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SLUT - Wie Aliens aus einer anderen Zeit

Den großen Erfolg haben Slut nie einfahren können und bleiben auch mit ihrem neuen Album ´Alienation´ die liebgewonnenen Indie-Helden, die wir seit jeher kennen. Streitereien, Konflikte oder Mitgliederwechsel waren nie ein Thema innerhalb der Band und stehen 2013 ebenso wenig auf der Tagesordnung – stattdessen wird ein Aufbruch, ein Sich-los-machen zelebriert, dass die fünf Bayern musikalisch von ihrer facettenreichsten Seite zeigt: Was daran liegt, dass sich Slut vor Vollendung der Songs überlegten, ein Produzent allein reiche nicht aus, sondern gleich fünf von ihnen sollen ran und die Entwürfe unabhängig voneinander finalisieren.

Ein waghalsiges Experiment und doch passt es zu Sänger Chris Neuburger und seinen Kollegen, denn auf Nummer sicher gehen, das können andere: Wir begreifen ein Risiko als Chance, lautet die Devise nach über 20 Jahren gemeinsamer Geschichte.

Im Grunde führen alle Wege nach Rom. Das lernen wir bereits in der Grundschule und auch Slut können dem kaum widersprechen: Unzertrennbar schienen sie lange von ihrer Homebase Ingolstadt, teilten sich zuletzt aber im bayrischen Bundesland auf und so kam überraschend München als neue Heimat hinzu.

„Nur mein Bruder und ich wohnen noch in Ingolstadt“, erklärt Chris Neuburger den Ortwechsel, „der Rest hat sich Richtung München aufgemacht und dadurch sieht man sich im Alltag weniger, was sich allerdings nicht negativ auf Slut auswirkt, wenn ich an die Aufnahmen für ‚Alienation‘ zurückdenke.“

Geändert haben sich trotzdem ein paar Dinge: Man brauche inzwischen ein, zwei Kaltgetränke mehr, bevor es in die Studioräume zum Musizieren geht und generell benötigen die Fünf mehr Zeit als früher zum Warmwerden. Wie Kollege und Keyboarder René Arbeithuber weiterführend erklärt und betont, dass das überhaupt nicht schlimm sei.

Der Faktor Zeit war es am Ende vielleicht auch entscheidend dafür, dass die Band entgegen der üblichen Herangehensweise mit nur einem Produzenten, gleich deren fünf für die neuen Songs beauftragte – allesamt ziemlich große Geschützte, googelt man ihre Namen kurz und erkennt, welch Stellenwert Tobias Levin, Olaf O.P.A.L., Tobias Siebert, Mario Thaler und der schon für den Vorgänger ´StillNo1´ verantwortliche Oliver Zülch in der deutschen Musikwelt innehaben.

„Die Ideen kam Rainer“, zeigt Neuburger auf seinen Gegenüber und zwingt den Gitarristen zum pflichtschuldigen Nicken, „wir sind älter geworden und du hast nicht mehr Wochen-lang die Möglichkeit dich in irgendein Studio zu verkriechen. Da die Sachen vor der Produktion sehr heterogen klangen, konnte ich mir diesen unkonventionellen Weg eben vorstellen.“

Arbeithuber ergänzt: „So blockst du dir eher das Wochenende und besucht die jeweilige Personen halt dann. (überlegt) Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Wir legten bereits im Vorfeld fest, wer von den fünf Leuten welche Songs übernimmt. Das Gesamtkonzept stimmte aus unserer Sicht und deswegen gingen wir diesen Weg.“

Erstaunlicherweise versalzen die vielen Köche die Suppe überhaupt nicht und lassen „Alienation“ am Ende keineswegs wie eine Compilation klingen – „was wir jedoch nicht wussten, die haben sich die Songs hin und her geschickt, ohne uns darüber zu informieren“, lacht Neuburger und freut sich zugleich, wenn andere sich über das Ergebnis freuen.

Nicht ohne Grund, denn in seiner Vielseitigkeit bestätigt ´Alienation´ die Band einmal mehr: Angefangen bei Gitarrenrock, geht es über verspielte Indietronic bis hin zu sanften Experimenten und doch suchen die Tracks nicht nur das Weite, sondern zeigen auch, wo die Band einst anfing und was sie seit jeher verbindet – die Liebe zur Musik und eine Freundschaft, die darüber hinausragt.

„Würde sich die Besetzung ändern, wären wir wohl nicht mehr Slut und man müsste getrennte Wege gehen. Jeder von uns hat immer darauf geachtet, dass keinerlei Dinge stattfinden, die ihn zu diesem Schritt bewegen.“

Trotzdem vermittelt ´Alienation´ das Gefühl von Aufbruch und einem Los-lassen vom Hier & Jetzt. ´Go on and drive´, heißt es passend im Opener ´Does Anybody Have A ´Roadmap´ und natürlich ist den Machern hinter der Platte bewusst, dass das als Flucht oder Eskapismus gewertet werden kann.

Darum ginge es aber nicht, antworten sie sofort und man glaubt ihnen: Immerhin haben Slut stets gewusst, wie sie die Band manövrieren und was sie mit ihr machen wollen. Die angenehm-sympathische Starrköpfigkeit hat ihnen vielleicht eine Karriere a la Sportfreunde Stiller verwehrt, aber das war auch gar nicht das Ziel.

Slut wollen mit ´Alienation´ keine Berge versetzen, sondern selbst der Fels in der Brandung sein.

Aktuelles Album: Alienation (Cargo Records)
© 01. September 2013  WESTZEIT ||| Text: Marcus Willfroth ||| Foto: Sabrina Weniger
September 2013

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