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Mary Gauthier - Schmutziges Feuer

"Philosophen schreiben ziemlich interessante Songs", meint Mary Gauthier nachdenklich, "denn sie predigen nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern stellen statt dessen gute Fragen. Bei der Philosophie geht es nicht darum, Antworten zu finden, sondern Fragen." Und Mary muß es wissen: Die Songwriterin aus New Orleans hat Philosophie studiert – wie viele ihrer Songwriter-Kollegen auch. Nicht, um Antworten zu finden, wie sie bereits formulierte, sondern als Alternative zur Religion, der sie – auch aufgrund ihrer strikten Erziehung - stets skeptisch gegenüber stand.
Darüber hinaus würde sie ihre Musik am liebsten als "Country" im Townes Van Zandt´schen Sinne verstanden wissen. "Townes hat gesagt: Es gibt nur zwei Arten von Songs: Country und Zippedidooda. Ich würde sogar so weit gehen zu sagen, daß Woody Guthrie Country gemacht hat – und zwar in dem Sinne, daß er Songs zu schreiben wußte, von denen Du eine Gänsehaut bekommst." Und das passiert bei Mary´s Songs? "Darauf kannst Du wetten. Wenn ich einen Song schreibe, der bei mir selbst Gänsehaut verursacht, dann kann er so schlecht nicht sein, dann weiß ich, daß er funktioniert. Zum Beispiel "Walk into the Fire", von der neuen Scheibe. Ich weiß immer noch nicht genau, was der Song bedeutet, aber wenn ich ihn singe, läuft es mir kalt den Rücken herunter – er macht mich bibbern. So muß das sein." Mary´s neue CD heißt "Filth & Fire" und beschäftigt sich wieder mit den Außenseitern: Obdachlose, Menschen in heruntergekommenen Motels oder Bastarde – so wie sie sich selbst in dem Song "Goodbye Is My Family Name" bezeichnet. "Ja, der Song ist über mich selbst. Ich bin ein Bastard. Ich bin adoptiert worden und kenne meinen richtigen Namen gar nicht. Und ich bin ständig so viel unterwegs, daß "Auf Wiedersehen" tatsächlich zu meinem Namen dazugehört." Als wir uns das letzte Mal unterhielten, meinte Mary, daß die Tendenz zu den düsteren Seiten des Lebens mentalitätsbedingt Ihre Songs bestimme. Gilt das auch für die neue Scheibe? "Ja – muntere Songs habe ich nicht im Programm. Aber meine Lieder sind bittersüß", sagt sie, "es gibt immer einen Hoffnungsschimmer in meinen Songs – aber nur berechtigte Hoffnung. Ich bin kein Optimist. Ich bin aber auch kein Pessimist. Ich würde sagen, ich bin ein Realist." Der CD-Titel hat übrigens nichts mit dem Sex-Pistols Film "The Filth & The Fury" zu tun, den Mary gar nicht kennt. "Nein, der Titel entwickelte sich so. Das Feuer – auch das aus dem Track "Walk Through The Fire" – ist ein Sinnbild für die Einsamkeit – etwa nach einer zerbrochenen Beziehung – wo man ganz alleine durch muß. Und wenn Du Dir die Texte anhörst - über Leute, die unter Brücken schlafen, oder die in dem versudelten Motel – da gibt´s jede Menge Schmutz. Und deswegen der Titel." Mary´s Geschichten sind es auch, die ihre Songs in der Summe ausmachen. Zwar hat sie erst vor drei Jahren angefangen, professionell Musik zu machen, aber ihr extremer Lebenswandel hilft beim Songwriting. Ihre Lieder sind im Süden angesiedelt: In New Orleans, zum Beispiel, ihrer Heimatstadt, in der sich Musik, Religion, Voodoo, soziale Konflikte und scharfes Essen zu einer brisanten Melange vermischen, in Rotlichtmilieu von Baton Rouge, daß mitten in einer von Chemikalien verseuchten Industriegegend liegt und natürlich irgendwo auf der Straße dazwischen. Ihre genaue Beobachtungsgabe und das Wissen um die Lebensumstände ihrer Charaktere ermöglichen es ihr, mit Material aufzuwarten, daß berührt, fesselt und genügend Tiefe besitzt, um vergleichsweise banale Songs zu intensiven Dramen zu machen. "Musikalisch denke ich sehr einfach", gibt sie zu, "ich bin kein Virtuose, ich kann nicht Tanzen, ich bin keine Entertainerin. Aber: Ich bin eine Geschichtenerzählerin. Deswegen sind meine Texte auch das Wichtigste in meinen Songs. Wenn man diese nicht verstehen kann (und die kleinen Stories, die sie zu ihren Songs live erzählt), dann kann man keinen Zugang zu meiner Musik finden, dann kann ich Dich nicht unterhalten." Und wie entstehen die Songs? "Ich muß sehr hart an einem Stück arbeiten. Es fällt mir auch jetzt noch nicht leicht", überlegt sie, die ihr Songwriting durch "learning by doing" entwickelte, "und ich muß nüchtern sein. Ich kann nicht mehr trinken." Wie sie in mehreren Songs andeutet, hat Mary dem Alkohol zeitweise stark zugesprochen. "Manchmal wünschte ich mir, ich könnte ein Glas Whisky trinken, weil das so schön relaxed. Aber ich kann es nicht kontrollieren und deswegen lasse ich es lieber. Manche Songwriter können schreiben, wenn sie trinken. Ich kann es nicht." Was ja auch nicht Not tut. Auch ohne Alkohol-Einfluß füllen die Songs von Mary eine Lücke, die der selige Townes ´97 hinterlassen hat. Für alle, die gutes Songwriting mit sozialer Komponente lieben, ist Mary Gauthier die Stimme, auf die sie in Zukunft achten sollten.
© 01. Juni 2002  WESTZEIT ||| Text: Ullrich Maurer
Juni 2002

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