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SURF - Die jungen Männer und das Meer

Zwei Erwachsene, die sich in Taucheranzüge und Matrosenjäckchen zwängen und auf die Namen Joe Tabu und God hören? Alles Show, alles Surf. Hinter der Fassade des ungleichen Pärchens verbergen sich die Dietz-Brüder Florian und Gregor, der eine Mitbegründer der Berliner Wohnzimmerszene, der andere einst einer der ersten Techno-DJs des Landes. Ganz unter dem Zeichen dieser Gegensätze steht auch ihre Doppel-LP, die die Extreme zu einer Einheit verbindet.

Dreh- und Angelpunkt dieser Entwicklung war Joes Wohnzimmer in Ostberlin, das er von 1996 bis 1998 für eine neue Berliner Musikkultur öffnete und schon bald zum Tummelplatz einer ganzen Wohnzimmerszene avancierte. "Die Wohnzimmer-Sache ist nach der Wende und der Technobewegung auf jeden Fall auch ein Stück Berliner Geschichte, das merkt man jetzt erst im Rückblick. Quarks zum Beispiel haben bei uns ihr allerstes Konzert gegeben, Paula und Barbara Morgenstern, Mina und Contriva haben unter anderem dort angefangen. Im Zusammenhang mit dieser Wohnung ist ganz viel neues entstanden. Im Gegensatz zur derzeitig extrem poplastigen Ausrichtung in Hamburg war hier ein Experimentieren mit der Musik möglich und diese Idee haben viele mit uns geteilt."
Nach anderthalb Jahren konnte man in Joes guter Stube an die 80 Gäste zählen, der Höhepunkt war erreicht und God entschloß sich, die Räumlichkeiten zu übernehmen und nunmehr als Produktionsplatz zu nutzen. "Es gab einfach diese Zeit, die war wichtig für die Entwicklung vieler Leute, um sich eine zeitlang ausdrücken zu können, ohne das von außern etwas hinzugefügt wird. Nachdem man seinen eigenen Weg gefunden hatte, kam schnell das Verlangen, aus der Intimität auf die Bühnen zu steigen, um vor einem größeren Publikum zu spielen, aber auch eigene Platten zu produzieren." Die Wohnzimmerära war zu Ende, doch übriggeblieben war ein geradezu familiärer Zusammenschluß von Berliner Künstlern aus den verschiedensten musikalischen Strömungen, die die Brüder bei dem Projekt Surf tatkräftig unterstützen. "Jeder, der uns für die Platte nützlich schien, wurde gleich mit eingespannt. Wir beide sind bisher auch immer in Aktion getreten für die Bekannten, die unsere Hilfe brauchten. Das Verhältnis zwischen den einzelnen Bands ist sehr gut, fast schon zu harmonisch. Man kann sich nicht mal ordentlich miteinander streiten." Friedfertiger geht’s nimmer, denn auch die Tatsache der Verwandtschaft zwischen Joe und God (auch wenn diese rein optisch nur schwer festzustellen ist) lenkte die Produktion von "High Tide & Low Tide" einmütig in die gleiche Richtung. Während God seit den 80ern erst als Acid,- House,- und Techno-DJ, dann als Produzent arbeitete, konzentrierte sich Joe Tabu solo und mit Band auf Gitarrenpop. "Die Idee war, zwei Welten zusammen zu bringen, die trotzdem eine Vergangenheit haben. Und wir glauben zu wissen, wie Popmusik funktioniert."
"Hits der 60er, 70er, 80er und das Beste von heute" ließe sich das Ergebnis treffend betiteln, dabei knüpfen Surf besonders Verbindungen zu den Beach Boys und den Sparks-Brüdern. Dieser Rundumschlag über die letzten 40 Jahre dauerte seine Zeit. Drei Jahre dauerte der Entwicklungsprozeß bis zur Veröffentlichung, wobei nach einem Dreivierteljahr DAS Maleur schlechthin geschah: "Nachdem wir schon sehr viel fertig hatten brannte das Wohnzimmer und mit ihm unser gesamtes Material. Das war extrem hart für uns, aber im Endeffekt doch nicht schlimm, weil dadurch nochmal alles ins Rollen gekommen ist und wir bald wieder eine ganze Menge schöner Sachen zusammen hatten." Und so entstand aus ihrer ersten Zusammenarbeit ganz unbescheiden ein Doppelalbum. "Wir hatten einfach zu viele Titel und wir haben auch nicht das Gefühl, dass ein einziger dabei wäre, der nur zum Anfüllen der LP da ist. Außerdem verfolgen wir damit ja auch eine Struktur. CD 1 ist eher Disco, CD 2 das ruhige Element. Wir wollten die Tracks nicht durcheinander bringen, weil wir gemerkt haben, dass es mehrSinn und Spass bringt, alles geordnet zu hören." Thematisch dreht sich ihre Arbeit ganz um das Begriffsfeld Wasser und Meer. "Wenn wir schon keine Durchgängigkeit im Sound haben und uns aus allen Elementen der Musikgeschichte bedienen, brauchen wir zumindest einen inhaltlichen roten Faden, um die Dinge trotzdem zu verbinden. Das Thema Wasser ist dabei einfach ein guter Begriff, den man von ganz unterschiedlichen Seiten betrachten kann. Man darf "High Tide & Low Tide" aber nicht als Konzept-Album sehen." Auch im Visuellen spielen Surf mit dieser Thematik. Im maritimen Dress machen sie sich in der Öffentlichkeit zu Kunstfiguren und zum Affen. Dabei unterscheidet sich ihr Live-Konzept rein akustisch von ihrer Studioarbeit. Allein schon deshalb, weil sie sich für Konzerte tatkräftigen Beistand gesucht haben. Während Joe an der Gitarre und God an den Keyboards zu sehen ist, werden sie auf Tour von einem Schlagzeuger, von Six-Was-Nine-Sänger Achim Degen (der Tracks wie Soleil und Disco Underwater eingesungen hat) und Miss Megatrance von Joes ehemaliger Band Madonna HipHopMassaker begleitet. "Surf sind definitiv wir beide, trotzdem fügen sich die Leute mit denen wir zusammenarbeiten sehr geschmeidig in das Ganze ein. Im Endeffekt wirken wir auf der Bühne wie eine richtige Poprock-Band, auch wenn wir wie die Wahnsinnigen auf die Bühne stürzen. Es geht vor allen Dingen darum, dass man die Leute unterhält. Das, was auf der Platte musikalisch geboten wird, ist auch auf der Bühne vom Agieren her ein Bedienen aus der Musikgeschichte, wir nutzen Punkelemente oder God führt seinen Breakdance auf. Trotzdem kommt diese Attidüde bei uns erst nach dem Song. Der muß rund sein und sich ständig neu erfinden und soll nicht einfach ein Plagiat sein. Und damit sind wir einzigartig auf unsere Art."
Aktuelles Album: "High Tide & Low Tide" (Columbia/Sony)
© 03. Juni 2002  WESTZEIT ||| Text: Brigitte Ruban
Juni 2002

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