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Joseph Arthur - und die Suche nach dem heiligen Gral

Joseph Arthur lebt in einer anderen Welt. Jeder, der ihn mal von Angesicht zu Angesicht getroffen hat, wird das bestätigen können. Auch die, die nur mittelbar mit ihm zu tun haben, fürchten sein unstetes Wesen und die heitere Gelassenheit, mit der er sich irdischem Regelwerk wie z.B. Terminabsprachen entzieht. Nachdem die Plattenfirma ca. 3 Wochen brauchte, um einen Kontakt herzustellen, ist das Ergebnis eher ernüchternd: Nein, Joseph sei jetzt doch nicht da, meint z.B. der Tourmanager zum verabredeten Zeitpunkt. Er sei leider in die Stadt gegangen und habe zudem sein Handy ausgeschaltet. Da könne man nichts machen und es habe auch keinen Zweck später anzurufen, weil keiner wisse, wann Joseph wieder auftauchen werde. Am besten solle man ein paar Tage später noch mal anrufen.
Gesagt getan. Jetzt ist Joseph tatsächlich zu erreichen. Aber nicht in London, wie vereinbart, sondern in Paris. Das hat aber alles seinen Grund: Joseph Arthur ist schlicht der Prototyp des freischwebenden Künstlers. Er musiziert, malt, schreibt und macht Skulpturen wo er geht und steht – nach seinen eigenen Regeln, die er indes nicht weiter definieren kann oder möchte. Erklären kann er das alles jedenfalls nicht: Jede Antwort auf jede Frage wird grundsätzlich mit einem relativierenden "I don´t know" eingeleitet – auch, wenn noch etwas kommt. Wenn es einen Künstler gibt, der sich treiben läßt – im positiven, wie im negativen Sinne, dann ist das Joseph. Momentan ist er in einer depressiven Phase: "I don´t know", antwortet er auf die Frage, was er denn gerade so mache, "momentan habe ich ein paar Tage frei. Danach gebe ich ein paar Konzerte." (Darunter auch einige wenige in Deutschland, wovon das Haldern Festival die Krönung sein dürfte). "Ich würde ja gerne mal eine Tour in Deutschland machen, aber das muß ja irgendwie finanziert werden. Und momentan verkaufe ich einfach nicht genug Scheiben." Was natürlich ein Teufelskreis ist. Aber Joseph hat da auch ein ganz besonderes Problem. Seine neue CD, "Redemption´s Son" ist zwar gerade erschienen, aber das will bei ihm nichts heißen. "Ich könnte alle 3 Monate 10 Songs herausbringen", meint er zu diesem Thema, "ich habe wahrlich keinen Mangel an Stücken. Aber die Plattenfirma erlaubt es mir einfach nicht, mehr zu veröffentlichen. "Redemption´s Son" ist eine ziemlich zusammengetragene Geschichte. Eigentlich sind es auch zwei CDs in einer – denn sie besteht aus mehreren EPs und einigen neuen Stücken." Vor kurzem veröffentlichte Joseph vier EPs unter dem Titel "Junkyard Hearts" – d.h.: Veröffentlichen ist zuviel gesagt. Man kann sie praktisch nicht bekommen. Genausowenig wie eine Live CD, die auch nur bei Konzerten zu haben ist. "Ich bin momentan in einer schwierigen Position", murmelt Joseph bitterlich, "die Plattenfirma erlaubt es mir nur soundsoviele Tonträger herauszubringen. In den USA kann ich momentan gar keine Scheiben veröffentlichen. So habe ich mir das nicht vorgestellt." Dabei fing doch alles an wie in einem Traum: Joseph verschickte Tapes mit seinen ersten Songs und eines davon fiel Peter Gabriel in die Hände, der sich an Joseph wandte, um seine Songs herausbringen zu können. Bei Joseph´s erstem Konzert im New Yorker Fez-Café waren Peter Gabriel und Lou Reed anwesend. Später am Abend traf man noch Dolly Parton. Vor drei Jahren, als gerade seine EP Vacancy (regulär) auf Gabriel´s Real World Label erschien, war die Welt noch in Ordnung. "Es ist alles O.K. für mich, so lange Real World mich bezahlt", meinte Joseph damals. Das hat sich inzwischen geändert. Da scheint doch mehr zum Künstlerleben zu gehören, als das gesicherte Einkommen. "Ich muß irgendwie sehen, daß ich aus dieser Zwickmühle herauskomme", sagt Joseph, "wenn Du einen Plattenvertrag unterzeichnest, dann überschreibst Du Deine Seele dem Teufel, und das mußt Du einfach wissen. Ich wußte es damals nicht und würde es nie wieder machen. Ich kann mich auch nicht mit dem identifizieren, was da abgeht. Das ist es nicht, was ich bin. Das Musik-Business ist ein ziemlich beschissener Ort, kann ich Dir sagen!" Da muß man allerdings mal einen Schnitt machen: Hier geht es Joseph einzig um den geschäftlichen Aspekt. Mit Peter Gabriel versteht er sich z.B. nach wie vor gut, mag auch sein neues Album – aber die richtige Welt macht Joseph zu schaffen. (Immerhin hätte ihm diesbezüglich der Name des Labels doch schon einen Hinweis geben können – har har). Auch die Möglichkeiten, anderweitig zu musizieren sind eingeschränkt. "Sicher, ich könnte bei befreundeten Musikern mitspielen (wie er das zuweilen tut – z.B. mit David Gray) – aber das ist es nicht, was ich mache. Das ist wie ins Kino oder zum Essen ausgehen. Ich möchte aber selber Musik machen. Wie würdest Du dich denn fühlen, wenn man Dir sagte, du kannst nur zwei Stunden am Tag arbeiten?" Eine reizvolle Hypothese eigentlich – aber das sieht ein Workaholic wie Joseph natürlich anders – auch wenn er manchmal Mittel und Wege findet, doch noch irgendwo sein Zeug unterzubringen. Z.B. in dem Soundtracks zu den Filmen "Hell´s Kitchen" und "Pigeonholed". "Ja, das ist durch Rosanna Arquette zustandegekommen (die in beiden Filmen mitspielte), "sie hat mich gefragt, ob ich nicht ein paar Songs für den Film machen könnte. Leider konnte ich diese dann aber nicht veröffentlichen ..." Womit wir wieder beim Thema wären. WENN Joseph dann allerdings mal CDs veröffentlicht – wie z.B. jetzt – dann bekommt man etwas geboten für sein Geld. Mit einer Spielzeit von über 70 Minuten gibt sie echt was her. Wenn man nun allerdings versucht, herauszufinden, worum es bei den Songs geht, gibt es – außer vagen Andeutungen – nicht viel von Joseph zu hören. "I don´t know", beginnt er wiederum, "der Titel ´Redemption´s Son´ ist einfach nur der Titel eines Songs und ich mochte ihn am liebsten. Es sind teilweise autobiographische und teilweise fiktive Sachen, über die ich singe. Es geht z.B. in ´Son´ NICHT um meinen leiblichen Vater ... Und wenn ich z.B. Jesus ins Spiel bringe, dann keineswegs den richtigen Jesus. Ich bin kein Kirchgänger ... Es gibt aber auch gewisse spirituelle Anspielungen." Ja schön und gut, aber irgendwo müssen diese Songs doch herkommen. "I don´t know", wiederholt sich Joseph, "es kommt viel aus dem Unterbewußtsein, es gibt viele traumähnliche Situationen." Und warum schreibt er auf diese Weise? "Das hört sich an, als wolltest Du mir unterstellen, ich wüßte, woher das kommt und warum ich dies und das tue. Das ist aber nicht der Fall. Ich lebe einfach mein Leben", sagt Joseph mit bestimmtem Tonfall, "das gilt auch für mein Artwork." Auf der CD befindet sich erstmals kein Gemälde von Joseph, sondern die Fotografie einer Skulptur. "Da weiß ich auch nicht immer, warum ich dies und jenes tue. Es ist kein bewußter Prozeß und ich überlege mir auch nicht bewußt, warum ich bestimmte Sachen tue. Es gibt da keine definitive Interpretation. Schon gar nicht versuche ich etwa absichtlich vage zu sein ... Es ist höchstens so, daß mir manchmal im Nachhinein gewisse Dinge klar werden oder Zusammenhänge bewußt werden." Das bedeutet aber immer noch nicht, daß Joseph etwa erklären könnte, warum auf seiner offiziellen Web-Page www.josepharthur.com Schaben herumkrabbeln. Joseph Arthur ist – so scheint es - auf absehbare Zeit damit beschäftigt, seinen heiligen Gral zu finden – wie immer der aussehen mag. Zum Glück ist er ein zwar sensibler, aber nicht zerbrechlicher Künstler (eher schon grummelig). Da wird ihm schon irgend etwas einfallen...
Weitere Infos: www.josepharthur.com
© 01. August 2002  WESTZEIT ||| Text: Ullrich Maurer ||| Foto: Philipp Lethen
August 2002

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