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THE WAKES - Zwischen Gestern und Heute

Das die britischen Inseln als Brutstätte von erstklassiger Folkmusik bekannt sind, ist kein Geheimnis. Obwohl in letzter Zeit eher politische Themen die Akzente setzten, keimt nun wieder Hoffnung auf bessere Zeiten auf: Die heutigen Nachrichten bestimmen The Wakes, Schottlands womöglich zurzeit bester Musik-Export. Eine Band, die weiß, welche Kraft Musik in schweren Zeiten haben kann und muss.

The Wakes nehmen selten ein Blatt vor den Mund – was zuletzt wohl öfter gefragt ist, als zu ihren Anfangstagen, wie Sänger Paul Sheridan erzählt.

“Als wir anfingen, haben wir uns thematisch mehr historischen Ereignissen zugewandt, wie zum Beispiel dem Spanischen Bürgerkrieg. Die Message dahinter, die Frage nach der sozialen Gerechtigkeit, dem ´Nein!´ sagen zum Rassismus ist immer noch sehr bedeutsam. Nach einiger Zeit wurde das Thema allerdings sehr aktuell. Die zeitliche Lücke zwischen dem Schreiben, dem Aufnehmen und der Veröffentlichung kann ziemlich lange sein – und trotzdem scheint es manchmal so, als wäre alles eben erst passiert, weil solche Themen gerade in den Medien waren. Ich glaube, mit den Songs des neuen Albums ist das nicht so, aber wer weiß: Vielleicht sind manche dieser Themen eher historisch als die bittere Realität in der wir gerade leben.“

Das Album wurde benannt wie ein großer politischer Song der 70er Jahre, der aus der Feder von Victor Jara stammt.

„Die Übersetzung des Titels birgt den Spirit in sich: Wir werden siegen. Diese Hoffnung auf ein besseres Leben und Jara selbst hat uns sehr beeinflusst. Er war aufrecht bis zum Schluss, als das Pinochet-Regime ein Ende bereitet hat. Das Thema des Songs ist ´Man kann den Träumer töten, aber niemals den Traum.´ Jara war ein solcher Träumer, aber der Traum lebt immer noch.“

Die Träume vieler Menschen, die in den letzten Jahren in Richtung Europa geflohen sind, haben sich bislang leider nicht verwirklicht – ein Thema, das in ´No Human Is Illegal´ deutlich und aktueller denn je zur Sprache kommt.

„Leider haben wir in UK viele Medien und politische Gruppen, die sensationslüsterne Schlagzeilen nutzen und Angstmacherei betreiben, um fremdenfeindliche und unzufriedene Erwachsene zu ihrer Beute zu machen. Selbst die Wortwahl von David Cameron, der den Begriff ´Schwärme´ benutzte, um die Migranten zu beschreiben, war schlecht. Sicherlich sind eine solche Wortwahl und ein paar reisserische Headline nicht allein dafür verantwortlich, dass das Land und die Gesellschaft so gespalten ist, aber es ist Teil des Problems. Am Ende des Tages kommt es auf die Einstellung jedes Einzelnen an.“

Auch zum Brexit und der Europa-Krise hat die Band eine einstimmige Meinung.

„Wir haben für den Verbleib in der EU gestimmt. Ich glaube, viele Menschen haben aufgrund dieser Ängste, über die wir eben sprachen, für den Austritt gestimmt. Schottland wollte drin bleiben und unsere Ministerin Nicola Sturgeon kämpft weiterhin dafür, keine Ahnung, wie das ausgehen wird. Das größte Problem ist ja, dass niemand für den Fall des Austritts vorbereitet war. Diese Feiglinge, die unbedingt raus wollten, hatten keinen Plan, wie all das umzusetzen ist – und siehe da, sie haben alle verlassen, die nun hinter ihnen aufräumen müssen. Wer weiß, wie sich all das auf Reisen, Arbeit, Bildung, Löhne und Urlaub auswirkt...“

In Sachen Sound von The Wakes scheint es bereits einige Auswirkungen gegeben zu haben: Ein bisschen mehr Distortion hier und da lässt die Band etwas rockiger und schroffer klingen – und fast klingt es so, als musste das unbedingt raus.

„Ja, definitiv. Wir haben in den letzten Jahren viel mit Effekten experimentiert und es war eine bewusste Entscheidung, sie so einzusetzen, dass den den Songs etwas hinzufügen. Dieses Album ist auch das Debüt für Connor und Danny an Mandoline und Whistle und wir haben als Band gemerkt, wie gut es sich anfühlt, diese Balance aus Folk und Roll zu schaffen.“

Eine Balance, die ankommt. Mit einer Stimme, die hoffentlich in Zukunft öfter gehört wird.

Aktuelles Album: Venceremos (Drakkar / Soulfood)
© 01. Oktober 2016  WESTZEIT ||| Text: Axel Nothen ||| Foto: Benny Ulmer
Oktober 2016

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