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IRMIN SCHMIDT - Material aus der Lebenswerkstatt

Der Preis war noch heiß wie der Cappuccino, den Irmin Schmidt in Köln zum verabredeten Interviewtermin am Tag der Deutschen Einheit bestellte. Nur wenige Stunden vorher war er für seine Musik zum Krimi „Mord in Eberswalde“ (Regie: Stephan Wagner) durch die Deutsche Akademie für Fernsehen, die erstmals Leistungen im deutschen Fernsehen ehrte, ausgezeichnet worden. Dieser Preis war nicht sein erster, bereits 1963 erhielt er während des Dirigentenstudiums den „Folkwang-Leistungspreis“ und ein Jahr später den ersten Preis des Mozarteum Salzburg im Kurs von Istvan Kertesz. Trotzdem sei eine Preisverleihung für den Künstler immer wieder eine schöne Geste, sagte Irmin Schmidt, der „in der Pop-Welt zusammen mit CAN den Preis für das Lebenswerk“ bekommen hatte. „Man freut sich unbedingt, weil es auch ein Teil der Anerkennung ist, die man sich wünscht und die herzlich willkommen ist.“

Der eigentliche Anlass des Gesprächs mit CAN-Gründer und Solokünstler Irmin Schmidt war ein anderer: Spoon Records veröffentlicht am 1. November die Compilation ´Villa Wunderbar´, eine Doppel-CD mit einer Auswahl aus dem Solowerk Schmidts und einem Überblick über seine Filmmusikarbeiten.

„Es gibt ein ziemlich umfangreiches Oeuvre nach CAN von mir“, sagt Schmidt, der von 1957–64 an den Musikhochschulen in Dortmund, Essen, Salzburg und Köln studierte. „Es geht bei der Compilation um das, was ich nach CAN gemacht habe. Es gab mehrere Soloplatten, weil ich aber nur zuweilen ganz einsam arbeite, habe ich auch einige Alben im Duo mit anderen eingespielt. Zum Beispiel das erste Album nach CAN mit Bruno Spoerri.

Das Album heißt ´Toy Planet´ und erschien 1981. Auf vielen meiner Soloplatten spielen auch Jaki Liebezeit und Michael Karoli mit. Das ist die eine Welt. Die andere zeigt sich in den Aufnahmen zu 'Gormenghast' oder in Ballettmusiken. Da ich sehr eng mit Wim Wenders zusammengearbeitet habe – wir sind Freunde und sehen uns, wenn ich in Berlin bin – hat er den größten Teil der Auswahl des Filmmusikalbums getroffen. Meine eigene Auswahl zeigte meine unkommerziell-bösartige Seite. Eigentlich war es die Idee meiner Frau Hildegard, die CAN-Managerin war und das Spoon-Label in der Hand hält, Wim Wenders wegen einer Auswahl zu fragen. Es stellte sich heraus, dass seine ziemlich anders war als meine. Er hatte Recht: seine ist schöner, runder und nicht so experimentallastig wie meine.“

So ist es Wim Wenders zu verdanken, dass die zweite CD den Soundtrack zu ´Messer im Kopf´ von Reinhard Hauff (1978) und ´Es ist nicht aller Tage Abend´ von Herbert Wolfertz (1984) sowie die Titelmelodie zur TV-Serie ´Rote Erde´ von Klaus Emmerich (1983/1986) enthält. CAN als historisches Phänomen und Wegbereiter eines unverwechselbaren deutschen Beitrages zur Rock- und Elektronikmusikgeschichte ist oft und ausgiebig gewürdigt worden. Dass bei der jüngsten Spoon-Veröffentlichung das Solo- und Filmmusikwerk von Irmin Schmidt im Zentrum steht, zeigt exemplarisch, wie seine Musik nicht nur das Genre Film sondern Musikentwicklungen wie New Wave, Elektronik oder Space Rock infiltrierte. Mit „Alice“ und „Last Night Sleep“ enthält „Villa Wunderbar“ zwei unveröffentlichte Remixe von CAN-Stücken aus Irmin Schmidts Hand sowie einen Ausschnitt aus seiner Ballettmusik „La Fermosa“ für Youri Vàmos „Bêtes De Passage“. „Das Album enthält eine gute Balance zwischen avantgardistischen und versöhnlichen Arbeiten. Das ist Wim zu verdanken, der auch in den liner notes darüber sehr Kluges geschrieben hat.“

Im Gegensatz zu CAN besitzt Irmin Schmidt kein Archiv von unveröffentlichter Musik.

„Ich arbeite anders als CAN. Bei mir lief es immer so ab, dass ich erfunden, gespielt, experimentiert habe. Da nur eine begrenzte Anzahl von Stücken auf eine Platte passt, blieb manches übrig. War wir jedoch bei der nächsten Platte angekommen, hatten wir ganz andere Ideen und das Alte passte nicht mehr dazu. Das sich dadurch vergrößernde Archiv habe ich als Basis für ´The Lost Tapes´ genommen.“

1970 erschien auf dem Spoon-Label die zweite Platte von CAN namens ´Soundtracks´. War das schon ein Weg hin zur Filmmusik?

„Es war eher umgekehrt. Ich habe die Filmmusik zu CAN gebracht, weil ich vor der Existenz von CAN schon Filmmusik geschrieben habe. Während meines Studiums an der Folkwang-Musikhochschule habe ich am Bochumer Schauspielhaus dem Chefkomponisten für Bühnenmusik, Dieter Schönbach, assistiert und mit ihm die Musik für die Bühne erarbeitet und später selber Theatermusik komponiert.“

Aktuelles Album: Villa Wunderbar (Spoon / Rough Trade) Vö: 01.11.
© 01. November 2013  WESTZEIT ||| Text: Klaus Hübner ||| Foto: Steve Gullick
November 2013

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