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MONTREAL - Lecken an Kröten

Nicht nur Kleider machen Leute, sondern auch Namen. Namensagenturen haben herausgefunden, dass Namen durchaus Karriere-Chancen beeinflussen. Demnach haben es Bands mit einfachen, leicht zu merkenden Namen im Business einfacher. Einleuchtend: Wer einen einprägsamen Namen hat, der leicht zu schreiben ist, bleibt besser in Erinnerung. Somit dürfte Montreal, „der Name beruht auf dem Geburtsort unseres frankokanadischen Schlagzeugers Max Power“, ein hervorragender, erfolgsorientierter Name für eine Band sein, die sich parallel dazu in die Liste großer Bands der Pop´n´Rockgeschichte mit Städtenamen wie z.B. Nazareth, Danzig oder gar Laibach einreiht.

Des Weiteren ist das Trio nach Hamburg, Brutstätte intellektueller deutschsprachiger Independentmusik, gezogen. Bis hierher hat das „bereits 1999, sattelfest mit deutschen Texten erst 2003“ formierte Trio augenscheinlich alles richtig gemacht, auch textlich haben Montreal einiges zu bieten, von eigenen desaströsen Bewältigungsstratgegien über zweifelhafte Ehren bis hin zu Bankräuberproblemen wird alles in angenehmer Weise mit Witz und ohne Lippenbekenntnisse behandelt, „ohne dabei allzu abstrakt oder verkopft zu wirken, wie in etwa unserere Nachbarn Tocotronic oder ´Kommilitonen´ der Hamburger Schule“. Eine schöne Tradition des Punkrock wird dabei weiter geführt, knapp gehaltene, verständliche Texte ohne Zeigefingerattitüde, die mehr enthalten als so manche seitenlange codierte Besserwisserei. Generell blickt man über den Tellerand und man merkt textlich, das Montreal sich der schnellen Veränderung der Gesellschaft durch die herrschenden Verhältnisse bewusst sind, was sie auf ihrem am 18.05. erscheinenden vierten Album ´Malen Nach Zahlen´ partiell erörtern und amüsant behandeln. Zwar ist unter dem musikalischen Einfluss von Pop, Stadion- und Collegerock alles schon etwas massenkompatibler als noch beim Vorgängeralbum, aber so ist das nunmal: Nur wer sich ändert, bleibt sich treu. Außerdem gibt es hinreichend Songs die arschtreten. Und dennoch dürfte sich dieses Album in die lange Liste deutschsprachiger Alben einreihen, die vielen Orientierungslosen zwischen 15 und 45 zum treuen Begleiter werden.

„Sicherlich ein Aspekt der daher rührt, dass Malen nach Zahlen jeder kennt“. Wer sich verstanden und nicht auf den Arm genommen fühlt, kann sich irgendwo in den 10 Songs auf diesem Album wiederfinden. Aber können Montreal ihre Songs auch anhand vorgegebener Stich- bzw. Schlagwörter, die nicht die Reihenfolge der Albumtracks wiedergeben, erkennen? Um das zu herauszufinden telefonierte ich mit Sänger Hirsch (heiß ich;-), der am Telefon ´Songraten nach Wortvorgaben´ soll.

1. Morgenfrüh

„Hier handelt es sich um ´Aber Morgen Ganz Bestimmt´. Ein Phänomen und Unding gleichermaßen, nämlich Aufgaben, Erledigungen oder sich bei jemanden melden zu wollen, vor sich her zu schieben und dem eigenen Gewissen einredet: Aber Morgen.bestimmt!“

2. Orgastische-Gemeinschaftsextasen

„Unsere erste Single ´Das Falsche Pferd´. Die tragische Geschichte eines Samstagabends, wo man sich entscheiden muss zwischen einer Party, den Kumpels oder dem Date mit einer Dame. Viele entscheiden sich für das Date und schlussendlich sitzten sie hinterher dann doch alleine Zuhause. Die geheime Message ist, dass Freunde meistens wichtiger sind!“

3. Niete

„Ein Lied von uns? Ähm, de facto kann es nur ´Hauptgewinn´ sein. Eine total fiktive Geschichte um einen Knabe, der sich erhoffte und vorstellte bevor er mit dieser Frau zusammen kam. Und jetzt merkt er oh ha, was habe ich mir da nur ins Haus geholt, als er die rosarote Brille absetzt. So fiktiv nun auch wieder nicht, da es sich auch oft um Anekdoten aus dem Freundeskreis handelt.“

4. Totalausverkauf

Vorletztes Lied ´Wie Kann Man Nur´. Der Versuch eines Spagats, wo es auf der einen Seite Bands gibt, die früher mal besser waren als heute. Auf der anderen gibt’s Fans, die immer nur das erste Album gut finden und alles was danach kommt als Kommerzialisierung betrachten, obwohl das Erste manchmal das Schlechteste ist.“

5. Räuber-Bernd

„Natürlich ´Bernd Der Bankräuber´. Ein Song voller Ironie über aufrichtige Bankräuber aus Tradition, die es in Zeiten perfekter Sicherheitstechnik immer schwieriger haben ihre Brötchen ehrlich zu klauen. Zudem hat Bernd eine Nylonallergie gegen Strumpfmasken.“

6. Eigentümer

„Wahrscheinlich der erste Song ´Ihr Mieter / Feind´. Das habe ich am eigenen Leibe erfahren. Ich hatte in Hamburg acht Jahre lang einen furchtbaren Vermieter. Ich wohnte mit einem Kumpel zusammen dessen Nachname sich nicht typisch deutsch anhört und mein Vermieter meinte nur, was das für ein Landsman sei. Ein Deutscher, wieso? Er müsse ja schließlich auf die Sicherheit der Mitbewohner achten und musste auch tatsächlich zum anchecken antanzen. Letztendlich entwickelte sich daraus eine never ending story.“

7. Aga-Kröten

„Aga-Kröten? Ah, ´Neues Aus Der Hobbythek´! Ein Lied über Drogen und das es immer ausschweifender dahergeht. Rauschmittel verändern, Subztanzen abändern und jene wie Hasch geraten in Vergessenehit. Und natürlich an Kröten lecken. Ich wusste nicht das nur der Schleim von Aga-Kröten einen Rausch verursachen. Deswegen habe ich beim lecken an einer normalen Teichkröte nichts gemerkt!“

8. Leidgeprüft

„Es kann sich nur um ´Mit Leid & Seele´ handeln. Ein scharfes Schwert, was umsichtig und nicht anmaßend behandelt werden will. Wir dürfen ja nicht jammern, da es den Menschen in den Entwicklungsländern viel schlechter geht. Diese Aussage ist gefährlich, einerseits nicht nachvollziehbar und andererseits wem es hier schlecht geht, dem geht es schlecht. Ich kann mir doch nicht einfach das Recht rausnehmen empfundenes Leid zu ignorieren!“

Und verbindet man getreu dem Albumtitel von 1 bis 8 die Anfangbuchstaben der jeweiligen Stichwörter, weiß wer immer Recht behält: MONTREAL

Aktuelles Album: Malen nach Zahlen (Amigo Records / Soulfood)
© 02. Mai 2012  WESTZEIT ||| Text: Georg Lommen
Mai 2012

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