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THE WILDHEARTS - Unzerstörbar

Wilder kann es für The Wildhearts derzeit gernicht mehr werden. Kürzlich erschien das phänomenale „The Wildhearts Must Be Destroyed“, die Band tourte mit The Darkness durch Europa, dann durch die USA und im Laufe des Jahres stehen neben zahlreichen Solo-Shows wohl noch drei weitere Touren dies- und jenseits des Atlantiks mit den britischen Rettern des Rock auf dem Programm. Dieses Attribut könnte man auch gerne auf The Wildhearts anwenden, denn sie wissen, was sie tun und sind dabei ausnahmslos überzeugend. Und das schon seit über zehn Jahren.

Sicherlich haben diese langen Jahre im Geschäft ihre Spuren hinterlassen, und es überrascht ein wenig, dass eine Band, die derart catchy Songs schreibt, so lange als Geheimtipp gehandelt wurde. Gut Ding will Weile haben. Das meint auch Ginger, Sänger und Gitarrist der Band. Gerade vom Amerikatrip heimgekehrt plagt er sich am ersten von zwei freien Tagen mit einem üblen Hexenschuss herum. Und das ausgerechnet an dem Tag, für den sein Umzug angesetzt war, den nun Crew und Freunde unter seiner Anleitung vornehmen. Darüberhinaus musste er vorsorglich den nächsten Gig absagen. „Sehen wir‘s sportlich. Wenn Du in dem Wissen, dass du die Saison trotzdem gewinnen kannst, einen Spieler für ein Match schonst, geht das schon in Ordnung.“ Es steht vieles auf dem Plan, was die Band nun wesentlich ernster sieht als noch in ihren Anfangstagen. „The Wildhearts waren zu Anfang eine reine Übung der Selbstzerstörung, die wie ziemlich perfektioniert haben. Wir haben uns einen Lifestyle angeeignet, von dem wir dachten, dass er einfach zum Rock‘n‘Roll dazugehört, obwohl er dich eigentlich eher umbringt. Das war für ein paar Jahre sehr wild bis wir uns besonnen haben und praktisch von neuem begannen. Jetzt sind wir ein Haufen böser Jungs, die versuchen, gut zu sein.“ Und auch ein Haufen Jungs, der schon daran gedacht hat, die Brocken hinzuwerfen und sein Glück woanders zu suchen. „Man gibt den Bands heutzutage kaum noch Chancen, sich zu entwickeln. Viel zu schnell werden sie ins Rampenlicht gesetzt, und genau so schnell verschwinden sie wieder. Früher gab man einer jungen Band noch Aufbau-Verträge, in denen Studiozeiten und viele Erfahrungswerte, die man unweigerlich sammeln muss, festgeschrieben waren. Das Business ist zu gierig und anmaßend geworden. Sie sehen nicht, das jede Band anders ist und auch dementsprechend behandelt gehört. Uns wurden schon viele Steine in den Weg gelegt, weil wir immer unsere eigene Philosophie durchsetzen wollten. Rockmusik hat eine gewisse Tradition als eine soziale und politische Bewegung, zu der auch das Publikum gehört. Um die Leute zu begeistern braucht es ein Maß an gegenseitiger Loyalität, das man halt nicht kaufen kann. Die da oben rechnen nur noch in Stückzahlen. Es ist schon frustrierend, dass die Bands meist klüger als die Plattenfirmen sind.“ Mit all diesem Wissen und der ganzen Erfahrung dürfte es doch ein Leichtes sein, sich in Zeiten, in denen Rock eindeutig gefordert und erwünscht ist, ordentlich in Szene zu setzen. Aber auch dort gibt es einen Haken. „Es ist viel schwieriger, etwas zu hypen, das schon lange da ist, als etwas gänzlich neues. Das ist ein ganz normaler Marketing-Ansatz. Ein neues Gesicht, ein neuer Name, ein neues Produkt - das ist heiss! So eben auch The Darkness, die zu allem Überfluss auch noch sehr talentiert und richtig gute Musiker sind. Trotzdem sehen sie viele einfach nur als die Band mit den bescheuerten Klamotten und dem Sänger mit der hohen Fistelstimme. Ein solcher Erfolg hätte uns im gleichen Stadium nicht passieren können, da zu der Zeit Grunge das Überding war. Aber warum nur ist etwas neues besser als etwas, das es schon eine Weile gibt und sich offensichtlich selbst perfektioniert hat? Geht man davon aus, dass eine Band mit der Zeit schlechter wird? Unser Erfolg ist eher, dass wir so lange durchgehalten und eine Menge Alben in gleichbleibender Qualität abgeliefert haben, was uns niemand prophezeit hat. Von mir stehen über 150 Songs in den Läden. Wenn das nicht bedeutet, dass der Junge Songs schreiben kann, dann weiss ich es auch nicht.“
Ginger wirkt sehr frustriert über viele Business-Entscheidungen und -Vorgänge, aber es gibt auch nicht viel daran zu ändern. „Viele Dinge sind so einfach, fast schon zu einfach, und trotzdem verstehen die Entscheidungsträger sie nicht. Überhaupt regieren viel zu viele dumme Leute die Welt. Verdammt, ich bin der Sänger und Gitarrist und sollte mich besser nicht so gut auskennen, aber viele Begebenheiten machen einfach keinen Sinn. Wenn du unter Wasser bist - nicht einatmen!“ Dagegen ist die Thematik des Albums wesentlich erfreulicher: Liebe. „In allen Formen und Farben. Und Liebe ist nicht nur „Mann trifft Frau“, sondern noch viel mehr. Aus Liebe entstehen auch Kriege und hält die Welt am Leben.“ Sind denn solche Themen auch für jüngeres Publikum zugänglich? Der Altersschnitt der Darkness-Konzertbesucher dürfte zumindest hierzulande nicht allzu hoch liegen. „Die Kids verstehen uns genau so gut, wenn nicht sogar besser als ältere Leute. Diese hatten die 80er und viel Spaß daran: Koks war in, es wurde viel rumgevögelt, von AIDS sprach noch niemand, usw. Dagegen haben viele Kids das ganze Leben noch vor sich, wollen einfach rocken und haben keinen Bock, sich anzuhören wie andere maulen und sich die Pulsadern aufschneiden. Dahingehend sind Bands wie The Darkness großartige Botschafter und wir bleiben gerne wie Scheisse an ihren Stiefeln kleben.“ Kein schlechte Idee und sicher auch nicht das schlecheste Forum für eine so gehaltvolle Band wie The Wildhearts es unbestritten sind. Mit einem Backkatalog von knapp 10 verschiedenen Alben gibt es Vieles zu entdecken, das einem jeden Fan guter, handgemachter Rockmusik gefallen dürfte. Nicht umsonst geniesst die Band in Großbritannien Underground-Kultstatus, den man ihnen auch gerne hierzulande gönnt. Denn selten hatte eine Band so viel Ohrwürmer und vor allem so viel Herz.

Aktuelle Alben: „The Wildhearts Must Be Destroyed“ und „Coupled With“ (beide Gut Records/ZYX)
Weitere Infos: www.thewildhearts.com
© 06. Mai 2004  WESTZEIT ||| Text: Axel Nothen
Mai 2004

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