interviews
kunst
artexpo
cartoon
konserven
liesmich.txt
filmriss
dvd
vorlesungs-
verzeichnis

cruiser
agenda
live reviews
stripshow
lottofoon
kontakt
TRAUMZEIT FESTIVAL 2015 - Musikalische Feuer statt Stahlfeuer

Es gilt wieder. Wie jedes Jahr. Nach dem Festival ist vor dem Festival. Und dann kommt die Qual der Wahl. Besuche ich das Festival wegen des Ortes oder wegen des Programms. Möchte ich es groß und rauschhaft, klein und gemütlich. Oder möchte ich einfach eine Traumzeit? Dem letzten Wunsch kann auf hervorragende Art und Weise abgeholfen werden. Die Ruhrgebietsstadt Duisburg hält das gleichnamige Festival bereit: Traumzeit – Festival am Hochofen. Es findet zwischen dem 19. und dem 21. Juni im Landschaftspark Duisburg Nord statt.

Unschlagbarer Ort mit Charakter

Der Landschaftspark Duisburg Nord ist als Festivalgelände und vor allem als Festivalkulisse ein unschlagbarer Ort. Mit dem letzten Abstich an Hochofen 5 endet am 4. April 1985 die Produktion des im massiven Stil der Hochindustrialisierung erbauten Thyssen-Hochofenwerks in Duisburg-Meiderich. Doch dieses Ende ist der Startschuss für etwas Neues, ganz Anderes. Auf dem etwa 200 Hektar großen Areal im Duisburger Norden entsteht ein Landschaftspark, der weder Park noch Landschaft im ursprünglichen Sinn ist. Das Nebeneinander von Industriekultur, Natur und ein faszinierendes Lichtspektakel des britischen Künstlers Jonathan Park machen das Areal des stillgelegten Hüttenwerkes zu einer weltweit einmaligen Landschaftsskulptur. Der Industriebrachen-Park mit den für kulturelle Veranstaltungen hergerichteten früheren Werkshallen hat förmlich darauf gewartet, dass er Festivalgelände wachgeküsst wird. Das Traumzeit-Festival küsst die Ruhrpott-Romantik seit 1997 einmal jährlich in ganz besonderer Weise wach und lässt statt der Feuer der Stahlkocher musikalische Feuer lodern. Die Kulisse aus Stahlkonstruktionen, Kesseln, Rohrleitungen und Schornsteinen zieht einfach alle Besucher in den Bann. Ohne wenn und Aber. Und auch den Künstlern bleibt der Mund offen stehen, sobald die Türen der Bandtourbusse aufgehen.

„Wir spielen oft an Plätzen, die alle gleich aussehen und überall sein könnten. Da tut es richtig gut, an einem Ort mit Charakter zu spielen“, meinte Tom Smith, Sänger der Editors. Von Freitagabend bis Sonntagnacht werden die Kraftzentrale, die Gebläse- und die Giesshalle sowie Bühne am Gasometer zu Klangzentralen.



Forum für Lokalmatadore

„Auf jeden Fall sind es Künstler, die einem Festival zu großer Ausstrahlungskraft verhelfen“, erklärt Programmmacher Marcus Kalbitzer, “das ist beim Traumzeitfestival nicht anders. Aber auch die Lokalmatadore leisten einen wichtigen Beitrag dazu, Publikum anzuziehen. Deshalb erhalten jeden Tag Bands aus der Stadt und der Region ein Forum bei uns.“

Für diese Formationen ist gleich der Eröffnungstag, der Freitag, Großkampftag. Da Hätten wir zunächst die Reggae-Cumbia-Fusion Truppe Banda Senderos. Die neunköpfige Band verbindet mit Eleganz und Feingefühl südamerikanische Rhythmen mit Reggae und Pop und integriert zunehmend elektronische Beats, fette Bässe und Samples. Das Ergebnis ist vor allem eins: tanzbar! Als nächste sind die Paperstreet Empire am Start. Von Tanzwut getrieben, entlocken sie der ganz normalen Bandbesetzung aus Gitarre, Bass und Drums die heißen Takte, die die Sohlen zum Glühen bringen. Sie wissen aber auch, dass die Entspannung und Euphorie davor und die Melancholie und Müdigkeit danach einen Soundtrack brauchen. Es ist auf jeden Fall ein Heimspiel für die Duisburger. Aus Köln reisen Lingby an, die eine poppigen und eine düstere musikalische Seite haben. Sänger Willi Dück ist für die poppige und Keyboarderin Judith Heß die dunkle Seite zuständig. Instrumente, wie Wald- und Flügelhorn bringen beide Seiten zusammen und lassen die Stücke in zeitlosem Glanz erstrahlen. Einen Tag später sind Käpt'n Moby zu hören. Auch sie spielen vor heimischem Publikum und zelebrieren ihren Deutsch-Pop-Rock. Und am Sonntag entern The Atrium mit ihrem hymnischen Pop-Rock die Bühne im Landschaftspark.



Der frühe Riecher des Programm-

machers

Wer als Programmmacher ein Trüffelschwein wie Marcus Kalbitzer hat, der kann sich auf seinen frühen Riecher verlassen. Hat er doch die österreichischen Durchstarter Wanda bereits zu einem Zeitpunkt für das Traumzeit-Festival gebucht, da wussten andere nicht einmal, wie man Wanda buchstabiert. Für ihn gibt keinen Grund, in den Wettbewerb mit den großen Festivals zu treten. Warum auch? Wer es schafft, als Headliner Calexico, Olli Schulz & Band, Sophie Hunger und das Brandt Brauer Frick Ensemble zu verpflichten, der schärft das Festivalprofil. Und die Verpflichtung von Joris, Dotan, Leslie Clio oder Philipp Dittberner ruft das junge Radio 1Live als Präsentator auf den Plan. Das ist auch eine deutliche Wertschätzung der Programmarbeit. Doch neben diesen Künstlern, die man nicht vorstellen muss, gibt es weitere Perlen, die besondere Erwähnung finden müssen, der französische Sänger Talisco, etwa. Was für einen großen Sinn für Romantik er hat, das skizziert sein Hit ´Wish´, der es locker schafft zwischen einer Elektro-Folk Hymne und verträumtem Pop hin und her zu switchen. Auch Heisskalt sollte man nicht aus den Ohren verlieren, sind sie doch eine Band, deren deutscher Hammerrock so heiß ist, dass einer Hochöfen auf dem Gelände mit dieser Energie problemlos wieder Stahl kochen könnte. Über die niederländische Grenze kommen Kensington, die in ihrer Heimat bereits locker Stadien füllen. Der Grund dafür ist die hymnische Ausrichtung ihrer Musik, der es gelingt, einen magischen Moment an den nächsten zu reihen. So kann jetzt schon prognostiziert werden, dass Kensington alle Mitsinger auf ihrer Seite haben werden. Einen besonderen Hinweis ist auch Niels Frevert wert. Bevor der Ex-Nationalgalerie-Sänger im Herbst in die Theater geht und sich nur von einem Pianisten begleiten lässt, dreht e hier noch einmal mit Band voll auf und bringt seine launigen Drei-Minuten-Romane zu Gehör.



Geile Campingatmosphäre

Dass die Örtlichkeit der Star ist zeigt sich auch beim Campingangebot auf dem Steinhallenplatz direkt auf dem Festivalgelände. „Dort gibt es nun deutlich mehr Platz für die Zelte. Hier kann man jetzt morgens aufstehen und sich sofort ins Festival-Getümmel stürzen“, gibt Marcus Kalbitzer bekannt, „der Platz ist zudem auch für Campingbusse oder Wohnwagen geeignet. Camping im Schatten der Hochöfen darf ab sofort wörtlich verstanden werden.“

Natürlich ist sowohl für Möglichkeiten zur Körperhygiene als auch für Speis und Trank gesorgt. Ein dreitägiges Festival mit diesem spannenden Programm und einem Preis-Leistungs-Verhältnis, das seinesgleichen sucht, zieht nun mal deutlich mehr Menschen an, als in der Vergangenheit.

„Da müssen wir einfach dem Rechnung tragen, dass die Leute alle drei Tage in dieser einmaligen Atmosphäre erleben wollen“, fährt der Programmmacher fort, „bisher kommen schon Menschen aus Frankfurt oder von Holland rüber, auch welche, die nicht gleich hinter der Grenze wohnen. Warum sollte es nicht gelingen, auch Menschen aus Hamburg, Stuttgart oder aus Brüssel nach Duisburg zu locken?“

Wer sich in Sachen Traumzeit-Festival ein wenig in den sozialen Netzwerken tummelt, der konnte jüngst dort den Satz lesen: „Hoffentlich kriegen diese Campingatmosphäre im Schatten der alten Industriekultur nicht viele so schnell mit. Es ist einfach zu geil hier.“

Ein schönere Bestätigung der Arbeit aller am Traumzeit-Festival Beteiligten, kann es wohl kaum geben. Und doch würde Marcus Kalbitzer diesen Satz gerne umformulieren. „Es können gar nicht genug Leute mitbekommen, wie toll das Camping-Areal ist. Und bei den Platzmöglichkeiten muss niemand dem Anderen zu nah auf die Pelle rücken.“

Die Zeit für eine Traumzeit ist reif. Und es wird schwer nicht fallen, diese zu erleben, wenn es drei Tage außergewöhnliche Musik in einem einzigartigen Ambiente zu hören und zu sehen gibt.

Traumzeit – Festival am Hochofen (19. - 21.06.2015)

Landschaftspark Duisburg-Nord, Emscherstraße 71, 47137 Duisburg

Weitere Infos unter: www.traumzeit-festival.de

facebook: www.facebook.com/events/348486972018413/
© 03. Juni 2015  WESTZEIT ||| Text: Franz X.A. Zipperer
Juni 2015

Links

suche