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MESSER - Nie stromlinienförmig glatt

Werkzeuge und Waffe gleichzeitig - das kann ein Messer sein. Geschliffen und scharf sollte es in jedem Fall sein. Für die Münsteraner Band Messer trifft alles zu. Geschliffen und verschärft kommen die Klänge daher und scharfzüngig die deutschen, sehr bildhaften Texte, die zudem vor Poesie strotzen. Alle möglichen Wurzeln und Einflüsse hat man ihnen schon angedichtet, von Rio Reiser über Can bis hin zu Siouxsie & the Banshees.

„Dabei habe ich mir noch so viel aktuelles Zeug gekauft, wie momentan. Gerade 2013 ist in dieser Hinsicht ein tolles Jahr, beispielsweise steht die Musik von Dirty Beaches ganz oben auf meiner aktuellen Liste “, lacht Frontmann Hendrik Otremba, „obwohl ich den bewahrenden Archivar der Vergangenheit in mir auch nicht verleugnen kann.“



Kein Sänger mit einer Band hinten dran

Ganz egal welches Erbe hier angetreten wird oder ob Messer es nicht lieber ausschlagen, musikalische Geschlossenheit ist bei der Band oberstes Gebot.

„Messer ist nicht einfach ein Sänger mit einer austauschbaren Band hintern dran“, versichert Hendrik Otremba. Und damit hat er eindeutig recht, schließlich ist von Beginn an die musikalische Geschlossenheit so klar hörbar, dass sie fast physische Dimensionen annimmt.

„Dazu arbeiten wir auch hart“, stellt der Frontmann weiterhin fest, „und vor allem gemeinsam. Und dabei kultivieren wir besonders die instrumentalen Persönlichkeiten aller Beteiligten. Ich bin sicher, es gibt keine Band, die von so einem Bass angetrieben wird, wie Pogo McCartney ihn spielt und das Schlagzeugspiel so akzentuiert, wie Philipp Weynberg. Oder schließlich die unübliche, originelle Art und Weise, wie Pascal Schaumburg seine Gitarre einsetzt.“

Die Kombination, die macht exakt den Unterschied. Es gibt zwar das Streben nach völliger Geschlossenheit innerhalb der Band, nie aber das nach völliger Perfektion. Denn es sind genau die scharfen Kanten, die rauen Ecken, die den Charme vom Messer’schen Klangkosmos ausmachen.

„Wir suchen geradezu das Unperfekte, das Fehlerhafte und Brüchige in der Musik; denn das zeichnet das Schaffen von menschlichen Wesen nun mal aus“, weiß Hendrik Otremba. Diese Eigenheiten von Messer wirken auch nachhaltiger als einfach verbal heraus geschriene Wut. Weil sie beim Hörer den Stücken gegenüber die Neugier provozieren, die Messer beim Schreiben der Lieder angetrieben hat. Ist diese Entdeckerlust erst einmal geweckt, wird schnell klar, wie zeitlos und überraschend die Messer-Musik ist.



Drei stabile Standbeine

Die Messerklänge zeichnen sich dabei durch drei stabile Standbeine aus. Eins davon steht zweifelsohne in der Vergangenheit.

„Da sind wir als musikalische Generation heute privilegiert - verglichen mit den Künstlern der frühen 1960er-Jahre - wir können inzwischen auf eine Rock-geschichte zurückblicken und uns davon inspirieren lassen“, stellt Hendrik Otremba eine überaus bemerkenswerten Zusammenhang her, „wichtig ist nur, sich dazu durch bewusst getroffene künstlerische Entscheidungen zu verhalten. Einfaches Kopieren wäre unsere Sache jetzt nicht.“

Damit hat er schon das Standbein ins Spiel gebracht, das der Gegenwart.

„In der arbeiten wir und entwickeln unsere Stücke und natürlich bringt auch die Gegenwart Künstler hervor ,zu denen wir uns genauso verhalten“, fährt er fort. Auf dem Hintergrund beider genannter Standbeine kann eine freigeistige Band wie Messer auch Visionen für die Zukunft entwickeln, wo das dritte Standbein steht.

„Was uns antreibt - ganz egal in welche der Zeiten wir blicken - ist die Herausforderung, die persönliche Handschrift nie aufzugeben, sich nie stromlinienförmig glatt zu machen“, schließt Hendrik Otremba das Gespräch, „und dann ist völlig egal, wie viele Anteile Vergangenheit, wie viel Gegenwart und wie viel Zukunft in unseren Stücken enthalten ist.“

Permanentes Weiterdenken, gepaart mit einer riesigen Portion Neugier, dass dürften die spannendsten Parameter sein, die hoffentlich noch lange Messer-Musik durchwirken. Die Chancen stehen bestens.

Aktuelles Album: Die Unsichtbaren (This Charming Man Records / Cargo Records)
© 01. Dezember 2013  WESTZEIT ||| Text: Franz X.A. Zipperer
Dezember 2013

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