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SLIME - Es wird sich nicht gefügt!

Als wäre 1994 mit dem Tod Kurt Cobains nicht sowieso schon ein musikalisches Scheißjahr gewesen, löste sich zudem auch noch eine der bedeutendsten deutschen Punkbands aller Zeiten mit der Begründung, nun sei alles gesagt, auf. Slime hatten den Soundtrack der Jugend Tausender geschrieben, und eine festen Platz in der Erinnerung eines Jeden, der irgendwann seit 1979 mit Punkrock in Berührung gekommen war, Songs wie ‚Linke Spießer‘, ‚Religion‘ oder auch ‚Alle gegen Alle‘ waren zu Hymnen der linken Szene geworden und sollten es auch bleiben. Die Betrübung allerorts war groß und vergessen wurden Slime nie.

Tja, wie immer stirbt die Hoffnung zuletzt und als hätte die gute Punkrockfee ein Einsehen gehabt, kamen die alten Helden doch wieder: 2010 auf dem Ruhrpott Rodeo lieferten sie solch eine fuminante Show vor tausenden von alten und neuen Fans ab, dass man beschloss, sich wieder zusammenzutun: Mit Sänger Dirk sowie Elf und Christian an den Gitarren sind immerhin noch drei Originalmitglieder mit von der Partie, neu hinzu kamen 2010 dann Nici (bekannt von den Mimmis) am Bass und Alex (u. a. Mimmis, Eisenpimmel) am Schlagzeug. Als man dann Anfang 2012 auch noch die Meldung vernahm, Slime würden nach 18 Jahren wieder mit einem neuen Album aufwarten, konnten viele es kaum fassen: „Sich Fügen heisst Lügen“ vertont Texte des anarchistischen Dichters Erich Mühsam, der 1934 im KZ Oranienburg ermordet wurde

Ihr wart immer für Eure sehr drastischen Texte bekannt: Zwei Songs landeten direkt auf dem Index, gibt es Songs, die Ihr nicht mehr spielen möchtet, weil die Thematik, die sie beinhalten, obsolet geworden ist?

“Einer der Songs, die für uns nicht mehr in Frage kommen ist 'Yankees raus', der Text gefällt uns einfach so überhaupt nicht mehr, er wurde in der Reagan Ära geschrieben und ist uns mittlerweile zu undifferenziert. Wir müssten ihn umschreiben, um den Song weiter spielen zu wollen und das macht für uns auch keinen Sinn. Also lassen wir es einfach!”

Wie war das für Euch nach all den Jahren zum ersten Mal wieder zusammen aufzutreten?

“Wir haben bei der ersten Probe schon gemerkt, dass der Funke sofort wieder übersprang, und wir einfach perfekt miteinander funktionierten. Das allererste Stück war 'Alle gegen Alle' und es hat uns total gepackt, die Freude am Spielen und die Begeisterung wieder etwas zusammen zu machen. Keiner von uns hatte das Gefühl dass seit dem letzten gemeinsamen Auftritt tatsächlich mehr als 15 Jahre vergangen waren.”

Dass Ihr jemals wieder auftreten würdet, hätten sich die meisten Eurer Fans nicht träumen lassen, dass ihr nun auch mit einem neuen Album aufwartet, plättet die meisten wohl vor Glück. Was hat Euch maßgeblich zu dieser Entscheidung bewegt?

“Als wir 2010 zum ersten Mal bei dem Ruhrpott-Rodeo wieder auftraten, waren wir total überrascht von der Begeisterung und Resonanz, die uns entgegenschlug. Wir hatten ja vorher keine Ahnung was uns erwarten würde. Wir wussten natürlich, dass wir innerhalb der Szene einen gewissen Status haben und uns auch einige unserer alten Fans uns immer noch die Treue halten, aber wir hätten nicht gedacht, dass das Publikum so gemischt sein würde und soviele Jüngere, die uns in unserer aktiven Zeit gar nicht erleben konnten, tatsächlich unsere Songs mitsingen konnten, dass wir auch für die eine solche Relevanz haben und unsere Themen sie immer noch umtreibt. Als wir uns dann entschieden haben, wieder regelmäßig zu spielen, war uns auch klar dass wir nicht nur mit unseren alten Sachen auftreten möchten sondern uns auch an etwas Neuen versuchen wollen: Zeitgemäßer und aktuell, weil uns das ja auch immer ausgemacht hat. Tja, und das war dann die Geburtsstunde unserer neuen Scheibe 'Sich Fügen heißt Lügen'.”

Es ist ja fast schon ein Phänomen, dass man Eure Songs auch nach 20 Jahren immer noch in- und auswendig kennt und jedes Wort mitsingen kann. Wie erklärt Ihr Euch diese Nachdrücklichkeit? Eure Thematik war ja größtenteils sehr an das Zeitgeschehen damals gebunden. Würde eine Band wie Slime sich heute auch noch neu gründen oder haben Euch die Missstände von damals mehr berührt?

“Ich glaube, dass viele Leute, die vor 20 Jahren Slime gehört haben, sich immer noch so gut an unsere Sachen erinnern, weil sie damals in einer Lebensphase steckten, in der man Musik anders gehört hat und die Texte einfach ihr Lebensgefühl widerspiegelten. Man konnte den ganzen Tag die gleiche Platte hören, rauf und unter. Hinzu kam, dass man auch von Leuten umgeben war, die die gleiche Auffassung und Attitude hatten und Musik eine große Gemeinsamkeit darstellte. Die Musik war der Soundtrack zu ersten einschneidenden Erlebnissen und das hat sich eingebrannt.. Und was man auch nicht vergessen darf ist, dass unsere Songs auch viel simpler gestrickt waren, die Texte waren einfacher und gradliniger und dadurch auch leichter zu behalten.

Ich bin mir sicher, dass wir uns auch heute wieder neu zusammentun würde, vorausgesetzt, dass wir immer noch so drauf wären, wie wir damals drauf waren: Es gibt ja nicht weniger Missstände als in den 80ern, nur ist man heute einer solchen Informationsflut ausgesetzt, dass man seinen Focus weniger auf einzelnen Katastrophen lenkt und Informationen anders gewichtet. Früher wurden Nachrichten viel mehr gefiltert und darum beschäftigte man sich auch anders mit einzelnen Dingen. Heute sind andere Themen aktuell, wie zum Beispiel die ganzen negativen Nebenaspekte, die das Internet mit sich gebracht hat oder auch die Monopolstellung der Riesenkonzerne, neben den Themen, gegen die wir und schon in 80ern gewandt haben.”

Und nun eine unvermeidliche Frage, die Ihr bestimmt schon tausend Mal beantworten musstet: Was hat Euch damals dazu getrieben, eine Band zu gründen. Was war Eure Hauptinspiration?

“Natürlich waren wir in erster Linie fasziniert von dem Punkrockding, das damals aus England rüberschwappte – oder auch aus Amerika: Meine allererste Platte war die erste Scheibe von den Ramones, weil es die zuerst in Deutschland zu kaufen gab. Was uns anspornte war, war zu sehen was mit ganz einfachen Mitteln möglich war: Man konnte auch ohne jahrelangen Gitarrenunterricht Musik machen, drei Akkorde taten es auch und das war Teil der ganzen Revolution. Das gab es vorher nicht: Davor gab es nur Pink Floyd, Led Zeppelin und Deep Purple, die konnte man nicht einfach mal so nachspielen!”

Mit wenig Mitteln etwas zu erreichen war der Hauptantrieb und dabei noch die Sachen, die Einen bewegten, äußern zu können. Da war Punk wie gemacht für.”

Ihr habt ja immer deutsch gesungen und seid DIE deutsche Punkband schlechthin, während Eure ganzen frühen Einflüsse ja aus England bzw. Amerika kamen. Habt Ihr das nur gemacht, um Euch besser ausdrücken zu können oder war es damals eine Selbstverständlichkeit Deutsch zu singen?

“Wir haben auf unserem ersten Album beides versucht: Die A-Seite war auf Englisch und die B-Seite war auf Deutsch, aber dann haben wir uns nach Auftritten mal mit Leuten unterhielten und hörten raus, dass die deutschen Songs viel besser ankamen. Wir hatten zwar auch in den Englischen Texten durchaus eine Message, aber irgendwie klang es trotzdem immer gestellt und holprig und so Texte wie The Clash sie hatten, kriegt man auch eben auch nur hin, wenn man Muttersprachler ist. Hinzu kam, dass wir auf Demos waren und unser Publikum auch und wir wollten direkt verstanden werden. Diese Übersetzung in eine Kunstkontext gab es nicht.”

Wenn Ihr mal in Eurer Bandgeschichte wühlt: Was war Euer spektakulärstes Konzert? Ich bin mir sicher, davon gab es viele, aber welches ist Euch am prägnantesten in Erinnerung geblieben?

“Eine Show, die ich nie vergessen werde, ist die 2010 im Millerntor Stadion vor 25.000 Leuten, aber das ist natürlich auch noch gar nicht so lange her. Dann war da eins unserer frühen Konzerte: 1980 im Hamburger Jugendknast. Da war schön merkwürdig vor den Jungs dort zu spielen und sich erst mal bewusst zu machen, wieviel Glück man gehabt hat, nicht selber da zu sitzen für all die illegalen Aktionen, die man schon gebracht hatte. Und natürlich 1990 auch wieder im Millerntor Stadion, beim ersten Sankt Pauli Stadtteil-Fest: Dieses Konzert war der Grund, warum wir uns 1990 überhaupt wieder zusammengetan haben, unser Retter-Festival sozusagen. Wir spielten zum Schluss im strömenden Regen 20 Minuten lang und 16.000 Menschen tanzten Pogo und sangen unsere Songs mit. Das war der Beginn der zweiten Phase unserer Band, der Kick uns doch nochmal zu bewegen, nachdem wir sechs Jahre lang schon nicht mehr gespielt hatten.”

Wie sich die neuen Songs live machen, könnt Ihr beim diesjährigen Ruhrpott Rodeo und einigen ausgesuchten anderen Shows selbst rausfinden. Checkt: www.slime.de

Aktuelles Album: Sich fügen heißt lügen (PeopleLikeYou / EMI)
© 03. Juni 2012  WESTZEIT ||| Text: Micky Repkow ||| Foto: Julia Windhoff
Juni 2012

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