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FEHLFARBEN - Nine to Five-Punkrocker

Instanz oder Rockopis? In den heutigen Zeiten der inflationären Reunions und Rentenaufbesserungsversuchen im Punkrockgeschäft ist man bei der Beantwortung dieser Frage berechtigterweise vorsichtig geworden. Auch Peter Hein und seine Fehlfarben ziehen (nicht zum ersten Mal) nach und legen ein neues Album vor. Mit dem „Handbuch für die Welt“ zeigen sie aber, dass sie auch nach fast drei Jahrzehnten anders geblieben sind.

Auf seinem etwas zerknitterten Hemd ist ein buntes Rennauto abgebildet und seine Buntfaltenhose ist Teil eines grauen Ballonseidenanzugs. Was in der Nacherzählung an ein typisch verschwitztes Miami Vice-Outfit erinnert, trägt Peter Hein. Fleißig und gefällig steht der Sänger den ganzen Tag lang Rede und Antwort über sich und seine Fehlfarben.

„Ich bin übrigens Peter. Wir sind ja in einem Duz-Geschäft, in dem das Alter schon längst keine Rolle mehr spielt.“

Recht hat er, der sowohl als Punk-Pionier wie auch für manch einen als Punk-Verräter in dieses Geschäft involviert ist; egal ob mit Mittagspause, Fehlfarben oder Family 5. Aber berühmt berüchtigt ist er nicht zuletzt auch deshalb, weil er sich für längere Zeitabschnitte auch konsequent aus diesem Musik-Morast zurückgezogen hat. Genau genommen sogar ziemlich schnell. Vom britischen Ska-Punk musikalisch wie auch politisch sozialisiert, gründete er mit fünf weiteren Gleichgesinnten 1979 die Fehlfarben. Was viele aus dem Buch oder dem Film „Verschwende Deine Jugend“ nur kennen, haben die Fehlfarben miterlebt und mitzuverantworten: Der Punkrock wurde in Deutschland zu einer Jugendbewegung, mit Startpunkt Düsseldorf. Fehlfarbens Debüt „Monarchie und Alltag“ legte letzen Endes den Grundstein für die NDW und das auch heute noch jedem bekannte, für Fehlfarben zur damaligen Zeit eher unrepräsentative „Ein Jahr (Es Geht Voran)“ wurde von der Plattenfirma als Single ausgeschlachtet. Hein verließ die Band bereits kurz nach dem Debütrelease, kehrte bewusst den Punk- und Rock ’n’ Roll-Klischees den Rücken und hing die Lederjacke an den Nagel. Er widmete sich der für den Punker doch so untolerierbaren Lohnarbeit bei einem Druckerkonzern.

Fast zehn Jahre nach Heins Ausstieg bei Fehlfarben und Eintritt in das vermeintlich biedre Leben versuchte man mit „Die Platte des himmlischen Friedens“ eine erste Reunion in Originalbesetzung. Dieser Versuch scheiterte kläglich, denn „speziell von denen, die ein paar Jahre später „Old Nobody“ von Blumfeld feierten, wurden wir erbärmlich niedergemacht.“ Am Zeitgeist um ein paar Jahre vorbeigeschrammt, könnte man sagen. Wiederum fast ein Jahrzehnt später war dieser Geist dann aufseiten der Fehlfarben. Mit „Knietief im Dispo“ lag man 2002 mitten in einem großen NDW-Revival-Hype, was ein mit hochkarätigen Gästen gespicktes Jubiläumsalbum wie „26 ?“ vor einem Jahr erst möglich machte. Ist das aber noch Punkrock oder Rentenprophylaxe?

Welche Bedeutung hat die Musik im Leben eines Peter Heins denn heute noch, eine Generation nach der Initiierung einer Jugendbewegung?

„Ich habe ein Interesse an ihr. Musik als meine Leidenschaft zu bezeichnen, klingt mir zu dramatisch. Denn wenn es mal nicht läuft, läuft es halt eben nicht. Genau deshalb steckt man ja auch manchmal in solchen Phasen, in denen man ein paar Jahre lang einfach keine Platten machen kann. Das ist zwar nicht sehr lustig, aber so etwas kommt vor.“

Nun gibt es das „Handbuch für die Welt“, die erste Fehlfarben-Platte, die heißt wie ein Stück auf ihr. Derartiges hätte es übrigens früher im politisch korrekten, immer abstrusen Fehlfarben-Anti-Kosmos nie gegeben, die Platte nach einem Song auf eben dieser zu benennen.

„Warum? Weil man so etwas damals einfach nicht machte; genauso wie Fotos mit der kompletten Band. Wie du siehst, waren wir schon immer eine seltsame Band. Aber genau diese komischen Sachen macht man heute eben nicht mehr, sondern scheißt auf sie.“

Letzteres tun sie auch auf das, was heuer musikalisch gefragt und erbeten ist. Sie klingen ungehobelt und Heins Texte bieten genauso viele Identifizierungspunkte wie Interpretationsspielräume. Und schlussendlich kommt Peter dann doch noch mit der Leidenschaft um die Ecke:

„Natürlich ist Musik auch mein Lebensinhalt. Sie ist das, was ich immer machen wollte. Aber um sich das leisten zu können, muss man manchmal neben ihr arbeiten.“

Die Ablenkung vom Punkrock im biederen Nine to Five-Job und das Eintauschen der Nieten auf der Jacke in Rennautos auf dem Hemd, sprechen eine eindeutige Sprache: Peter Hein und seine Fehlfarben sind anders geblieben. Und nicht zuletzt deswegen eine Instanz!

Aktuelles Album: Handbuch für die Welt (V2)
© 01. Mai 2007  WESTZEIT ||| Text: Björn Bauermeister
Mai 2007

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