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BARBARA MORGENSTERN - Süße Stille (vor dem Tod?)

Die Momente, die kurz vor dem Tod an einem vorbeiziehen, die kurzen Momente der Ruhe – darum geht es in dem Song „Sweet Silence“, den Barbara Morgenstern auch als Titel für ihre aktuelle CD gewählt hat. Sie hat sich nicht verirrt im fernsehtauglichen Pseudopop, sondern ganz bewusst dafür entschieden, sich mit ihrer Musik in der Clubszene wohlzufühlen. Wenn das Publikum denn da mitmacht...

Obwohl, so richtig „technoid in Richtung Wolfgang Voigt oder Villalobos gehe ich nicht. Ich mag die Tracks zwar, bin aber keine ausgiebige Clubgängerin mehr.“

Die Gefahr, dass das Album ignoriert werden könnte, ist weit und breit nicht zu befürchten.

„'Sweet Silence' hat neben dem Flashback-Gefühl im Angesicht des eigenen Todes auch noch etwas Bittersüßes. Ich würde nicht sagen, daß es bis jetzt mein unemotionalstes Album ist. Aber es ist das mit der wenigsten Schwermut. Ich hatte Lust auf unbeschwerte Sachen und wollte einfach nur loszulegen,“ sagt Barbara Morgenstern. Wo man vielleicht Romantik vermuten könnte, legt Barbara Morgenstern ihren Fokus auf eine auch live funktionierende Club-Kompatibilität. Romantisch sind eher die anderen Alben, hier hieß die Devise: etwas weniger vertrackt als die Vorgänger, minimierter vom Sound her, etwas klarer. Dass der Sound etwas kühl wirkt, liegt vielleicht daran, daß der Sound rein digital entstanden ist und es keine analogen Zutaten gibt.

„Das hat sich aus dem Arbeitsprozess so ergeben, weil alles andere für mich nicht diesen Reiz besaß.“

Niemand hat Erfahrung darin, wie Flashback-Augenblicke vor dem Tod sein könnten, wie sie sich anfühlen. Barbara Morgenstern erklärt dann genau, was sie mit diesen Momentaufnahmen meint.

„Im Titelsong geht es mir darum, was zieht am Ende des Tages, was zieht in diesem Moment an einem vorüber. Im Moment der totalen Stille, welche Elemente bleiben über, die einem wirklich etwas Wert sind. Das sind für mich Momente der Ruhe, und das möchte ich vermitteln.“

Da kehrt dann doch eine Variante der Romantik zurück, wenn sie von einem „tief empfundenen Glück in einem ruhigen Moment“ spricht. Die Initialzündung, sich mit elektronischer Musik zu beschäftigen, bestand für Barbara Morgenstern in dem Wunsch, einen eigenen Sound zu gestalten, „weil der Computer die Möglichkeiten bietet, für mich alleine, bietet, die eine normale Band einfach nicht erfüllen kann.“ Damals besaß sie einen Korg M1 und komponierte damit die ersten Stücke. Es folgten Atari und McIntosh, die benutzte Hardware zog sich durch die komplette Musik-Computerhistorie. Was lag näher, als den Begriff ´Do It Yourself´ (DIY) Mitte der neunziger Jahre als kreative Basis zu benutzen?

„'Do it yourself' ist für mich eine Freiheit, überhaupt an die Musik heranzugehen, keinen großen Katalog an Vorwissen im Rücken zu haben, sondern einfach zu machen, sehen was passiert, auch Fehler zuzulassen. Dieses Selbstverständnis ermöglich einen freien, unbelasteten Zugang.“

Trotzdem sieht sich Barbara Morgenstern nicht als ´Frickeltyp´. Sie beschäftigt sich zwar mit dem Sound, aber in Grenzen. Natürlich bastelt auch sie am Endprodukt noch herum und verändert hier die Snaredrum oder da frickelt da am Bassdrum-Sound.

Meistens ist erst die Musik fertig, dann kommen die Texte hinzu. Wie findet sie einen passenden Text?

„Ich sammle einfach Themen, die mich beschäftigen. Meistens ergibt es sich im Arbeitsprozess, im Flow, daß ich merke, welche Musik zu welchem Thema passt.“

Neben den getexteten Stücken taucht ein Titel auf, der als Instrumentalnummer auf dem Album steht: ´Hip Hop Mice´, der etwas nach elektronischer Avantgardemusik früherer Zeiten wie von Moebius-Roedelius oder Cluster klingt.

„Früher habe ich diese Bands nicht gehört, weil ich dafür einfach zu jung bin. Eingestiegen ins Musikhören bin ich erst Mitte der achtziger Jahre mit Bauhaus und New Order. Erst in letzter Zeit habe ich mir auch Cluster angehört, mit Harmonia hatte sogar der von mir geleitete Chor im Berliner 'Haus der Kulturen' einen gemeinsamen Auftritt. Ich komme jetzt eigentlich erst bei diesen Pionieren aus. Ich glaube, daß es jetzt wieder ein Revival um Gruppen wie Neu, Cluster oder Harmonia gibt.”

Um der süßen Stille am Abend eines Tages, am Ende eines Lebens – einstweilen – zu entgehen, bietet sich ein glasklarer Tanz zum Titel ´Jump Into The Life-Pool´ an. Glasklar wegen der Transparenz, und weil die Leichtigkeit der Barbara-Morgenstern-Musik eine feine Prise Entspannung bereithält.

Aktuelles Album: Sweet Silence (Monika Enterprise/Indigo) VÖ: 08.06.
© 01. Juni 2012  WESTZEIT ||| Text: Klaus Hübner
Juni 2012

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