amps kurzerhand rüberzuschieben, sobald eine Idee auch nur ansatzweise aufnahmereif klingt. Bei diesen kurzen Wegen für die direkte Verarbeitung spontaner Ideen ist ein Produzent auch überflüssig wie ein Kropf, wie die jungen Burschen selbst am besten wissen. Glück für sie, dass sie davon noch weit entfernt zu sein scheinen. Denn sie wissen, was sie tun. Und das, obschon da gewisse und auch gewichtige Erwartungen in der Luft schwebten. Bei The Picturebooks drückte es aber mehr im Innern als von außen:

„Die Erwartungen in uns selbst waren hoch, aber genau das ist ja wichtig und auch absolut positiv gemeint. Wir sind immer unter Druck“, erklärt Tim, dem Fynn nur beipflichten kann: „Ja, solch einen Druck muss man immer haben, glaube ich. Man muss für sich selbst und auch gemeinsam diesen Druck aufbauen, weil das am Ende dann heißt, dass man das Beste für die Band herausholt. Wann ein Song dann fertig ist, darüber machen wir uns gar nicht so große Gedanken. Es ist eher ein Bauchgefühl, so wie alles, was wir hier eigentlich machen. Mit dem Bauch entscheiden wir, was fertig ist oder wo noch etwas fehlt.“

Um das Beste hervorzukramen, muss da aber auch etwas in diesen drei Bäuchen herangewachsen sein, ein Sinn und Gespür für Melodien, Strukturen und Attitüden. Und wie so viele Musiker geben auch diese jungen Männer an, dass ihr bewusstes wie aber auch unbewusstes Aufsaugen der verschiedensten Einflüsse essentiell für den Klang und Körper dieses Unternehmens ist.

„Ich bin mit Minor Threat, David Bowie, The Cure, Velvet Underground und Skateboardfahren aufgewachsen, wir sind da alle in etwas reingepflanzt und absolut verwurzelt, auch wenn auf unseren Playlisten natürlich Mozart, Nirvana, Beatles, Sonic Youth, Ideal und Bach zu finden sind.“

Dass bei solch einem einer bunten Input-Palette und dem untypisch undeutschen Sound dieser Band die Presse ihre Phrasenschweine um den Block scheuchen, die quieken, dass diese Band nicht den internationalen Vergleich zu scheuen hat, bewerten die Gütersloher als ein gutes Zeichen und sollte die Hörerschaft als den Sound dieser musikalischen Provinz verstehen.

„Es ist typisch“, so Grabke Jr., „für Bands aus Deutschland, sich den einfachen Weg zu machen, etwas Internationales zu kopieren, also zum Beispiel die deutschen Strokes zu sein. Bei uns ging es nie darum, etwas nachzumachen, sondern auf internationalem Niveau ein Album zu machen, das mit anderen Sachen mithalten kann. In dem Sinne, dass man sich an nichts festhält und kopiert, sondern dass man etwas aufsaugt, aus dem sich – hoffentlich – etwas Neues ergibt.“

Auf die abschließende und ernst gemeinte Frage, ob es heute schon neue Ideen für das dritte Album gäbe, wird genickt: „Na klar, wir sind dran.“

Aktuelles Album: Artificial Tears (Noisolution / Indigo)
© 03. Mai 2010  WESTZEIT ||| Text: Björn Bauermeister
Mai 2010

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