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SCHANDMAUL - Intolerant gegen Intoleranz

Der Einfallsreichtum des Münchner Sextetts erscheint ´Unendlich´: Nach dem just veröffentlichten Rückblick auf 15 Bandjahre kommt im Januar endlich das achte Studiowerk in den Umlauf, bevor in 2014 das Schandmäulchen Premiere feiert! Am 30. / 31.08. gab es am Kölner Tanzbrunnen zwei Jubiläumskonzerte, die im ausverkauften Areal vor jeweils circa 12.000 Fans zelebriert worden waren. „Am ersten Tag präsentierten wir unsere Songs mit Orchester. Das Publikum genoss diesen Klassikabend andächtig, in Ruhe, teilweise mit geschlossenen Augen. Tags darauf gab es dann das Gegenteil. Die Leute rasteten aus, tanzten, schrien...“

Schandmaul-Sänger / Multiinstrumentalist Thomas Lindner (Klavier, Akkordeon, Akustikgitarre) erinnert sich sehr gerne an den Abend. Der, obwohl naheliegend, nicht auf DVD veröffentlicht werden soll. Die Band möchte nicht einfach inflationär Dinge veröffentlichen. Schließlich gab es im Sommer die Doppel-CD „1998-2013 15 Jahre Folk´n Roll - So weit, so gut“, mit der der alte Plattenvertrag ausgelaufen war. Als Einstand beim neuen Label gibt es nun 15 neue Tracks, die von April bis Ende Juni 2013 aufgenommen worden waren. Zum Albumtitel ´Bunt und nicht braun´ wurde online bereits vorab ein offener Brief als Manifest veröffentlicht (siehe www.schandmaul.de/offener-brief-der-band-schandmaul/).

„Der offene Brief sagt alles: Nicht nur bei uns, sondern in der gesamten Szene wird von den `braunen Socken´ versucht, diese schöne Szene zu unterwandern. Man muss in sozialen Netzwerken, beim `Fratzebuch´ etc. sehr aufpassen. Da kommen scheinbar harmlose Links mit Fragen wie `Seid ihr gegen Kinderschändung?´ Klickste drauf, bist Du plötzlich auf einer Fuck Nazi-Seite. Das hat in den letzten zwei Jahren so massiv zugenommen, dass unsere Jungs da aufpassen müssen, gleich löschen. Hand auf die Tische – was wollt ihr hier? Haut ab! Ruhe hier, jetzt! Unser Statement geht allerdings nicht allein auf die `braunen Socken´, sondern allgemein gegen Intoleranz. Wir sind Intolerant gegen Intoleranz!“

Die o.g. Problematik betrifft Gruppen von Ton Steine Scherben (deren politisch links angesiedelte Texte von politisch rechts stehenden, `braunen Socken´ umgetextet wurden) bis Rammstein. Letztere hört Lindner gern mal beim Autofahren. Wie Gitarrist Martin „Ducky“ Duckstein (akustische und E-Gitarren) hört der Schandmaul-Sänger gern auch den Songbarden Reinhard Mey. „Wir lieben den Mann ob seiner Lyrik. Er ist weit über 30 Jahre einer der besten Texter, die wir haben!“

Schandmaul-Texte sind zu fast 100% in deutscher Sprache verfasst, enthalten zuweilen in Syntax / Wortwahl eine mittelalterliche Färbung.

„Man flirtet damit, Worte zu nutzen, die man im normalen Sprachgebrauch nicht mehr nutzt. Es bietet sich einfach an, wenn man Geschichten erzählt, die die Leute beim zuhören aus dem Alltag entführen und entschleunigen. Wie ein Märchenonkel... Wir erzählen Geschichten.“

Zur mittelalterlichen Welt gehört natürlich auch, dass man die Kirche nicht nur im Dorfe lässt. So ist ´In Deinem Namen´ sehr sakral gehalten. Es erinnert an die Orgelkomposition ´Toccata C-Dur“ (heute oft auch genauer: Toccata, Adagio und Fuge C-Dur, BWV 564), die Johann Sebastian Bach 1708 in Weimar in seiner Zeit als Hoforganist schrieb.

„Die ersten Sekunden sind von der `Toccata´ von Bach. Die Birgit (Ines Muggenthaler-Schmack; Flöten, Dudelsäcke, Schalmeien - Anm. d. Verf.) hatte den Text eingebracht, eine kritische Hinterfragung des Glaubens! Wenn man so ein Bild aufruft, sollte man es mit allen Farben malen.“

´Der Baum des Lebens´ ist verbal ebenfalls in den schönsten Farben beschrieben.

„Die Worte sind kein erfundener Stoff. Die Thematik gehört in die Nibelungen. Es wird die Geschichte des Vaters von Siegfried erzählt. Wir haben früher bereits drei Songs zur Nibelungen-Thematik gemacht. `Baum des Lebens´ ist nun das Prequel – Wo kommt Siegfried her.“

Eine reale Begebenheit der Jetztzeit war der Ausgangspunkt der relativ ruhig gehaltenen Singleauskopplung ´Euch zum Geleit´.

„Die Großtante bzw. eine Anverwandte von unserem Gitarristen `Ducky´ ist gestorben. Bei ihrer Beerdigung hat die Verblichene einen Brief, den sie zu Lebzeiten selbst verfasst hatte, verlesen lassen. Motto – Ich sehe, ihr weint! Das müsst ihr nicht. Es war alles fein, schön. Denkt an die gemeinsame Zeit, seid glücklich. Alle Trauergäste haben geweint vor Rührung.“

´Der Teufel...´ könnte ein Prequel für weitere Beerdigungen sein...

„´Der Teufel hat den Schnaps gemacht´... Die Aufgabenstellung lautete – Wir machen ein Sauflied. Witzig dabei, dass wir auf die Idee kamen, andere Sprachen mit hineinzunehmen. Russisch ist dort schön aufgehoben, die Russen können saufen... Englisch ist dabei, viele Engländer saufen sowieso. Den englischen Refrain haben Fiddler´s Green (Band aus Erlangen; Anm. d. Verf.) für uns eingespielt.“

Haben die Musiker(innen) von Schandmaul kein Problem damit, hier den Alkoholkonsum zu propagieren?

„Der Song propagiert ja nicht den Alkoholkonsum im Sinne von `Wir saufen nur´, sondern zwischendrin, in den Strophen, sind ja kritische Momente, wo man das hinterfragt – Wieso passt der Kopf nicht mehr durch die Tür etc. Aber ein Sauflied ist nun mal ein Sauflied. Bei ´Eisgekühlter Bommerlunder´ will man auch nicht die Moralpauke hintendran.“

Das norddeutsche Städtchen Bremervörde hat seit kurzem (als einer der weltweit ersten Orte) mit `Vörder Seefee´ einen offiziellen Stadtlikör auf Kartoffelschnapsbasis, der einen Euro von jeder verkauften Flasche an soziale Einrichtungen weiterleitet, um Leuten, die an/durch Alkohol erkrankt sind, zu helfen. In der Nachbarstadt Zeven ist Thomas Lindner 1974 geboren. Besucht der Künstler seinen Geburtsort noch, z.B., wenn im nahem Hamburg Gastspiele anliegen?

„Ganz ehrlich – wenn wir Konzerte in Hamburg geben, fahren wir nachts durch die Republik. In Zeven war ich letztmals auf einer Privatreise, vor circa 10-12 Jahren. Ich hab es mir angeguckt, mich gefreut, dass hier der Milram Frühlingsquark herkommt. Wenn man dann am nächsten Tag im Supermarkt steht, dann kauft man sich einen! Weil... mein Herz wohnt ja in Zeven!“

In ´Trafalgar´ geht es im übertragenen Sinn um viele Herzen, die aufhörten zu schlagen...

„Der Song thematisiert die klassische Schlacht von Admiral Nelson. Mein Lieblingsbuch ist C.S. Forrester´s „Hornblower“-Werk in 11 Bänden. Es handelt davon, wie Napoleon sein Unwesen trieb, sehr gut recherchiert. Es war eine krasse Schlacht. Man kann sich banghaft überlegen, was passiert wäre, wenn die Engländer es nicht geschafft hätten, das französisch-spanische Bündnis zu zerschlagen - damit ja dann die Seeherrschaft zu erlangen. Napoleon wurde gezwungen, über Land die eigenen Truppen zu versorgen. Woran er gescheitert ist. Der Anfang vom Ende Napoleons begann mit der Schlacht um Trafalgar.“

Anstatt nun Napoleons Waterloo zu beleuchten, sollte auf die verschiedenen Aspekte hingewiesen werden, die bezeugen, dass die Band mitten im Leben steht, sehr viel dafür tut, um es noch ein wenig schöner werden zu lassen. Im Internet findet sich z.B. ein Video zu ´Der Hofnarr´, dass vollständig mit Lego-Figuren aufgebaut wurde.

„Wir hatten seinerzeit einen Wettbewerb ausgerufen. Ich weiß gar nicht mehr, ob das Lego-Video gewonnen hat. Eine sehr respektvolle Arbeit!“

Respekt verdient ebenfalls der Schandmaul-Einsatz für wohltätige Zwecke. Die Gruppe unterstützt mit ihren Aktionen immer wieder Organisationen wie Viva Con Aqua oder Ärzte ohne Grenzen. Und was das Wichtigste ist: Thomas Lindner, Anna Katharina Kränzlein (Geige, Drehleier, Klavier, Gesang), Stefan Brunner (Schlagzeug), Matthias Richter (E-Bass, Kontrabass), Birgit Muggenthaler und Martin Duck-stein denken an die Zukunft: Kinder!

„Wir haben in diesem Jahr 3 CDs fertig gestellt. Die Compilation `So weit, so gut´ (CD1 enthält Neuaufnahmen vieler Klassiker; CD Originale), unser Sudioalbum `Unendlich´ sowie eine ganz andere Blödelei... Ende nächsten Jahres, eventuell bereits im Herbst 2014, kommt `Schandmäulchens Traumreise´. Wir haben eine Kinderplatte aufgenommen! Quasi mit Vorlesebuch, illustrierten Geschichten. Wenn Papa oder Mama keinen Bock haben, vorzulesen, dann gibt es Onkel Thomas - sprich mich - auf dem Hörbuch. Dann lese ich halt vor. Entstanden ist die ganze Idee daraus, dass wir mittlerweile alle 1-2 Kinder haben. Da sind Lieder dabei, die die Fans einfordern werden, dass wir sie live performen. Auch der normale Fan wird zugreifen, weil es einfach normale Schandmaul-Lieder sind – nur eben ein bisschen kindlich hergerichtet. Die kleinen Hofnarren auf Reisen erleben so einiges...“

Eine unendliche Geschichte... unendlich, und Endlich. Gut!

Aktuelles Album: Unendlich (Vertigo / Universal) VÖ: 24.01.2014
Weitere Infos: www.schandmaul.de
© 03. Dezember 2013  WESTZEIT ||| Text: Ralf G. Poppe ||| Foto: Erik Weiss
Dezember 2013

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