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UNKNOWN MORTAL ORCHESTRA - Allein im Schlafzimmerstudio

Die letzte Platte ´II´ war abgetourt und so findet sich Unknown Mortal Orchestra-Mastermind und Multiinstrumentalist Ruban Nielson in seinem Schlafzimmerstudio wieder und fragt sich, wie es kreativ weiter geht? „Dann beginnst du einfach, Dinge auszuprobieren“, erklärt er, „und suchst bis zu dem Punkt, an dem dich etwas besonders fasziniert. Etwas, was du weiter erforschen willst.“

Forschung

Ruban Nielson entdeckt Keyboards und Synthesizer für sich.

„Ich habe alle Klangvarianten mit ihnen ausprobiert, sie permanent wild neu verkabelt und wieder was entdeckt und so mehr oder weniger aus dem Nichts etwas Neues kreiert. Ich habe dabei einen richtigen Forscherdrang entwickelt“, blickt der Tüftler zurück. Dieses Neue ist etwas Wolkenhaftes, etwas Nebelverhangenes. Etwas Werdendes und sich stets Veränderndes. In diesen wabernden Klangsphären verbirgt sich etwas, was auch für Ruban Nielson erst nach und nach Gestalt annimmt. Hat er bei der letzten Platte den Schmerz des Alleinseins geradezu in die Rillen eingraviert, kümmert er sich nun um die Komplikationen der Liebe. Um diese ganz seltsame zwischenmenschliche Beziehung. Und das ist es, was als Thema aus dem Klangnebel hervor steigt.

„Ein gutes Stück darf zu Beginn ruhig ein Rätsel sein. Es muss nicht gleich komplett passen und funktionieren. Es darf sich in Ruhe aus dem Nebel heraus entwickeln“, erklärt Ruban Nielson, „auch erst in Fetzen, in Bruchstücken, die ich dann zusammensetzen.“

War es bei ´II´, dem Vorgängeralbum, das Leid des Alleinseins, das sich wie ein roter Faden durch die Lieder zieht, ist es bei ´Multi-Love´ eine süchtig machende Sehnsucht, die die Stücke prägt. Aber es ist eine Sehnsucht, die sich zwar aus dem Nebel hebt, aber sich dann doch wieder als flüchtig erweist. Ruban Nielson tut alles, um sich ihr zu nähern. Er umgarnt sie mit Pauken und Trompeten, doch sie entwischt. Er nutzt Gitarrensaiten als Lasso, um sie einzufangen. Doch er kriegt sie nicht. Und so bleibt ein musikalischer Flickenteppich zurück, der bunter nicht sein könnte.



Vision

So wird ´Multi-Love´ eine komplizierte musikalische Landkarte über die verzwickte Sache Liebe.

„Manchmal ist es so knifflig, ihr gerecht zu werden, da braucht es dann einfach mal Zeit, sie zu locken, sie zu beschreiben“, gibt Ruban Nielson zu Protokoll, „nur, um dann zu merken, dass man es wieder nicht geschafft hat.“

Dabei spielt er wohl auf sein achtminütiges Gitarrensolo im Stück ´Two Generations Of Excess´ an. Und auf seine Besessenheit in Sachen Liebe. Ganz nebenbei oder eben gleichzeitig nicht nebenbei entwickelt Ruban Nielson seine Vision davon, wie seine geliebte Musik aus den 1960er-Jahren heute klingen soll.

„Eine elektrische Sitar und ihren Klangkosmos hatte ich dabei im Kopf, dann die weiblichen Gesangsparts der Swingle Singers“, fährt er fort, “und ist diese Obsession für einen Klang nicht auch eine Liebschaft?“

Natürlich ist es das! Und vielleicht ist das auch der Grund dafür, dass Ruban Nielson ab und an wie ein Mädchen singt. Ein Blick auf die Besetzungsliste verrät, dass ´Multi-Love´ eine Familienangelegenheit ist.

„Wenn du dich mehr als sieben Monate in dein Schlafzimmerstudio verbarrikadierst und all’ dem bereits Angesprochenen nachspürst, wirst du immer auf dich selbst zurückgeworfen. Das trübt den Blick für die stete Suche, auf der ich war“, sagt Ruban Nielsen, „da bin ich einfach ins Haus gegangen, um mich dort den Möglichkeiten meiner musikalischen Familie zu stellen. So ist mein Bruder am Schlagzeug und am Klavier zu hören. Mein Vater greift zur Trompete und zum Saxofon. Für den Bass hingegen musste ich auf eins der Bandmitglieder von Unknown Mortal Orchestra zurückgreifen, auf Jake Portrait.“

Diese Wahl der Mitmusiker ist auch Ausdruck des Strebens von Ruban Nielson nach Klängen, die nicht so sind, wie gängige Klänge, die allerorten zu hören ist. Das wiederum macht das Album für den Hörer zu einer einzigartigen Herausforderung, der man sich stellen sollte. Auch dann wenn es zeitweise mühsam und verwirrend ist. Tut man es, heißt das noch lange nicht, dass man alle Windungen und Biegungen des Nielson’schen Kosmos versteht. Aber selten hat es ein Album gegeben, das so vor Entdeckungspotential strotzt. Wie gesagt, es ist nicht einfach, aber es lohnt der Mühe.

Aktuelles Album: Multi-Love (Jagjaguwar / Cargo Records)
© 01. Mai 2015  WESTZEIT ||| Text: Franz X.A. Zipperer ||| Foto: Dusdin Comdren
Mai 2015

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