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TOCOTRONIC - Es ist ein Liebeslied

Nicht gekommen um sich zu beschweren. Tocotronic feiern nach dem 20-jährigem Bestehen mit ihrem neuen Album ein Fest der Liebe und lassen den Groll hinter sich. Ein Wagnis und zugleich konsequenter Schritt für die Band, die einst Trainingsjacke und Cordhose für salonfähig erklärte. Nun wird der Blick auf neue Herausforderungen gerichtet und die ehemaligen Hamburger Musterschüler wissen, dass sie sich damit angreifbar machen:

„Die Liebe als zentrales Thema ist etwas, zu dem jeder eine Meinung hat“, erklärt Bassist Jan Müller und bekommt vom Kollegen, Drummer Arne Zank, ein wohlwollendes Nicken für seine Feststellung. Warum der Weg trotzdem eingeschlagen wurde und weswegen das sogenannte ´Rote Album´ vieles anders macht, erklären die beiden ohne Ausflüchte.

Die Geschichte dieser Band ist vor allem eine des Zuspruchs. Im Prinzip gab es noch nie einen Longplayer aus dem Hause Tocotronic, der an irgendeiner Stelle zerrissen oder madig gemacht wurde. Als Kritikerlieblinge durch die Gazetten geisternd, wagte die Band nun im Studio ein Risiko, dass ihnen diesen Status streitbar machen könnte.

„Als Pop- oder Rockmusiker kann man schnell zu einem Dienstleister werden, bei dem alles berechenbar scheint. Das ist selbstverständlich eine unangenehme Vorstellung. Selbst ein jeweils kompletter Bruch mit dem Vorgängeralbum kann dialektischer Weise zum absehbaren Prinzip werden.“

„Vielleicht ist unsere neue Platte daher nicht eine komplette Veränderung zum Vorherigen, macht aber bestenfalls dennoch deutlich, dass wir neue Herausforderungen suchten.“

Meister der Worte sind Tocotronic nicht nur auf ihren bislang zehn veröffentlichten Alben, auch in Interviews merkt ein jeder Journalist, dass vieles auf Platte zwar leicht klingen mag, sich die vier Mitglieder jedoch über kleinste Detail große Gedanken machen und sich mit Fragen hierzu gerne auseinandersetzen.

Auf eine von vielen - ob es mit der Zeit immer schwieriger werde, Mittel für das eigene Songwriting zu finden - überlegen Arne Zank und Jan Müller ein bisschen länger, ehe sich letzterer an eine Antwort wagt:

„Gerade weil man nach all der Zeit gut aufeinander eingespielt ist, wird die Freude stetig größer sich zusammenzufinden und Sachen auszuprobieren. Natürlich ist dieser Prozess reflektierter und genauer als früher – wo wir die Alben in sehr kurzen Zeitabständen veröffentlichten.“

´Das Rote Album´ wirkt daher komplett durchdacht und zeigt eine Seite dieser Formation, an die im Vorfeld der Veröffentlichung so nicht unbedingt zu denken war: Tatsächlich steht nicht die Abgrenzung von etwas oder das Suchen nach etwas im Mittelpunkt, sondern ein Themenfeld, dass jeder von uns kennt: Die Liebe.

Zugegeben, es handelt sich wohl um das meistbenutzte Thema, dass Songwriter in den letzten Jahrzehnten für sich vereinnahmten. Aber gerade deswegen ist es interessant, Tocotronic bei ihrem Versuch darüber zuzuhören. Kein Groll bestimmt die Texte, vielmehr leben die Songs von einer Zuversicht, die wahrlich überrascht.

Arne Zank: „Dieses Thema hat sich im Laufe der Zeit ergeben, da war nichts von langer Hand geplant.“

Wobei es schon derart schlüssig daherkommt, dass man fast eine ausgiebige Forschung im Vorfeld vermuten hätte – durch die Werke der großen Romantiker. Novalis, Brentano und stellenweise William Blake könnten Pate für das stehen, was wir zu hören bekommen.

„Der Blickwinkel ist ja ausschlaggebend und dieser ist innerhalb der Band nicht einheitlich. Entscheidend ist es vielmehr präzise zu sein um nicht in leeres Gefasel oder Kitsch zu verfallen. Uns war es wichtig, dass sich neben den Texten auch die Musik dem Thema annähert und verschiedene Perspektiven zugelassen werden.“

Was das Ergebnis unterstreicht. Mit mehr Mut zum Pop und Flächen in den Songs scheinen Tocotronic ihre einstigen Vorbilder von The Fall gegen eine Prise Prefab Sprout eingetauscht zu haben.

Zu solchen Vermutungen äußern sich Zank und Müller indes nicht, betonen jedoch, dass es ihnen wichtiger war, etwas Kohärentes zu erschaffen als nur ein weiteres Album abzuliefern. Dieser Plan ist aufgegangen. Beschwerden? Keine!

Aktuelles Album: Tocotronic (Das Rote Album) (Vertigo / Universal)
© 01. Mai 2015  WESTZEIT ||| Text: Marcus Willfroth ||| Foto: Michael Petersohn
Mai 2015

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