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COURTNEY BARNETT - „Reden ist einfach nicht meine Stärke“

Courtney Barnett ist der schlagende Beweis dafür, dass man im Rock’n’Roll nicht das Rad neu erfinden muss, um anders und aufregend zu klingen. Auf ihrem just erschienenen furiosen Debütalbum ´Sometimes I Sit And Think, And Sometimes I Just Sit‘ kokettiert die 27-jährige Australierin musikalisch mit grungy Lo-Fi-Ästhetik und Slacker-Nonchalance und spürt mit ihren herrlich konkreten Texten mitten aus dem Leben das Tiefgründige in Banalitäten auf. Seien wir mal ehrlich: Eigentlich ist weder Courtney noch ihre Musik besonders un- oder außergewöhnlich.

Allerdings erhebt sie genau diese Tatsache zur Kunstform – und begeistert dabei vor allem mit dem Detailreichtum ihrer mit Orten und Namen gespickten Storys. Ihre Cha-raktere fahren nicht einfach nur zur Arbeit, nein, sie fahren mit der Straßenbahnlinie 96, ihre Helden machen auch nicht einfach blau, um rumzuhängen, sie zählen die Verspätungsminuten der Züge und bauen auf der Wiese Pyramiden aus Coladosen, und wenn Courtney in einem Vorort ihrer Heimatstadt Melbourne auf Wohnungssuche geht, dann sieht sie dort mehr als nur Häuser, sie beschreibt Bungalows in Sackgassen mit Doppelgaragen, in denen man zwei Autos parken kann, oder nur eins, wenn man viel anderes Zeug hat, das verstaut werden will ... Wenn sie ihre Geschichten erzählt, dann ist man mittendrin, statt nur dabei. Als Songwriterin ist Courtney voll in ihrem Element. Interviews wie das mit Westzeit vor ihrem famosen Auftritt im bis auf den letzten Platz gefüllten Heimathafen in Berlin Mitte April sind dagegen eher eine Pflichtaufgabe für sie.

„Reden ist einfach nicht meine Stärke“, gibt sie unumwunden zu, nachdem wir es uns in der Sonne auf einer Holzbank im Biergarten des schmucken Saales bequem gemacht haben. „Ich denke über das, was ich sagen möchte, sehr lange nach und drücke es dann in Form von Songtexten aus.“

Dabei entspringen die Texte nicht allein ihrer Fantasie. Vielmehr ist Courtney eine akribische Betrachterin ihrer Umgebung.

„Das Leben ganz allgemein bietet unglaublich viel Raum für Beobachtungen, ganz egal, ob du in einem Café oder Restaurant sitzt oder in einem Flugzeug oder in der Schlange stehst“, ist sie überzeugt. „Überall kannst du dir anschauen, wie sich die Menschen um dich herum verhalten: Jemand wird wütend, ein anderer nickt einfach ein – irgendetwas Schräges geht immer vor sich.“

Seit ihrer Jugend füllt die Australierin Tage- und Notizbücher mit ihren Beobachtungen, doch damit daraus auch Songs werden, braucht es bisweilen etwas Druck von außen.

„Schon in der Schule habe ich immer alles bis auf den letzten Tag aufgeschoben“, verrät sie lachend. Kein Wunder also, dass sie die Songtexte für ihr Debütalbum erst wenige Tage vor dem eigentlich schon lange feststehenden Aufnahmetermin schrieb – und einige sogar erst im Tonstudio fertigstellte. Doch sie mag diese Art der Spontaneität, die sich auch in dem dahingeworfen wirkenden, aber tatsächlich natürlich wohlüberlegten Vortrag ihrer Songs widerspiegelt.

„Ich schätze die besondere Letzte-Sekunde-Energie“, bestätigt sie. „Ich bin davon überzeugt, dass der dabei entstehende Druck eine ganz andere Ecke deines Gehirns aktiviert.“

Der Erfolg gibt ihr recht: Ihre ersten beiden EPs - letztes Jahr auf dem Doppelalbum ´A Sea Of Split Peas´ zusammengefasst - sorgten nicht nur in ihrer Heimat für Begeisterung, und mit dem aktuellen Album erreicht der Trubel um den scheuen Anti-Star von Down under nun ein ungeahntes Ausmaß. Zeit, sich über die Zukunft Gedanken zu machen, hatte Courtney deshalb noch nicht. Ein Problem sieht sie allerdings nicht darin – im Gegenteil.

„Ich habe noch keine Ahnung, wie sich meine nächste Platte anhören wird, aber genau das gefällt mir“, sagt sie bestimmt. „Ich mag es, nicht zu wissen, was als Nächstes passiert!“

Aktuelles Album: Sometimes I Sit And Think, And Sometimes I Just Sit (Marathon Artists / Kobalt / Rough Trade)
Weitere Infos: courtneybarnett.com.au
© 01. Mai 2015  WESTZEIT ||| Text: Carsten Wohlfeld
Mai 2015

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