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SLUT - Teardrops explode

Slut sind raus aus dem Kuppelsaal des Indie-Rock. Streicher und Klavier adé. Rock rules. Die fünf Ingolstädter haben dem überbordenden Pathos ihres letzten Albums das Fleisch von den Knochen genagt. Mit ‚Nothing Will Go Wrong‘ legen sie ein Werk vor, das seine Kraft aus der Liebe zum Lärm schöpft.

Auf ‚Lookbook‘ schwelgten sie noch in der wunderbaren Melancholie des Seins. Ihr drittes Album präsentierte bittersüsse Songs im Breitwand-Format, voll Sehnsucht, Sentimentalität und Seele. Southern Soul oder so ähnlich. ‚Nothing Will Go Wrong‘ steht dem in nichts nach, verstärkt allerdings den Druck. Es zieht, zerrt und reißt mit. Slut agieren wieder mehr als Rock-Band. Noch immer liegen Welten zwischen den Ingolstädtern und fast allem, was an englischsprachiger Popmusik aus Deutschland kommt. Wann hat man jemals fünf Mitt-Zwanziger erlebt, die mit solcher Ernsthaftigkeit ihre Visionen musikalisch umsetzen?

Auch das neue Album ist wieder ein melodisches Meisterwerk. Ergreifend und erhebend. Aber vor allem laut. Und leise. Zusammen in perfekter Harmonie. Die im März diesen Jahres erschienene "Teardrops"-EP deutete schon an, wohin die Reise gehen würde. Tempo hoch, Gitarren rein. Leider paßte das wunderbare Video wegen der filmischen Fokussierung auf das Thema Wintersport nicht ins Frühlings-Programm der Musikkanäle. Verrückt, aber wahr. Das Bob-Team Slut durfte die ersten wärmenden Sonnenstrahlen nicht genießen. Die Jungs bedauern das mit einem achselzuckenden "ja mei". Weiter geht’s. No sleep ‘til Ingolstadt.

Denn nun folgt die Single "Time is not a remedy". Ein Indie-Rock-Monster mit schleppendem Voll-Kontakt-Groove. Wer Slut als weinerliche Jammerlappen abgestempelt hat, darf jetzt gesenkten Hauptes den Rückzug antreten. Ich frage Schlagzeuger Matthias Neuburger, der im Vergleich zum Vorgänger-Album einen enorm druckvollen Stil an den Tag legt, wo denn plötzlich diese Sound-Wände herkommen. "So ganz neu ist das bei uns nicht", bemerkt der Jüngste der Band. "Wir haben auf unseren ersten Platten ähnlich gearbeitet. ‚Nothing Will Go Wrong‘ ist ja bereits unser viertes Album. Nach dem ‚Lookbook‘ und den vielen Konzerten im Laufe des letzten Jahres hatten wir alle Lust, mal wieder auf die Pauke zu hauen und eine härtere Gangart anzuschlagen."
War die Hinwendung zum krachigen Sound eine bewußte, zielgerichtete Entscheidung oder hat es sich mehr oder weniger von alleine dorthin entwickelt?
"Unser Grundprinzip war bisher immer, mit neuen Platten nie komplett an das anzuknüpfen, was wir davor gemacht haben. Alle Platten unterscheiden sich voneinander. Die bewußte Entscheidung war somit, dass wir andere Mittel als bei ‚Lookbook‘ verwenden wollten. Dort standen vor allem Tasteninstrumente im Vordergrund. Es steckte sehr viel Kopf- und Detailarbeit darin. Bei ‚Nothing Will Go Wrong‘ wollten wir versuchen, mit dem Instrumentarium Gitarre, Bass und Schlagzeug unsere Musik mehr aus dem Bauch heraus zu entwickeln."
Was macht denn dann Keyboarder René Arbeithuber, der ja bei Pelzig beweißt, dass er mit der Gitarre ordentlich sägen kann?
"Wir kommen ja auch bei den neuen Songs nicht ohne Elektronik und Samples aus. René hat bei den Aufnahmen aber heftig mitgerockt, das ist wahr. Auch live werden wir auf ihn angewiesen sein. Du kannst dir sicher sein, dass wir zu fünft auf der Bühne stehen werden."
Der Albumtitel klingt dieses Mal sehr selbstbewußt, erinnert gar an Oasis (‚Standing On The Shoulder Of Giants‘) oder Embrace (‚The Good Will Out‘).
"Nein, das war nicht beabsichtigt. Der Titel kommt von einem Song gleichen Namens. Der hat es schließlich aber nicht auf die Platte geschafft. Außerdem ist es das englische Äquivalent zur bayrischen Redewendung ‚Des paßt scho so‘. Und das war mit die häufigste Phrase, die während des Entstehungsprozesses ausgesprochen wurde, weil wir uns sehr zurückgenommen und die Musik deutlich schlichter gestaltet haben. Aber so richtig bedeutungsschwanger ist der Titel nicht."
Slut haben ihren Sound einem Reduktionsprozess unterworfen, der die Kraft der Musik bündelt, Spannungen erzeugt und diese über ungestüme Ausbrüche zu kathartischen Momenten werden läßt. Mächtige Wände aufbauen und sie unter melodischem Getöse in ihre feinsten Teile zerlegen. Das ist der künstlerische Triumph von ‚Nothing Will Go Wrong‘. Vielleicht ist der Titel nicht bedeutungsschwanger. Wahr ist er allemal. Für die Dauer dieser raumgreifenden Musik. Pop, ein monumentales, lebensbejahendes Gefühl, das deinen Puls zum Rasen bringt. Hier und jetzt.
Aktuelles Album: Nothing Will Go Wrong (Virgin)
Weitere Infos: www.slut-music.de
© 02. August 2002  WESTZEIT ||| Text: Marcus Kalbitzer ||| Foto: Gerald von Foris
August 2002

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