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FLORIAN GLÄSSING - Rastlos

Letztes Jahr ging Tom Liwa mit seinem ambitionierten Album "Evolution Blues” neue Wege, weg vom reinen Singer/Songwriter-Pop, der ihn nach dem Ende der Flowerpornoes ausgezeichnet hatte, hin zu einer experimentelleren Art seiner typischen Poesie. Nun macht er mit seinem Protegé Florian Glässing für das Album "Lopnor" gemeinsame Sache, und das Ergebnis klingt wesentlich traditioneller. Liwa hatte schon 1997 das leider nie veröffentlichte Debutalbum von Glässings Band Himmel produziert und für seinen eigenen Solo-Erstling Glässings großartiges "Zuhause" gecovert. Die jetzige Zusammenarbeit, in kurzer Zeit und vergleichsweise spontan entstanden, ist häufig auf zwei Stimmen und zwei Gitarren beschränkt.
Für Glässing ist es die erste größere Veröffentlichung, nachdem er bisher vor allem im Windschatten von Tom gefahren ist. Dass er bislang nie gleichberechtigt mit Tom war, sieht er dennoch nicht als Problem. "Das ist okay, denn das ist im Prinzip meine einzige Basis. Alle Kontakte, die ich habe, laufen über Tom, und die wenigen, die nicht über ihn gelaufen sind, verliefen im Sande, als sich Himmel aufgelöst haben", sagt er beim Treffen mit der WESTZEIT vor dem Liwa/Glässing Konzert im Essener Grend. "Trotzdem bin ich froh, dass wir auf dieser Tour nun vom Bühnenbild und den Postern her zum ersten Mal gleichberechtigt nebeneinander stehen. Vielleicht wäre es ja jetzt Zeit für den Absprung? Allerdings muss ich zugeben, dass ich auf Tom immer noch extrem angewiesen bin." Apropos Absprung: Wie groß war der Einschnitt durch die Auflösung von Himmel?

"Ziemlich groß! Vielleicht gar nicht so vom Musikalischen, aber auf jeden Fall vom Persönlichen her. Ich hatte zwar schon immer das Gefühl, dass ich den größten Teil zu der Musik beigetragen habe, weil ich die Songs ja alleine für mich geschrieben habe. Aber es war halt eine richtige Band, in der wir auch die Arrangements gemeinsam gemacht haben, und deshalb war auch der Teil, der von Lars - dem zweiten Gitarristen, der dann ausgestiegen ist – kam, essentiell. Das hat den Songs noch mal etwas gegeben, das jetzt nicht mehr in meiner Musik ist. Ich habe danach auch ewig lange keine Songs mehr geschrieben. Ich habe – gerade auch in Berlin - probiert, mit anderen Leuten zusammenzuarbeiten, aber das kam nie an Himmel dran." Das klingt so, als wären Glässings – fast möchte man sagen – ständigen Ortswechsel einer der Hauptbezugspunkte für seine Musik. "Ja! Was in meinen Songs noch viel mehr drin ist als in denen von Tom ist diese – in Ermangelung eines besseres Wortes - Heimatlosigkeit. Ein Ort wie ein Zuhause gibt es im Moment für mich noch nicht, da gibt es ja auch den Song dazu [das bereits erwähnte "Zuhause"]. Das ist aber etwas, nach dem ich mich sehr sehne und was ich jetzt auch in die Hand nehmen muss. Ich denke nämlich schon, dass es für die Songs wichtig ist, dass man eine Basis hat, einen Ort, an dem deine Quellen sind. Darauf hat ja auch Tom immer sehr geachtet. Diese Verlorenheit und Entwurzelung steckt aber in der Musik ziemlich drin. Das ist wahrscheinlich ein ziemlich starker Motor für mich." Und genau das macht "Lopnor" ebenso interessant wie seltsam. Glässing ist – sprachlich wie gesanglich - hörbar von Liwas alten Mitt-90er Kreationen beeinflusst, und der wiederum versucht, Neues auszuprobieren, um nicht wie seine eigene Kopie zu klingen. Und das funktioniert mit Songs wie "Kathleen In Grün" ausgezeichnet, während Glässing mit Stücken wie etwa den neu-interpretierten Himmel-Songs "Ich Mache Musik" und "Fingerabdrücke" einen Platz in der ersten Reihe der deutschsprachigen Songschreiber für sich beanspruchen darf.

Aktuelles Album: "Lopnor" (Normal Records/Indigo)
© 01. Juni 2002  WESTZEIT ||| Text: Carsten Wohlfeld ||| Foto: Stefan Claudius
Juni 2002

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